Es ist guter Brauch in den Geisteswissenschaften, das Wissen über einen Gegenstand oder eine Person von Zeit zu Zeit in Handbüchern zusammenzufassen. Zur bequemen Orientierung für Studenten oder Fachkollegen, aber auch zur Vermittlung an eine breitere, über die Grenzen der eigenen Disziplin hinausgehende Öffentlichkeit. In der Musikwissenschaft hat sich solches Bemühen seit einigen Jahren jedoch zu einem zentralen, inzwischen mit ostentativer Beharrlichkeit gepflegten Darstellungsmodus entwickelt.
In einer disziplinären Diskussion, die mit einer gewissen Inbrunst auf die Destabilisierung ihres eigenen Gegenstandes gerichtet ist, wirken derartige Unternehmungen nicht selten wie ein Kontrapunkt, vielleicht sogar wie ein beschwörendes Korrektiv. Zuweilen gewinnt man dabei, nicht ohne Irritation, den Eindruck, das Handbuch ersetze den verdichteten monographischen Entwurf, ja, es weiche diesem sogar aus. Gestützt wird dies von manchen Verlagen, die den wissenschaftlichen Markt mit voluminösen Handbuchvorhaben geradezu überschwemmen, zum doppelten Nachteil der Sache: Vielbändige Kompendien sind eben keine Handbücher mehr und folglich keine Zusammenfassung von Forschungsarbeiten, sondern verkappte monographische Darstellungen, die ihrerseits jedoch nicht mehr von einer Problemstellung geprägt sind, sondern vom bloßen Bann eines abgezirkelten Gegenstands.
Knappe neunhundert Seiten
Das nun erschienene Schubert-Liedlexikon, dessen Titel, modisch-schick, in Kleinschreibung daherkommt, ist eigentlich ein Handbuch, jedenfalls eine Mischung aus Handbuch und Lexikon - und bezeichnet ein besonderes, aber in diesem Falle besonders produktives Dilemma. Es ist nämlich unstrittig, dass die Liedkomposition ein zentraler Pfeiler in Schuberts Schaffen ist - zudem derjenige, der den Komponisten zu Lebzeiten besonders erfolgreich hat werden lassen. Gleichwohl hat nur ein kleiner Teil dieser Lieder Eingang in ein stabiles Repertoire gefunden, was sich in der Forschungslage widerspiegelt. Gerade dieser Umstand erweist sich aber als veritabler Grund für ein solches Unternehmen, denn hier war Wissen nicht einfach zusammenzufassen, sondern in einem elementaren Sinne erst zu generieren.
Auf den fast neunhundert Seiten des Kompendiums findet sich also der Kosmos des Schubertschen Liedschaffens in Werkporträts ausgebreitet - und dies ist in der Tat ein bewundernswertes, in mancher Hinsicht einschüchterndes Novum. Kein Mensch käme wohl auf den Gedanken, eine Monographie über Schuberts Lieder zu schreiben - und wenn, dann wäre er auf eine karge Auswahl angewiesen. Eine lexikalische, nicht durch vorgeprägte Wertungen hierarchisierte Darstellung erweist sich daher als angemessene Antwort auf dieses Problem, und der Band dürfte schon deswegen eine Fundgrube sein für Studenten, Literatur- und Musikwissenschaftler, Musiker, Konzertbesucher und, zum Glück, für den Liebhaber.
Auf ein schwindelerregendes Niveau
Die vier Herausgeber, gruppiert um den Nestor der Schubert-Forschung, Walther Dürr, haben den praktikabelsten und nächstliegenden Weg gewählt: Auf der Grundlage der Neuen Schubert-Ausgabe wird in der Chronologie des Deutsch-Verzeichnisses Lied um Lied vorgestellt, als jeweils eigenes Werk, mit einem Incipit, dem Text, philologischen, technischen und bibliographischen Angaben sowie kurzen Interpretationen des Gedichts und der Komposition. Selbstverständlich unterscheiden sich die Resultate voneinander. Peter Gülkes pointiert-virtuose Deutung der frühen Romanze D 114, Hans Joachim Kreutzers zurückhaltende Lesart vom „Hirt auf dem Felsen“, D 965, Walther Dürrs feinsinnige Analyse der Novalis-Hymne, D 659, markieren nicht nur das weite Spektrum der Möglichkeiten, sondern können als Einladung verstanden werden, den Raum der Schubert-Lieder multiperspektivisch zu vermessen. Dass dabei mitunter eine vordergründige Erlebnisrhetorik bedient wird - das Vorspiel zum Doppelgänger sei durch „beklemmende leere Statik“ gekennzeichnet - und auch allzu technische Beschreibungen anzutreffen sind, mag in der Logik solcher Vielfalt liegen - und verweist auf die beiden äußeren Pole, zwischen denen es Erkundungen anzustellen gilt.
Das Liedlexikon, die Frucht der jahrzehntelangen Arbeit der Schubert-Ausgabe und Walther Dürrs, ist sorgfältig ediert und gedruckt, durch Register wohlerschlossen und durch die Fußzeilen außerordentlich gut zu benutzen. Natürlich wären Weiterungen denkbar gewesen, vor allem statistischer Art: zu den Phasen von Schuberts Liedkompositionen, zur Frequenz der vertonten Dichter, zum Verhältnis von Zyklus und Einzellied, zu der (im Lexikon säuberlich geschiedenen) Frage von Fassungen und neuen Bearbeitungen, zur zeitgenössischen Rezeption, zur Gesangs- und Klavierpraxis. Doch die Liste solcher Wünsche schmälert nicht den herausragenden Rang des Kompendiums, das selbstverständlich nicht durchgängig gelesen werden will - und doch nicht allein zum Nachschlagen dient. Es lädt zur mäandernden Lektüre, zum Verweilen, zu vielfältigen Entdeckungsreisen ein. Deswegen erweist es sich als eine große Bereicherung, nicht bloß für den Fachgelehrten, sondern für alle, denen Schuberts Lieder mehr bedeuten als beiläufige Begegnungen mit musikalischen Meisterwerken. Und dies ist dann vielleicht die erstaunlichste, nicht neue, aber doch in der Form des Lexikons verblüffend evidente Einsicht: dass Schubert als Liederkomponist beharrlich einen Weg gegangen ist, der schon früh auf einem schwindelerregenden Niveau angelangt war - und dass dieses Niveau innerhalb der gut fünfzehn Jahre kompositorischer Praxis fortwährend ausdifferenziert worden ist.
Dieses Lexikon bleibt, kommentarlos, etwas schuldig, das man vielleicht am ehesten von ihm erwartet hätte: eine pointierte, überblickhafte, einleitende Darstellung zum Liederkomponisten Schubert, gleichsam die essayistische Ahnung einer Monographie, die es nicht geben kann. Nach dem näheren Umgang mit dem Buch begreift man allerdings die Gründe für diesen Verzicht: Einen perspektivischen Fluchtpunkt, auf den sich Schuberts Lieder plausibel beziehen ließen, gibt es nicht, und dies ist das eigentliche Rätsel, die unlösbare Herausforderung, die mit ihnen nach wie vor verbunden ist. Dass ein Kompendium eine solche Einsicht zu vermitteln vermag, ist wohl das größte Kompliment, das man ihm machen kann. Denn in diesem Fall von Schuberts Liedern erweist sich das lexikalische Handbuch nicht als Zusammenfassung, sondern als eigentlicher, als genuiner Darstellungsmodus. Das Schubert-Liedlexikon ist deshalb nicht bloß unentbehrlich, es ist ein Ereignis.