25.09.2009 · Warum Dollarmilliardäre die besseren Forscher sind: Craig Venter hat eine detailreiche und überschwängliche Autobiographie vorgelegt, die seinen wissenschaftlichen wie unternehmerischen Aufstieg nachzeichnet und von keiner literarischen Ambition getrübt ist.
Von Joachim Müller-JungCraig Venter hatte wieder alles sauber eingefädelt: Kurz vor der Veröffentlichung seiner Autobiographie hatte der Genomforscher, der sich in den neunziger Jahren zum Genommagnaten katapultierte, eine neue Enthüllung parat. Diesmal waren es seine eigenen sechsundvierzig Chromosomen, jedes einzelne Teil seines persönlichen, individuellen Genoms Buchstabe für Buchstabe entziffert. Das hatte es noch nie gegeben. „Die erste Autobiographie“, triumphierte Venter, „die von der Entschlüsselung aller sechs Milliarden Basenpaare des Autors profitiert und diese im Anhang enthält.“ Craig Venter, wie er leibt und lebt. Bloß keine Bescheidenheit vortäuschen. Wie alles, was er in den Jahren davor anpackte, wurde auch dieser Coup zum Medienerfolg. Das Genom war plötzlich wieder Gesprächsstoff, quer über den Globus.
Allerdings liegt das alles inzwischen fast schon wieder zwei Jahre zurück. Da wurde die Originalfassung der Autobiographie in Venters amerikanischer Heimat veröffentlicht.
Nun liegt die deutsche Fassung des Buches in den Läden, und viele werden darüber nachdenken, was in der Zwischenzeit aus dem Genom, was auch aus Venter geworden ist. Ob sich sein Leben mit dem entschlüsselten Genomwissen geändert hat, mit all den unvermeidlichen Genvarianten, die plötzlich all seine Schwachstellen und Defekte aufdecken? Wie geht ein Alphatyp wie er damit um? Sicher ist: Dass der Mann, der mehr Hollywood im Blut hat als jeder andere zeitgenössische Forscher und einen Riecher für Dollars, wie er der Biologie als unschuldiger Hochschuldisziplin lange kaum zuzutrauen war - dass ausgerechnet dieser Mann nun in sich kehren und das Genom Genom sein lassen könnte, davon braucht niemand ernsthaft auszugehen. Das wird nach der Lektüre dieser Lebensabschnittserinnerungen gewiss niemandem einfallen.
Der Weg nach oben
Craig Venter bastelt zurzeit unter Hochdruck an Designergenomen, er will Leben pur aus der Retorte schaffen, mikrobielles Leben vorerst. Doch das ist eine andere Geschichte. Eine, die zum Ende seiner Autobiographie hin fast ingenieurmäßig zur Sprache kommt. Sie wird hinzugefügt wie die vielen in den Fließtext verpflanzten analytischen Weisheiten, die Venter über seine eigenen Gene ermittelt hat. Der größte Teil des Buches hingegen handelt von Leidenschaften und vom Kampf: den Leidenschaften eines in der Nähe von San Franciso aufgewachsenen Soldatenkindes, das in den Nachkriegsjahren auf fahrende Züge und in halbleere Pools gesprungen ist, das vom Meer geprägt und in Vietnam als junger Sanitäter traumatisiert worden ist.
Von den Leidenschaften dieses risikofreudigen, rastlosen Jungen sind das Segeln und der Durchsetzungswille endgültig geblieben. Sein Zug, immer der Erste sein zu wollen, als Professor in Buffalo besser zu sein als die Kollegen in Harvard oder am MIT, das hat Venter getrieben. Und er ist stolz darauf.
Detailreich und überschwänglich
Stolz durchaus auch darauf, sich mit der Arbeit am menschlichen Genom bereichern zu wollen. „Warum nicht?“, fragt er selbstbewusst. Reich werden, so fährt er fort, wollten die anderen um ihn herum doch auch. „Dollarmilliardär“, das ist für Venter keine geringere Auszeichnung als der Nobelpreis. Und um ihn, den Nobelpreis, bemüht sich Venter weiter genauso intensiv wie um die Dollars. So berichtet er über sein 1991 publiziertes EST-Verfahren, mit dem von da an schnell neue Gene im Erbgut gefunden werden konnten. Venter war 1995 tatsächlich der Erste, der einen Organismus aus der Natur genetisch sequenzierte, und er hatte an der Erfindung der „Ganzgenom-Schrotschusstechnik“ mitgewirkt, mit der er später ein internationales Forscherkonsortium zur Entschlüsselung des menschlichen Genoms herausfordern konnte.
Das alles schildert Venter detailreich und überschwenglich, doch ohne gewaltige Übertreibungen und sprachlich fast schon leidenschaftslos. Er lässt mit diesem Buch in eine geradezu hypertrophe Biotechnikzunft blicken. Ob er aber für seine Kreativität tatsächlich dereinst die höchsten wissenschaftlichen Weihen erhalten wird, hängt schlussendlich wohl auch davon ab, ob seine Beschreibungen des verbittert geführten Wettlaufs um das Prestigeprojekt Humangenom als aufrichtig durchgehen. Das endgültige Urteil darüber hat die „Community“ noch nicht gefällt.
Hybris
Sigrid Strecker (Landurmel)
- 26.09.2009, 02:12 Uhr
Die wichtigsten Sachbücher in Rezensionen der F.A.Z.
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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