Am 11. August 1960, kurz nach Mitternacht, war es so weit: Der Dichter André Malraux, seinerzeit Frankreichs Kulturminister, verlas auf dem Dach der Gouverneurspalastveranda in der tschadischen Hauptstadt N’Djamena und im Schein einer Taschenlampe die pathetischen Grußworte General de Gaulles. Viel war von der heroischen Zeit des Freien Frankreich die Rede, ehe Malraux die Hand des tschadischen Präsidenten François Tombalbaye ergriff und der Menge zurief: „Voici le drapeau vivant de la Communauté française“ - der Tschad war unabhängig. Erst wenige Monate zuvor hatte man hastig Kooperationsverträge unterzeichnet, welche dem Sahelstaat ökonomisch überlebenswichtige Finanzhilfen aus Paris und Frankreich die Vorherrschaft auch nach dem formalen Ende seiner Kolonialherrschaft sicherten.
Malraux eilte weiter ins zentralafrikanische Bangui, zur nächsten Unabhängigkeitsfeier. Siebzehn vornehmlich französische Afrika-Kolonien erlangten 1960 ihre Souveränität, andere folgten. Die Dekolonisation Afrikas verlief rückblickend geradezu rasant. Der Kalte Krieg und die Neukonfiguration der internationalen Ordnung, ökonomische und strategische Erwägungen der Kolonialherren sowie der Druck nationalistischer Bewegungen führten zu einem für viele Zeitgenossen unerwartet zügigen Fahnenwechsel. Dabei stolperten die Europäer gleichsam aus Afrika heraus, wie der Historiker Basil Davidson einmal bemerkte.
Eine Dauerkrise auf dem Kontinent
Die politischen Eliten Afrikas erkannten bald, dass ihnen die ererbte koloniale Wirtschaftsstruktur kaum Handlungsspielraum ließ. Angesichts der Lücke zwischen Wollen und Können und auch aus Schwäche suchten die meisten Regierenden ihr Heil in autoritären Lösungen. Gleichwohl erlebten viele junge afrikanische Länder zunächst ein bemerkenswertes, wenngleich bescheidenes Wirtschaftswachstum. Vor allem aber stieg die Lebenserwartung, die Kindersterblichkeit ging zurück, und der Zugang zu Bildung verbesserte sich. Afrikaner, die Kakao oder Kaffee anbauten oder in Bergwerken arbeiteten, konnten in der Dekade nach der Unabhängigkeit die begründete Erwartung hegen, durch ihre Arbeit bescheidenen Wohlstand zu erlangen und als Bürger ebenso bescheidene staatliche Leistungen zu empfangen. Bildung war eine wichtige Verheißung, denn sie versprach qualifizierte Stellen und angemessene Bezahlung.
Mit dem Ölschock und der weltweiten Rezession der siebziger Jahre änderte sich die Situation nachhaltig. Die Strukturanpassungsprogramme der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds untergruben in den folgenden Dekaden genau jene sozialpolitischen Maßnahmen, welche vielen Menschen in Afrika Hoffnung gegeben hatten, während die versprochenen Wunderwirkungen des Marktes ausblieben. Seither gilt Afrika als Kontinent der Dauerkrise, der aus eigener Kraft keine Veränderungen bewirken kann.
Der Band arbeitet eine Vielfalt an Stimmen heraus
Gab es vor diesem Hintergrund überhaupt einen Anlass, fünf Dekaden Unabhängigkeit zu feiern? In vielen Ländern südlich der Sahara kam es jedenfalls zu großen Festen, bei denen sich zwar oft unkritisch Regierungen und Eliten inszenierten, die aber auch Anstöße lieferten für Debatten über die jüngere Geschichte und gegenwärtige Malaisen. Eine Gruppe von Studierenden und Doktoranden der Universität Mainz hat sich unter Leitung der Ethnologin Carola Lentz anhand ausgewählter Länder - darunter Kamerun, Gabun und Nigeria - mit den Feierlichkeiten auseinandergesetzt, die Vorbereitungen begleitet, die eigentlichen Festakte beobachtet und die Debatten erfasst.
Herausgekommen ist ein qualitativ etwas unebener, gleichwohl sehr instruktiver Sammelband, der verdeutlicht, dass, so Lentz in ihrer facettenreichen Einleitung, die Nation in Afrika die „wichtigste ,Wir-Gruppe’“ ist, auf die in Auseinandersetzungen über die politische Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft Bezug genommen wird. Damit ist eine zentrale These des Buches angesprochen: Afrikanische Länder sind gleichsam „normale Nationen“ geworden; zwar jünger, aber deswegen keineswegs artifizieller als die europäischen. Hier wie dort „liegen Patriotismus und Engagement mit Politikmüdigkeit, Kritik und Zweifeln an der Einheit der Nation im Widerstreit“. Und „runde“ Gedenktage offenbaren besonders eindringlich ambivalente Haltungen zur Nation. Es gehört zu den Verdiensten des Bandes, die Vielfalt der Stimmen innerhalb einzelner Länder, ebenso wie Grundmuster und Unterschiede zwischen ihnen, herausgearbeitet zu haben.
Gelegentlich scheinen die Autoren allerdings die Bedeutung des Gefühls nationaler Zusammengehörigkeit zu überzeichnen. Gleichwohl bieten die Beiträge zahlreiche Belege für die Identifikation vieler Menschen mit der Nation. Und diese Identifikation manifestiert sich nicht zuletzt in der Kritik an den politischen Eliten oder der Empörung über bestimmte Aspekte der Organisation der Feiern, aber auch in der Tatsache, dass man auf Beanstandungen und Nörgeleien von den ehemaligen Kolonialmächten sehr empfindlich reagierte.