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Radikales Amerika

10.09.2007 ·  Die etwas exotische Geschichte der libertären Bewegung

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Das Wort "Kapitalismus" löst in Europa - gerade bei Intellektuellen - meist heftige Abwehrreflexe aus. In den Vereinigten Staaten wird der Kapitalismus, also das System von Privateigentum, Markt und Wettbewerb, grundsätzlich eher akzeptiert. Es gibt dort sogar eine intellektuelle Strömung, die sich radikal kapitalistisch und antietatistisch versteht: die "Libertarians" (in Abgrenzung von den linken "Liberals").

Das Buch "Radicals for Capitalism" von Brian Doherty stellt die Geschichte dieser Bewegung vor, ihre leidenschaftlichen, teils auch skurrilen Akteure, ihre philosophischen und ökonomischen Theorien sowie ihren politischen Einfluss, der besonders in der Regierung von Ronald Reagan spürbar war. Sein Ausspruch "Der Staat ist nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems" zielte auch auf die damals fast eine Million Wähler der Libertarian Party.

Die Wurzeln radikal-liberalen Denkens in den Vereinigten Staaten von Amerika sieht Doherty in der Unabhängigkeitserklärung und der Verfassung. Diese schränkt die Regierungsgewalt konsequent ein. Einzelne anarchistische Denker träumten im neunzehnten Jahrhundert vom völligen Verschwinden des Staates. In den dreißiger und vierziger Jahren kam es ganz anders, als Roosevelt den dirigistischen "New Deal" als Antwort auf die Wirtschaftskrise ausrief. Das klassisch liberale Lager und die "Old Right" schienen am Ende.

Die Anfänge der "libertären" Bewegung nach dem Krieg, etwa in der Foundation for Economic Freedom von Leonard Read, waren äußerst bescheiden. Wissenschaftlicher Beistand kam von den emigrierten österreichischen Ökonomen Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek, die gegen den keynesianischen Konsens ankämpften; auch die Chicagoer Schule um Milton Friedman, die stärker mathematisch-empirisch arbeitet, unterstützte manche Forderung nach Deregulierung und mehr Markt.

In die amerikanische Populärkultur drang die libertäre Philosophie mit den Werken der Schriftstellerin Ayn Rand ("The Fountainhead", "Atlas Shrugged"), die einen heroischen Individualismus verherrlichen. Mit Liebe zu kuriosen Details beschreibt Doherty den Kreis um die exzentrische Rand (dem einst auch der spätere Fed-Gouverneur Alan Greenspan angehörte). Abenteuerlich liest sich die Schilderung der Aktivitäten jener Gruppe des anarcho-kapitalistischen Ökonomen Murray Rothbard, der mal mit rechten Industriellen, mal mit linken Hippies und Kriegsgegnern politische Allianzen schmiedete.

Obwohl sie stets marginal blieb, hat die "libertäre" Bewegung in den Vereinigten Staaten doch eine vitale Subkultur geschaffen. Dazu gehören eigene Zeitschriften und Thinktanks, wie das von den Milliardären Charles und David Koch ausgestattete Cato Institute, für das Doherty früher arbeitete. Sein Buch ist unterhaltsam und bietet interessante Einblicke, wie man den "Kapitalismus" konsequent weiterdenken - und dabei auch übers Ziel hinausschießen kann. Den normalen, auch geistig überregulierten Europäer wird jedenfalls schockieren, zu welch radikalen Gedanken liberale Amerikaner fähig sind.

PHILIP PLICKERT

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.09.2007, Nr. 210 / Seite 18
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