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: Quersumme Fremdsein

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Manche Romanstoffe gibt die Wirklichkeit nicht aus der Hand. Der Autor mag daran zerren, wie er will: Er muß um den Stoff herum eine eigene Form erfinden. "Récit", Bericht, hieß dieses aufsehenerregende Buch im französischen Original (F.A.Z. vom 15. Mai 2003). Die deutsche Ausgabe verzichtet ganz auf eine Gattungsbezeichnung, zu Recht.

          Manche Romanstoffe gibt die Wirklichkeit nicht aus der Hand. Der Autor mag daran zerren, wie er will: Er muß um den Stoff herum eine eigene Form erfinden. "Récit", Bericht, hieß dieses aufsehenerregende Buch im französischen Original (F.A.Z. vom 15. Mai 2003). Die deutsche Ausgabe verzichtet ganz auf eine Gattungsbezeichnung, zu Recht. Bei so einer Geschichte kann der Autor sich nur damit begnügen, die historische Wirklichkeit dramaturgisch ins wirkungsvollste Licht zu rücken. Der Romancier, Essayist, Germanist Marc Petit versteht dies vorzüglich, mit jener Redseligkeit, die noch zwischen den entlegensten Details des recherchierten Materials einen möglichen Zusammenhang konstruiert. Wäre dieses Buch ein Drittel kürzer, wir würden nichts Wesentliches vermissen. Doch sein Inhalt trägt auch über fast vierhundert Seiten hinweg.

          Die Geschichte beginnt in Petits geschickter Inszenierung an einem regnerischen 21. Juni 1940. Ein fünfundzwanzigjähriger Übermittlungssoldat der praktisch schon aufgelösten französischen Armee, Wolfgang Döblin, irrt durch die Vogesen und schießt sich in einer Scheune eine Kugel durch den Kopf. Alfred Döblin, sein Vater, der ein paar Tage zuvor Paris verlassen hatte, irrt mit einem Koffer in der Hand durch Rodez auf der Suche nach seiner Frau Erna. Diese war mit dem jüngsten Sohn Stefan auf der Flucht vor den Deutschen schon einen Monat früher nach Südfrankreich gereist, sucht nun ihrerseits den nachkommenden Gatten und übernachtet, ohne es zu wissen, im selben Auffanglager, das ihr Mann gerade verlassen hat. Vom Tod Wolfgangs werden die Döblins erst nach Kriegsende erfahren. Eine Geschichte also, wie sie in ihrer tragischen Banalität tausendfach vorkam und erzählt wurde - wäre da nicht die erstaunliche Figur Wolfgangs.

          Denn von ihr muß ja eine Spur in den Lesesaal des Institut de France am Quai de Conti in Paris führen, des Sitzes der fünf großen Akademien Frankreichs, in welchem der Erzähler Petit im zweiten Kapitel, durchs Fenster gerade einer Katze beim Herumstreunen auf den gegenüberliegenden Hausdächern zuschauend, auf die Auslieferung des bestellten Dokuments wartet. "Über die Gleichung von Kolmogoroff - von W. Doeblin", liest er dann auf dem Umschlag. Gelegt wurde diese Spur in Form einer Gleichung im Februar 1940. Der Schriftstellersohn Wolfgang Döblin, mit französischem Namen Vincent Doblin, hatte in Paris gerade sein Mathematikstudium abgeschlossen und die langen Kriegswochen an der Front damit verbracht, eine vom russischen Mathematiker Andrej Nikolajewitsch Kolmogorow 1931 publizierte Gleichung der Wahrscheinlichkeitsrechnung zu lösen. Im Februar 1940 steckte er sein rund hundertseitiges Manuskript, in dem die künftigen Forschungsergebnisse der Nachkriegszeit zu diesem Problem schon vorweggenommen sind, in einen Umschlag und schickte ihn ans Institut de France.

          Dort ruhen seit dem achtzehnten Jahrhundert zahlreiche Einsendungen bekannter oder vergessener Forscher. Wer seine Erfindung oder Entdeckung an diese Adresse schickt, kann sicher sein, daß der Umschlag hundert Jahre lang versiegelt bleibt und nur auf ausdrückliches Verlangen der Erben geöffnet werden kann. So hatte der Mathematiker Jean Bernoulli 1701 sein Forschungsergebnis zu diversen Problemen der Isoperimetrie eingesandt mit der Auflage, es dürfe erst gelesen werden, wenn sein Bruder Jacques sein eigenes Ergebnis vorgelegt habe. Welch eigener Reiz schwebt über diesen beim Öffnen längst überholten Erfindungen und hinfälligen Utopien - geht es dem immer noch vor dem Döblin-Dokument sitzenden Marc Petit durch den Kopf. Vom Inhalt der ihm ausgehändigten mathematischen Arbeit versteht er nach dem ersten Satz keine Zeile mehr. Doch war er ja auch nur gekommen, um Lebenszeichen vom jungen Döblin zu finden, von dem es sonst fast keine Spuren mehr gibt.

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