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Rezension: Tom Hodgkinsons „Schöne alte Welt“ : Wer Holz hackt, kann auch Latein lernen

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Nach der Gartenarbeit ein paar Seiten Vergil: Tom Hodgkinson singt ein eigenwilliges Lob auf das Landleben. Amüsantes und versnobte zwölf Kapitel für Traditionalisten.

          Tom Hodgkinson gehört zu den liebenswerten Käuzen, die in England besonders gut gedeihen, während sie auf dem Kontinent weitgehend ausgestorben sind. Sie provozieren gern mit originellen Ansichten, die meist einen realistischen Kern von Wahrheit enthalten und zum Nachdenken anregen. Zurück zur Natur! Schön wär’s ja. Die Maxime wird immer wieder in vielen Variationen durchgespielt, oft theoretisch abgesichert, kapitalismuskritisch und mit den neuesten ökologischen Erkenntnissen ausstaffiert.

          So bitterernst nimmt sich unser britischer Autor nicht; ihm sitzt stets auch der Schalk im Nacken. So dürfen wir, ohne ihn zu beleidigen, über sein Loblied des einfachen Lebens auf dem Lande auch schmunzeln und uns an seinen Erfahrungen auf einem zweihundert Jahre alten gepachteten Hof in Devon erfreuen. Sie bestehen vorwiegend aus Lesefrüchten. Fleißig hat er studiert, wie Griechen und Römer ihre Gärten anlegten, welche Gebräuche im Mittelalter gepflegt wurden, wie sie damals gefeiert haben und was leider alles verlorengegangen ist. Mit ihm auf die „Schöne alte Welt“ verklärt zurückzublicken ist für Hodgkinsons Leser auch dann ein Vergnügen, wenn Zweifel an seinen Methoden der Bodenbearbeitung angebracht sind.

          Vokabeln im Garten lernen

          Mit seinem ersten Buch „Anleitung zum Müßiggang“ hat er Furore gemacht. „The Idler“ (“Die Müssiggänger“) heißt seine Zeitschrift für Gleichgesinnte. Seit immerhin zehn Jahren erprobt er nun - zwar selbstbestimmt, doch wohl keineswegs als Müßiggänger - die Existenz eines Selbstversorgers mit Frau und zwei Kindern im Exmoor, drei Stunden von London entfernt. Mitfühlend nehmen wir teil an schönen Erwartungen wie an herben Enttäuschungen. Wenn Schnecken über Nacht Salat und andere Pflanzen bis auf die Strünke abgefressen haben, können wir die Wut des Gärtners verstehen. Ob der Stolz auf die reiche Ernte von Pastinaken (auch als Viehfutter zu verwenden) den Ärger aufwiegt, wagen wir zu bezweifeln? Hasserfüllt beschimpft er Supermärkte, Fernsehen, die Maschinenwelt und träge Freunde. Die Moderne betrachtet er argwöhnisch als Feind alles Individuellen. Bescheiden und zugleich anspruchsvoll, was die wahren Werte des Lebens betrifft, das ist seine Maxime.

          Trotz der Warnung eines Idlers, „work kills“, ist für Hodgkinson Gartenarbeit ganz und gar nicht verpönt, sie ist eben lebenswichtig, und zudem muss niemand dabei verdummen, lässt sie sich doch wunderbar mit Lateinlernen verbinden. Latein hat der junge Tom auf einer der teuersten und besten Privatschulen Englands gelernt. Es fällt ihm nicht schwer, seine Kenntnisse beim Hacken und Harken aufzufrischen und abends vor dem Kamin mit der Lektüre von Plinius dem Älteren, Palladius oder Vergil zu vertiefen. Er zitiert gern im Original, was sie über Ackerbau und Viehzucht zu sagen haben, liefert aber nachsichtig auch gleich die Übersetzung, wohl wissend, dass er sonst viele seiner Leser verlieren würde. Ein bisschen Bildungsprotzerei zwischen Hühnerstall und Kartoffelfurchen macht sich gut. Latein schärfe den Verstand, versichert Hodgkinson, und immunisiere zugleich gegen „die Manipulation der Werbeleute“. Diese Zeitgenossen zählen neben den Schnecken zu seinen schlimmsten Feinden, dagegen sind Regenwürmer und mittelalterliche Ratgeber wie Thomas Tusser, der Anleitungen für den Landbau in Versen schrieb, seine besten Freunde.

          Mitten in London ein Kulturzentrum

          Der Müßiggangapostel zitiert überhaupt sehr gern. Die langen Winterabende verbringt er mit gründlicher Lektüre. Was man im Mittelalter schon über natürliche Düngung wusste, hat Rudolf Steiner nur wieder ausgegraben. (Das nützliche Torf-Plumsklo als Ergänzung zu Hühnermist ist aber wohl doch nicht allgemein zu empfehlen.) Kunstdünger ist selbstverständlich verpönt. Als „radikaler Tory“ möchte Hodgkinson verstanden wissen. Ein radikaler Traditionalist hackt sein Holz selbst, kocht Marmelade, bäckt Brot und mästet und schlachtet sein eigenes Schwein. Er stellt auch seine eigenen alkoholischen Getränke her und spart dabei eine Menge Geld. Die notwendige Arbeit stets genießen, das mag nicht immer gelingen, doch nur so lassen sich die Gegensätze zwischen Schuften und Müßiggang in Einklang bringen.

          Gelegentlich scheint einem solchen Radikalen im Exmoor dann doch das Leben eines Lohnsklaven in der Stadt „ungemein verlockend“. „Den eigenen Ansprüchen entsprechend zu leben“, sei mitunter schwierig, gibt er zu. Doch da hat er bereits eine Alternative gefunden: Mitten in London hat er ein Kulturzentrum mit Bibliothek und einem alternativen Café eröffnet, in dem er weiterhin seine Thesen bei selbstgebrautem Bier und anderen Köstlichkeiten verbreiten kann. Außerdem kann man dort Kurse für Latein, Sticken und mittelalterliche Musik belegen. Ein einfallsreicher Tausendsassa. So sieht er auch aus, wie er da in Cordhosen und verdreckten Gummistiefeln auf der Schwelle seines Granithauses hockt.

          Sein Buch ist wohl kaum als „Ein praktischer Leitfaden für das Leben auf dem Lande“ zu bezeichnen, doch amüsant, kulturgeschichtlich hochinteressant und herrlich versnobt sind die zwölf Kapitel allemal. In jedem Monat ist an erster Stelle ein Befehl zu befolgen. „Hacke Holz“, heißt er im Januar, „Mähe die Wiese“ im Juli und nichts weiter als „Feiere“ im Dezember. Als Beispiel für ausgiebiges Feiern beschreibt er ein zwölfgängiges Festmahl, bei dem zwischen den Gerichten (mit Messer und Fingern zu essen) Gaukler, Tänzer und Sänger auftreten und Schalmeien das Ende des Schlemmens anzeigen.

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