07.05.2007 · Joseph Ratzinger selbst bat um Widerspruch zu seinem Bestseller „Jesus von Nazareth“. Wir haben einen radikalen Kritiker, Karl-Heinz Ohlig, um eine Rezension gebeten. Er bezweifelt die Historizität Mohammeds ebenso wie die biblische Fundierung der Dreifaltigkeit.
Von Karl-Heinz OhligJoseph Ratzinger selbst bat um Widerspruch zu seinem Bestseller „Jesus von Nazareth“ (siehe auch: Papst-Buch „Jesus von Nazareth“: Ein dramatischer Befund). Wir haben einen radikalen Kritiker um eine Rezension gebeten: den Religionswissenschaftler Karl-Heinz Ohlig, der die Historizität Mohammeds ebenso bezweifelt wie die biblische Fundierung der Dreifaltigkeit.
Im Vorwort seines kürzlich erschienenen Buches „Jesus von Nazareth“, das in 32 Sprachen übersetzt wird, betont Joseph Ratzinger, „dass dieses Buch in keiner Weise ein lehramtlicher Akt ist, sondern ganz Ausdruck meines persönlichen Suchens“. Der Papst hält es aber doch für nötig hinzuzufügen: „Es steht daher jedermann frei, mir zu widersprechen.“ Er bittet „nur um jenen Vorschuss an Sympathie, ohne den es kein Verstehen gibt“.
Zunächst: Das klar und verständlich geschriebene Buch verrät in seinen zehn Kapiteln ein meditativ-spirituelles und sehr persönliches Bemühen um die Gestalt Jesu. Es besticht durch eine bemerkenswerte Vertiefung in das Alte und Neue Testament, wobei gelegentlich auf deren Originalsprachen zurückgegriffen und manche Stellen - oft zu Recht polemisch - gegen die Einheitsübersetzung in eigener Übertragung geboten werden. Der Systematiker Ratzinger hat eine große Zahl exegetischer Schriften gelesen und sich mit einigen ihrer Aussagen argumentativ auseinandergesetzt.
Grundsätzlicher Widerspruch
Leider aber muss den Thesen dieses Buchs widersprochen werden, nicht nur in Details, sondern in sehr grundsätzlicher Weise. Schon im Vorwort lobt Ratzinger das „vor etwa 30 Jahren in Amerika“ entwickelte Projekt der „kanonischen Exegese“, die er auch aus der Offenbarungskonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils herausliest. Diese betont, dass zum richtigen Verständnis „auf Inhalt und Einheit der ganzen Schrift“ geachtet werden müsse, in die auch das Alte Testament - in christologischer Interpretation - einzubeziehen sei.
Nun ist es sicher richtig, dass die ganze Schrift zu bedenken ist. Aber dieser Kanon bietet eine - bis zum Jahr 400 festgelegte - Sammlung unterschiedlichster Texte verschiedenster Gattungen, Abfassungszeiten und oft divergenten Theologien. Diese müssen zunächst einmal, das gebietet die Ehrfurcht vor ihnen, für sich, in ihrer literarischen Eigenart, den von ihnen benutzten Traditionen und spezifischen Aussagen erarbeitet werden. Ratzinger versteht den hermeneutischen Horizont der „ganzen“ Schrift aber als Arbeitsmethode: Er interpretiert Passagen aus den synoptischen Evangelien (Matthäus, Markus, Lukas), sogar des Alten Testaments, auf die theologischen Raster des Johannesevangeliums oder der Deuteropaulinen hin.
Er unterscheidet nicht näher die literarischen Formen und behandelt Erzählungen über geschichtliche Vorgänge, etwa die Taufe Jesu im Jordan, auf der gleichen Ebene wie deren theologische Deutungen (Himmelsstimme und Taube), die Wundererzählungen - beispielsweise das Wandeln Jesu über das Wasser oder die Auferweckung des Lazarus - oder Epiphaniegeschichten wie die Verklärung auf der gleichen Ebene wie die Berufung der Zwölf.
Wie man in die Bibel hineinruft
So kann der Autor im Zusammenhang mit seiner Reflexion der Bergpredigt ausführen: „Jesus versteht sich selbst als die Tora - als das Wort Gottes in Person. Der gewaltige Prolog des Johannesevangeliums sagt nichts anderes, als was der Jesus in der Bergpredigt und der Jesus der synoptischen Evangelien sagt. Der Jesus des vierten Evangeliums und der Jesus der synoptischen Evangelien ist ein und derselbe: der wahre ,historische Jesus'.“
Diese unterschiedslose wechselseitige Interpretation biblischer Texte wird noch weitergeführt durch Einbeziehung von Aussagen der „Väter“ oder auch mittelalterlicher Theologen, so dass er im Gleichnis vom armen Lazarus den „Zwischenzustand zwischen Tod und Auferstehung“ oder im Gleichnis vom barmherzigen Samariter die mittelalterliche Erbsündenlehre, wenn auch in diesem Fall „allegorisch“, vorweggenommen sieht.
Der hermeneutische Schlüssel für das Verständnis Jesu ist für Ratzinger das Konzil von Nizäa im Jahre 325 mit seinem Bekenntnis zum Sohn als „gleichwesentlichen“ Gott. Jesus ist inkarnierter Gott, Gott selbst ist trinitarisch: Jesu „Ich ist das in die Trinität hinein geöffnete Ich“. Von daher leuchtet es ein, dass innerhalb des Neuen Testaments Texte, die schon den Einbruch hellenistischen Denkens aufweisen, den Maßstab der Interpretation abgeben: der Philipperhymnus, Deuteropaulinen, vor allem aber das Johannesevangelium und die Johannesbriefe.
So schallt es heraus
Ratzinger ist aber auch ganz lateinischer Theologe, so dass alles auf das Kreuz Jesu und die Rechtfertigung beziehungsweise die Erlösung ausgelegt wird, obwohl diese Thematik ausführlicher wohl erst im zweiten Teil des Jesusbuchs verhandelt werden soll. Aber schon im ersten Teil kann er sich dabei auf die Synoptiker stützen (außer auf Matthäus, der den Sühnecharakter das Todes Jesu nicht kennt), die ja erst vier bis sechs Jahrzehnte nach dem Tod Jesu geschrieben haben und ihm Deuteworte der späteren Gemeinden, die aus der Taufliturgie stammen, die sogenannten Leidensweissagungen, in den Mund legen.
Ratzinger liest die Bibel von einem späteren Standpunkt aus, von der voll entfalteten hellenistisch-christlichen Theologie her, die er schon in seiner Regensburger Vorlesung als Maßstab bekräftigt hatte. Er verfährt nicht anders als alle inkulturierten Theologen: „Syrer“ erblickten überall in der Bibel den Menschen Jesus, der sich bewährt hat; „Griechen“ erkannten an allen Stellen Hinweise auf Jesus als den über die Erde wandelnden Gott; „Lateiner“ auf den Rechtfertiger am Kreuz; Befreiungstheologen auf den Befreier; Afrikaner auf den Proto-Ahn; Inder auf den Überwinder der „Zweiheit“ und so weiter. Salopp ließe sich dazu bemerken: Wie man in die Bibel hineinruft, so schallt es heraus. Ein solches Vorgehen mag für die Rezeption Jesu in verschiedenen Kulturkreisen unvermeidlich sein, aber es beantwortet nicht die wissenschaftliche Frage nach dem historischen Jesus.
Ratzinger verkennt Ursache und Wirkung
Deswegen wehrt sich Ratzinger, trotz auch positiver Bezugnahmen und der im Ganzen geäußerten Wertschätzung, gegen Ergebnisse der historisch-kritischen Exegese. Er zitiert Wladimir Solowjew, der den Antichristen als großen Schriftgelehrten darstellt. Der fromme Systematiker fügt hinzu: „Bibelauslegung kann in der Tat zum Instrument des Antichrist werden. Aus scheinbaren Ergebnissen der wissenschaftlichen Exegese sind die schlimmsten Bücher der Zerstörung der Gestalt Jesu, der Demontage des Glaubens geflochten worden.“
Hier verkennt Ratzinger, so denke ich, Ursache und Wirkung. Nicht die historisch arbeitenden Exegeten zerstören die Gestalt Jesu, wie er sie versteht, sondern es ist die Geschichte und die Quellenlage selbst, die lediglich wissenschaftlich bearbeitet werden. Historische Untersuchungen können natürlich auch Fehler machen; diese können und müssen korrigiert werden, aber wiederum nur mittels wissenschaftlich nachprüfbarer Argumente.
Leider entzieht sich uns Gott weiterhin
Ratzinger aber versteht den christlichen Glauben von Nizäa und noch späteren Konzilien her: In diesem Sinn ist seine Frage zu verstehen: „Wo sollte eigentlich der nachösterliche Glaube hergekommen sein, wenn der Jesus vor Ostern keine Grundlage dazu bot?“ Tatsächlich lässt sich dieser Glaube nicht im vorösterlichen Jesus begründen; er hat sich weder als (seinshaften) Sohn Gottes noch Gott als trinitarisch verstanden. Aber das besagt nicht, dass Jesus keine Ansatzpunkte bietet für die von ihm angestoßene Nachfolge und späteren Bekenntnisse. Die am historischen Jesus auch von Ratzinger herausgestellte „implizite Christologie“ - sein eschatologischer Anspruch und seine „Sache“ - ist tatsächlich die Basis aller späteren kulturspezifischen Ausgestaltungen dieses Glaubens. Diese Ausgestaltungen - seien sie hellenistisch, lateinisch, indisch - finden in Jesus Anhaltspunkte, aber keine zwingenden Gründe.
Deswegen besteht auch keine theologische Notwendigkeit, die späteren Theologien in der Gestalt des historischen Jesus selbst aufzuspüren, der, wie Ratzinger zu Recht ausführt, „Israelit“ war. Ebenso wenig ist es statthaft, eine dieser Theologien, vor allem die hellenistische, von vornher- ein normativ zu setzen. Die Verfasser der synoptischen Evangelien und ihre Gemeinden oder auch mehrere Jahrhunderte lang die syrischen Christen zwischen Mittelmeer und Indien, die in Jesus den von Gott erwählten Menschen sahen, der sich in exemplarischer Weise bewährt hat - sie alle waren Christen im Vollsinn, ohne Trinität oder Zwei-Naturen-Christologie. Wissenschaftliches Denken wie auch die Ehrfurcht vor der Gestalt Jesu machen es notwendig, sich ihm, soweit die Quellen tragen, zunächst historisch anzunähern.
Reicht der geschichtliche Jesus nicht zu? Ratzinger sagt richtig, dass er uns nicht den Weltfrieden, Wohlstand für alle oder eine bessere Welt gebracht hat. „Was hat er gebracht? Die Antwort lautet ganz einfach: Gott. Er hat Gott gebracht.“ Hat er das? Leider entzieht sich uns Gott weiterhin mindestens so wie der Weltfrieden. Jesus hat aber zur Hoffnung auf Gott, den er, wie häufig im Frühjudentum, Vater nennt, angestoßen. Diese Hoffnung in seiner Nachfolge macht das Christentum aus. Mehr haben wir zumindest wissenschaftlich nicht zu bieten. Aber das ist nicht wenig und kann Lebensentwürfe tiefgreifend verändern.
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