http://www.faz.net/-gr3-90vk3

Putins Beichtvater : Den Orientierungslosen Trost spenden

Wen Gott bei der Hand nimmt: Der russische Präsident Putin zeigt sich mit Bischof Tichon vor der Moskauer Kirche der Neuen Märtyrer den Untertanen. Bild: Imago

Von der heiligen Sorglosigkeit dessen, der zum ersten Mal die väterliche Fürsorge Gottes spürt: Bischof Tichon Schewkunow, Putins Beichtvater, erzählt aus dem Innenleben der orthodoxen Kirche.

          Die Russische Orthodoxe Kirche, deren Renaissance in den späten Sowjetjahren begann, ist zur tragenden Säule des russischen Staates geworden und will der Gesellschaft christliche Demut beibringen. Gebildete verlassen in Scharen das Land, das einen anderen Weg gehen will als das westliche Europa. Während hier Kirchengebäude geschlossen oder zweckentfremdet werden, wächst in Russland die Zahl der Gotteshäuser stetig, nicht selten auch gegen den Willen von Anwohnern, die ihre Spazierwege oder Parks behalten möchten. Die Kirche bietet aber einer verarmenden Bevölkerung Trost und Halt, und die Finanzelite spendet gern für sie, außerdem erteilt sie den Gewaltorganen Absolution; sie zieht indes auch viele sinnsuchende Intellektuelle der jüngeren Generation an.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Welche Dimensionen die orthodoxe Frömmigkeit gerade jüngeren urbanen Menschen eröffnet, das hat der Bischof des nahe Moskau gelegenen Jegorewsk, Tichon, der als Beichtvater von Präsident Putin gilt, 2011 in seinem Buch „Heilige des Alltags“ geschildert. Jetzt ist es in einer ausgezeichneten Übersetzung auf Deutsch erschienen. Tichon, der mit weltlichem Namen Georgi Schewkunow heißt, studierte an der Moskauer Kinohochschule, bevor er, noch vor der Perestroika, ins Pskower Höhlenkloster eintrat.

          Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS
          Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS

          Die ganze F.A.Z. jetzt auch im Web, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken. Hier geht’s zum Test.

          Mehr erfahren

          Viele Atheisten ließen sich bekehren

          Sein Handwerk aber vergaß er nie. 2008 brachte Tichon den Fantasy-Dokumentarfilm „Lektionen von Byzanz“ heraus, der das oströmische Beamtensystem zur vorbildlichen Staatsform erklärte, die leider westlichen Intrigen zum Opfer gefallen sei. Anschaulich wie ein gutes Drehbuch, zudem erfahrungsgesättigt und temperamentvoll liest sich auch die Sammlung von Erzählungen des Geistlichen über seine frühen Mönchsjahre. Das Buch, das eindrucksvolle Porträts seiner geistlichen Lehrer und Klosterbrüder versammelt, wurde in Russland zum Bestseller, es verkaufte sich mehr als eine Million Mal.

          Unter den Novizen seiner Generation waren Anfang der achtziger Jahre viele, denen, wie ihm, eine glänzende Karriere bevorzustehen schien, erinnert sich der Autor. Einer war Mathematiker, ein zweiter ein bekannter Künstler, ein dritter war als Diplomatensohn in New York aufgewachsen. Viele waren atheistisch erzogen worden. Doch sie alle wurden von der Schönheit und der geistigen Fassung des Klosterlebens, das einen mit den Kirchenvätern verband, gleichsam infiziert und der Welt entfremdet. Das kasernenhaft strenge Reglement, das Tichon ausführlich schildert, mit Aufstehen um halb sechs bei Eis und Schnee, harten Arbeitsdiensten etwa als Kanalisations- oder Kuhstallreiniger, aber auch endlosen bestellten Gebeten für die Seelen lebender oder gestorbener Gottesknechte, tat dem keinen Abbruch, im Gegenteil.

          Mentoren mit großem Einfluss

          Denn im Leben eines Mönchs sei das Noviziat die glücklichste Zeit, weiß Tichon, der diese Periode wie eine Art spiritueller Flitterwochen beschreibt. Die heilige Sorglosigkeit dessen, der zum ersten Mal die väterliche Fürsorge Gottes spürt, der ihn bei der Hand genommen habe und einem allein dem Höchsten bekannten Ziel zuführe, sei besser und süßer als jede andere Freiheit. Der Geistliche vergleicht diesen Zustand mit dem der Apostel Jesu vor zweitausend Jahren, deren Hauptaufgabe anfangs darin bestanden habe, ihrem Lehrer zu folgen und mit freudigem Staunen seine Allmacht und Liebe zu entdecken.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Robert Mueller in Bedrängnis : Gibt es bald einen zweiten Sonderermittler?

          Erst war es eine obskure Idee einiger rechter Trump-Anhänger, aber jetzt rufen immer mehr Republikaner nach einem zweiten Sonderermittler. Der soll auch gegen Hillary Clinton ermitteln – deren vermeintliche Vergehen lassen Trump und seine Leute nicht los.

          Actionserie bei Amazon : Tausend Mal berührt

          Van Damme spielt Van Damme: In „Jean-Claude Van Johnson“ muss der schwerverliebte Actionheld abermals die Welt retten. Er schwankt dabei zwischen Selbstironie und Denkmalschutz.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.