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Rezension: Über den Designer Olt Aicher : Ein Gestalter, der sich zwischen alle Stühle setzte

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Er lebte für die Ästhetik der Richtigkeit: Otl Aicher zählt zu den einflussreichsten Designern der Nachkriegszeit. Seine Biographin Eva Moser korrigiert nun das Bild, das er selbst von sich schuf, mit der Wirklichkeit.

          m an wird zum bild, das man von sich macht.“ - Ein programmatischer Satz, in Kleinschreibung formuliert in einem Essay über visuelle Erscheinungsbilder. Er könnte ein Motto jenes Mannes sein, der die ganze Welt als Entwurf betrachtete, für den sich Dichtung und Wahrheit vermischten, ganz im Sinn des Diktums des Soziologen Ralf Dahrendorf: „Autobiographien sind Lebenslügen.“ Die Konstanzer Kunsthistorikerin Eva Moser nahm diese Herausforderung an und verfasste die erste Biographie über den Graphiker Otl Aicher, dessen Meisterstück das Münchner Olympia-Design von 1972 und die Sportpiktogramme waren.

          Aicher wurde am 13. Mai 1922 in Ulm geboren, er verunglückte 1991 auf dem eigenen, zur „autonomen republik“ stilisierten alten Mühlengelände im Allgäuer Weiler Rotis tödlich. Ein Leben, das an Fülle, Begabungen, Widersprüchen, Begegnungen und Außenwirkung kaum hätte reicher sein können. Aicher war mehr als ein Graphik-Handwerker, der Le Corbusier als Brücke zur Moderne betrachtete - er schrieb internationale Designgeschichte. Mit der nach seinem Wohnort benannten Rotis entwickelte er eine erfolgreiche Schrift, war Mitbegründer der legendären Hochschule für Gestaltung in Ulm, Spiritus Rector für Leitlinien großer Unternehmen. Er engagierte sich als Friedenskämpfer und Sitzblockierer gegen atomare Aufrüstung, beeindruckte Architekten mit seinen Atelierbauten aus Holz.

          Der HJ-Verweigerer

          Die von Otl Aicher entwickelte Symbolsprache, von ihm gesellschaftlich als „ästhetik der richtigkeit“ definiert, blieb im visuellen Alltag des einundzwanzigsten Jahrhunderts lebendig. Aichers Gestaltung begegnet uns modifiziert noch im Corporate Design von Banken und Städten, bei BMW und Bulthaup-Küchen, Lufthansa, dem Münchner Flughafen, den Firmen Erco, Bayerische Rück, FSB. Die Biographin sichtet dieses Leben kritisch, das in zahllosen Briefen, Tagebüchern, Büchern, Zeichnungen, Projektentwürfen, Fotografien, Ideenskizzen, Kritzeleien, Möbelentwürfen und Zeitzeugnissen von Fotografen, Architekten, Unternehmern, Familienmitgliedern dokumentiert wurde. Das Ergebnis ist eine Überraschung: Eva Moser hat den Menschen Otl Aicher, der sich eher stolz als selbstkritisch hinter einer „mauer der arroganz“ verschanzte, zum Vorschein gebracht. Sosehr Moser ihre Chronistenrolle herunterspielt, so selbstbewusst und stilistisch pointiert verknüpft sie die Widersprüche zwischen gelebter Wirklichkeit und abweichender Selbstinterpretation eines der kreativsten Köpfe Nachkriegsdeutschlands.

          Mosers Buch beleuchtet ausführlich die Kindheit in einer aufstrebenden Handwerkerfamilie, die einsamen philosophischen Studien des jungen Otl, seine reformkatholische Prägung durch die Theologen Theodor Haecker und Carl Muth, die politische Sozialisation Aichers im intellektuellen, von den Idealen der Jugendbewegung beeinflussten „Scholl-Bund“. Sie nähert sich dem HJ-Verweigerer, der aufs Abitur pfiff, dem Weltkriegsdeserteur. Sie entwirrt die Verstrickung Aichers in die Widerstandsaktivitäten der „Weißen Rose“ und würdigt die Energie des Autodidakten, die von der Umwelt oft negativ als Unfähigkeit zur Anpassung wahrgenommen wurde.

          Und sie lässt die Kreativwerkstatt Rotis der letzten zwei Lebensjahrzehnte mit den strengen, teils absurden Verhaltensregeln des so ordnungsfanatischen wie feierfreudigen Chefs ebenso lebendig werden wie seine Ehe mit Inge Scholl (1917 bis 1998). Das Familienleben mit den fünf Kindern blieb den elterlichen Projekten stets weit untergeordnet. Die achtziger Jahre, in denen Aicher die meisten Bücher veröffentlichte und einige Lieblingsideen verfolgte, sind bei der Rückschau leider etwas zu knapp geraten.

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