Im Konzert der modernen europäischen Großstädte spielt Rom außer Konkurrenz. Mit ihren Monumenten von der kaiserzeitlichen Antike bis zum päpstlichen Barock gleicht die Stadt einem vitalen archäologischen Freilichtmuseum, das vom Bausegen des zwanzigsten Jahrhunderts anscheinend fast verschont blieb. Doch Bewunderer der Grabungsfelder, renovierten Ruinen und freigestellten Kolossalbauten der Ewigen Stadt wissen meist nicht, dass sie dieses Geschichtserlebnis dem Faschistenführer Mussolini verdanken: Seit seiner Machtübernahme 1922 bis zum Sturz 1943 ließ Benito Mussolini nicht nur in Rom, sondern in ganz Italien und dem Mittelmeerraum die umfangreichsten und komplexesten städtebaulichen Projekte der Zwischenkriegszeit in Europa realisieren.
Als Europas erster totalitärer Führer und erklärtes Vorbild Hitlers entwickelte er alle Strategien eines auf Architektur- und Siedlungspolitik beruhenden Gesellschaftsumbaus. Er betrieb Industrieförderung mit der Gründung von Neustädten, entwickelte Siedlungsprogramme zur Arbeitsbeschaffung, instrumentalisierte die Archäologie für die nationale Selbstertüchtigung, suchte nach einer neuen Architektursprache für das kommende italienische Weltreich und stieg zur Leitfigur einer diktatorischen Modernisierung auf, die bis in die Sowjetunion ausstrahlte.
Von Reaktion und Fortschritt
Der Berliner Soziologe und Bauhistoriker Harald Bodenschatz zieht in seinem Opus Magnum „Städtebau für Mussolini“ nicht nur die monumentale Leistungsbilanz des „Duce“, sondern zeigt auch das rege Fortleben seiner Werke und Widmungen. Während der deutsche Geschichtsexorzismus die NS-Bauten weitgehend verschlissen und abgerissen hat, schätzen und nutzen die Italiener ihre faschistischen Bauten und Neustädte bis heute. Spätestens seit der ersten Berlusconi-Regierung 1994 sind auch intellektuell die Berührungsängste mit dem Faschismus geschwunden. Wissenschaftlich aber lohnt die Beschäftigung mit Italiens Zwischenkriegszeit deshalb, weil das Mutterland des Futurismus nicht dem deutschen Verkleidungsfetischismus zwischen Heimatstil und Neoklassizismus erlag.
Italien kannte keine falsche Konfrontation zwischen Reaktion und Fortschritt und deshalb auch keine Architektenemigration. Vielmehr war alles Bauen rationalistisch-modern und lehrt die lückenlose Anschlussfähigkeit internationaler Avantgarde-Ideen an totalitäre Gesellschaftsentwürfe. Bodenschatz erinnert an die Mussolini-Begeisterung von Ernst May, Sigfried Giedion und Le Corbusier, die erst spät erkannten, dass der „Duce“ an funktionalistischen Zeilenbauten und Traditionsbrüchen nach dem Vorbild der CIAM-Architekten wenig Gefallen fand.
Eine Huldigung an die Wissenschaft und Kunst
Vielmehr wollte Mussolini den Italienern politisch, moralisch und kulturell ihre Hauptstadt zurückgeben. Deshalb ließ er seinen Lieblingsarchitekten Marcello Piacentini - ein römischer Albert Speer, aber ohne dessen Exekutiv-, Rüstungs- und Zwangsarbeitervollmachten - 1931 den „Generalbebauungsplan“ für Rom entwerfen. Piacentini konzentrierte den Umbau der Altstadt auf den Kapitolshügel und die archäologische Zone samt Palatin, Kaiserforen und Forum Romanum bis zum Kolosseum. Beim Durchbruch der Via dell’Impero zwischen Piazza Venezia und Kolosseum ließ er ein Stadtviertel mit fünftausend Wohnungen abreißen, weil das selektive Geschichtsverständnis des „Duce“ für das Mittelalter keinen Sinn hatte. Das Gleiche geschah zwischen Petersplatz und Engelsburg, wo als Gunstbeweis für die Kirchenfürsten die neue Via della Conciliazione das Borghi-Viertel begrub.
Freigelegt wurden Augustus-Mausoleum, Pantheon, Marcellus-Theater und andere Preziosen. Bodenschatz resümiert streng: „Das reale Rom wurde verworfen zugunsten eines imaginären, imponierenden Rom.“ Weitaus radikalere Idealstädte entwickelten sich am Rand: Am Nordeingang von Rom entstand die Sport- und Olympiastadt „Foro Mussolini“ mit der gigantischen Parteizentrale „Casa del Littorio“. Im Westen wuchs die Wissenschaftsstadt Città Universitaria, und das südliche Pendant bildete die Weltausstellungsstadt E.U.R. mit ihren exquisiten Ausstellungsgebäuden zur Huldigung an die römische und italienische Wissenschaft und Kunst. Auch die Filmstadt Cinecittà ist Mussolinis Werk.
Wie aus dem Lehrbuch der Gegenwartsarchitektur
Lange vor Roosevelts „New Deal“- Großprojekten schufen die Faschisten mit der Besiedlung der trockengelegten pontinischen Sümpfe bei Rom ein epochales Beschäftigungsprogramm. Das war Teil der landesweiten Ruralismus- und Desurbanisierungs-Kampagne, um die Migration in die Städte zu bremsen. Doch selbst Neusiedlungen blieben städtisch-kompakt und verschonten Italien lange vor der Suburbanisierung. Auf 840 Quadratkilometern des „Agro Pontino“ entstanden dreitausend neue Bauernhöfe, achtzehn Dörfer und fünf Städte. Den Bann über dieses Großprojekt hob zuerst Pier Paolo Pasolini auf, den Bodenschatz mit der Bemerkung zitiert, seine Generation habe sich erst über diese Städte lustig gemacht, doch dann ihren „verblüffend menschlichen Maßstab“ entdeckt. Heute leben in dem einst unbewohnbaren Landstrich eine halbe Million Menschen.
Das Buch schildert die Umbauten vor allem norditalienischer Städte mitsamt des ethnisch motivierten Urbanismus in den Kolonien von Libyen, Eritrea, Äthiopien und Somalia. Stets blieb das Programm des Oberarchitekten Piacentini einer durch Städtebau dominierten Architektur verbindlich. Die Planer favorisierten mehrheitlich neobarocke Grundrisse und eine entindividualisierte Architektur. Piacentinis Definition des Faschisten-Stils klingt wie aus dem Lehrbuch der puristisch-minimalistischen Gegenwartsarchitektur: „Einfach, sauber, klar, anti-dekorativ, anti-romantisch, anti-pittoresk, logisch, ungesucht, ungekünstelt, konstruktivistisch, präzise, von gespannter Kraft und essentiell“.
Doch eine Ikonographie dieser Anlagen leistet das Buch kaum. Kennzeichen der seelenlosen Totenburgen der Nationalsozialisten war das Pathos historischer Entrückung und bedrohlicher Abwesenheit als Ausdruck der totalen, aber ungreifbaren Verstaatlichung. Dagegen war Mussolinis Gleichschaltungspolitik lange Zeit durch Konsensbemühungen und Schlendrian gemildert, und seine Traditionsbildung bezog er nicht aus synthetischen Vor- oder Hinterwelten, sondern aus mehreren ruhmreichen Vergangenheiten: des römischen Imperiums, der mittelalterlichen Seeherrschaft und des geistlichen Weltreichs der Päpste.
Auch soziologisch bleibt Bodenschatz’ Analyse trotz stupender Literaturkenntnis und erschlagender Zitatenfülle im Ungefähren: Der faschistische Städtebau habe - parbleu! - auf Legitimation, Konsens und Repräsentation innen und Anerkennung außen gezielt. Um dem Vorwurf unkritischer Rehabilitierung zu begegnen, macht das Buch den theorieschwachen Vorschlag, zwischen guten Produkten und bösen Produktionsverhältnissen zu differenzieren. Das verkennt aber die wahnhafte Systemlogik, die die Vergesellschaftungsutopien von Rechts und Links im zwanzigsten Jahrhundert eint. Einen Denkmalssturz wie Mussolini haben viele Heiligenfiguren der Moderne noch vor sich.