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: Retter des Expressionismus

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Der nach Lessing wohl bekannteste deutsche Bibliothekar, Paul Raabe, hat, neben vielen anderen Publikationen, bislang zwei Bücher geschrieben, in denen er sich und seinen Lesern Rechenschaft abgelegt hat über seine Arbeit: Das war 1992 der Band "Bibliosibirsk oder Mitten in Deutschland" über seine ...

          Der nach Lessing wohl bekannteste deutsche Bibliothekar, Paul Raabe, hat, neben vielen anderen Publikationen, bislang zwei Bücher geschrieben, in denen er sich und seinen Lesern Rechenschaft abgelegt hat über seine Arbeit: Das war 1992 der Band "Bibliosibirsk oder Mitten in Deutschland" über seine Jahre als Leiter der berühmten Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel, an der ihm Bibliothekare wie eben Lessing und auch Erhart Kästner vorausgingen. Und das war zehn Jahre später das Buch "In Franckes Fußstapfen", in dem Raabe die Geschichte der Franckeschen Stiftungen erzählt und von ihrem Wiederaufbau nach 1990 berichtet: Innerhalb von zehn Jahren machte der pensionierte Wolfenbütteler Bibliotheksdirektor aus den Ruinen, die die DDR von den Franckeschen Stiftungen in Halle übriggelassen hatte, wieder jene "pädagogische Provinz", an die man denkt, wenn von den Franckeschen Stiftungen die Rede ist.

          Und nun kehrt Raabe in seinem neuesten Buch "Mein expressionistisches Jahrzehnt" ganz zurück und erzählt und dokumentiert seine Anfänge als Diplombibliothekar, sein Hamburger Studium der Germanistik und Geschichte und im wesentlichen die zehn Jahre von 1958 bis 1968, da er die Bibliothek des Deutschen Literaturarchivs in Marbach geleitet hat. Ohne Einschränkung kann man sagen: Raabe hat durch seine Aktivitäten (und die Mitarbeit vieler) Marbach zu dem gemacht, was es bis heute ist: das wichtigste Literaturarchiv in Deutschland, vorbildlich für alle anderen.

          Üblicherweise ist solche Bibliotheksarbeit nicht spektakulär, hat kaum Außenwirkung. Doch Raabe machte, neben seiner organisatorischen Aufbauarbeit, in Marbach sein besonderes Interesse an expressionistischen Autoren fruchtbar. Dieses Interesse hatte sich in der Begegnung mit dem damaligen Hamburger Germanistikassistenten Karl Ludwig Schneider entzündet, für dessen Ausgabe der Werke Ernst Stadlers Raabe die Bibliographie in Ordnung brachte und an dessen Ausgabe der Tagebücher und Briefe Georg Heyms er mitarbeitete. Doch das waren Arbeiten, die damals eher neben den üblichen akademischen Themen lagen.

          Noch als Raabe 1958 seine Bibliotheksarbeit in Marbach begann, ging, wie er schreibt, "die Rehabilitierung des Expressionismus, der von den Nazis als ,entartete Kunst' diffamiert worden war, ... von den Museen und Kunstgalerien aus". Der "literarische Expressionismus war kein akademisches Thema".

          Aber Raabe macht ihn für sich und das Marbacher Archiv zum Thema und zur Aufgabe, die seine Jahre dort prägte. Er begann, für Bibliothek und Archiv Bücher, Nachlässe und Autographen literarischer Expressionisten zu kaufen, und knüpfte Kontakte zu Sammlern expressionistischer Literatur wie Wilhelm Badenhop, dessen reiche Bibliothek 1961 nach Marbach kam, zu Herausgebern wie Karl Otten, von dem die expressionistische Prosaanthologie "Ahnung und Aufbruch" und der Theaterband "Schrei und Bekenntnis" stammen, zu Paul Pörtner, dem Editor der Dichtungen von Jakob van Hoddis, bald auch zu Kurt Pinthus, der noch im New Yorker Exil lebte und dessen legendäre expressionistische Anthologie von 1920: "Menschheitsdämmerung" 1959 bei Rowohlt als Taschenbuch erschien, zu Ludwig Meidner, Thea Sternheim und vielen anderen.

          Am Ende des Schillerjahres 1959, in dem sich Marbach zum erstenmal mit einer großen Schiller-Ausstellung der Öffentlichkeit präsentierte, entstand der Plan für eine große Expressionismus-Ausstellung, die dann bereits am 8. Mai 1960 eröffnet wurde, begleitet von einem dreihundertfünfzig Seiten starken Katalog, der heute noch zu den begehrenswerten Sammlerobjekten gehört.

          Diese Ausstellung - Raabes erste große Ausstellung überhaupt, die er zusammen mit Ludwig Greve, der später auch einige beachtliche Gedichtbände veröffentlichte, und Ingrid Grüninger arrangierte - wurde ein großer Erfolg, und in mannigfacher Variation reiste sie in den Jahren danach erst durch ganz Deutschland und dann durch die Welt. Sie hat im Grunde den literarischen Expressionismus in Deutschland wieder heimisch gemacht und sein eindrucksvolles Erscheinungsbild auch ins Ausland vermittelt.

          Raabes Buch ist eine im Focus dieser Ausstellung geschriebene, mit viel Zitatmaterial aus der eigenen Arbeit belegte Geschichte von der Wiederentdeckung des einst von den Nationalsozialisten verfemten literarischen Expressionismus. Zur Nachwirkung dieser Ausstellung gehören auch die zahlreichen von Raabe angeregten oder selbst edierten Publikationen von Büchern und Zeitschriften des Expressionismus, gehört eine grundlegende Bibliographie, gehört aber auch die lebendige Erinnerung an viele seiner Autoren, die Raabe in seinem Marbacher, seinem "expressionistischen" Jahrzehnt kennengelernt hat und von denen er in seinem Erinnerungsbuch treffende Bilder zeichnet.

          Der Bibliothekar Paul Raabe hat mit seiner Marbacher Arbeit nicht nur den Expressionismus an die Nachgeborenen weitergereicht, sondern auch eine praktische Wiedergutmachung geleistet an jenen, die ihrer Literatur wegen aus Deutschland vertrieben worden sind. Sie sind durch Raabes Arbeit wenigstens literarisch, zuweilen aber auch selbst, gleichsam in corpore, nach Deutschland zurückgekehrt.

          HEINZ LUDWIG ARNOLD

          Paul Raabe: "Mein expressionistisches Jahrzehnt". Anfänge in Marbach. Arche Verlag, Zürich und Hamburg 2004. 368 S., geb., 24,- [Euro].

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