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: Purpurröte sah ich durchsickern im kalten Deutschland östlich

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Die sprichwörtliche Zuneigung der Japaner zu Neuschwanstein und Hofbräuhaus ist historisch gewachsen, wie eine Studie über die bayerisch-japanischen Beziehungen belegt. Mit Hilfe zeitgenössischer Tagebücher, Stadtarchive, Gästebucheinträge und Zeitungen erörtert Andrea Hirner die wechselseitigen Rezeptionen und Repräsentationen in Kunst und Kultur.

          Die sprichwörtliche Zuneigung der Japaner zu Neuschwanstein und Hofbräuhaus ist historisch gewachsen, wie eine Studie über die bayerisch-japanischen Beziehungen belegt. Mit Hilfe zeitgenössischer Tagebücher, Stadtarchive, Gästebucheinträge und Zeitungen erörtert Andrea Hirner die wechselseitigen Rezeptionen und Repräsentationen in Kunst und Kultur. Die Inszenierung der Exotik, so ihre These, widerspiegelte dabei heimatliche Bedürfnisse.

          Nippons nachholende Modernisierung während der Meiji-Zeit (1868 bis 1912) orientierte sich an der ähnlich "verspäteten Nation" Deutschland in den Bereichen Medizin, Pädagogik und Staatsverfassung. Japan schickte seine Elitestudenten zur Fortbildung in die "Wiege der Gelehrsamkeit" nach Deutschland und lockte umgekehrt Ingenieure, Künstler und Wissenschaftler mit hohen Gehältern nach Japan. Der junge Staat erschloß seine geistigen und geographischen Reserven und Ressourcen neu. Dabei wies Bayern mit seinem Waldreichtum Ähnlichkeit mit Japan auf. So gilt der Bayer Eustachius Grasmann, der von 1887 bis 1896 an der Land- und Forstwirtschaftsschule in Tokio lehrte, als Wegbereiter der japanischen Forstwirtschaft.

          Während die offiziellen Kontakte hauptsächlich über Berlin liefen, entwickelte sich München zum Anziehungspunkt für japanische Studenten vor allem aus dem Bereich der Medizin. Liebevoll rekonstruiert das Buch die Bayernerfahrungen und die Studentenromantik von später berühmten Schriftstellern anhand von Aufzeichnungen wie etwa das "Wanzen-Tagebuch" oder anderen Werken von Saitô Mokichi. Saitô kleidete die bayerische Landschaft in wahre Schmankerl japanischer Dichtkunst ein: "Purpurröte sah ich dort am östlichen Himmel durchsickern, im kalten Deutschland."

          Nachdem Japan im Jahr 1876 den Samurai das Tragen von Schwertern verboten hatte, beschreibt Mori Ogai in seinem "Deutschlandtagebuch" 1886 die schlagenden Studentenverbindungen als "ein Überbleibsel aus dem Mittelalter und Kinderei". Das Gemüt des Münchners sei schlicht, ergänzt der Student Kitasato Takeshi das fernöstliche Bayernbild, und die Auswahl an Bier groß, das man hier trinke wie in Japan den Tee. Allerdings belegen die dankbaren Gästebucheinträge der Münchener Pensionswirtin und "japanischen Großmutter" Maria Hillenbrand, die von 1901 an mehr als dreißig Jahre Unterkünfte an über fünfhundert junge Japaner vermietete, das Bemühen der Japaner um kulturelle Assimilation. Gut gelaunt schließt die Autorin, daß "der Kampf der ersten japanischen Besucher in München mit den übergroßen Bierkrügen inzwischen zugunsten der Japaner" ausgegangen war.

          Aus bayerischer Sicht spricht Hirner von einer zweigeteilten Asienrezeption: Neben der oberflächlichen Rezeption in Form dekorativer Objekte, Operetten wie "Der Mikado" und Chinoiserien als Verrücktheit der Modewelt avancierte München um 1900 zur führenden Heimstatt von Japonismus und Jugendstil. Das "dekadente" Europa regenerierte sich in der japanischen immateriellen künstlerischen Tradition.

          Von der Umkehrung der Lehrer-Schüler-Beziehung zeugen auch die wirtschaftlichen und militärischen Erfolge des "jungen Japans", das zur Jahrhundertwende den "abgewirtschafteten" Ländern des "alten Europa" entgegenstand. Japan, das keineswegs die Rolle des "ewigen Studenten" und Juniorpartners einzunehmen gedachte, ersetzte die fremden Fachleute nach und nach durch Japaner. Auch die Auslandsstudenten eigneten sich statt Basiswissen nunmehr Spezialkenntnisse an. Auf seinem Sonderweg in die Moderne, so die These der Autorin, wählte Japan nach eigenem Wunsch aus dem geistigen und wissenschaftlichen Angebot des Westens aus.

          Hirner führt aus, wie beim Austausch von Jugendorganisationen und im "Kulturabkommen" beider Staaten 1938 vermeintliche Berührungspunkte zwischen dem Führerprinzip und Kaiserkult beschworen wurden, wie aber die "Waffenbrüderschaft" in München als Zentrum der "Bewegung" eine kulturelle Wüste hinterließ, zumal man die Kontakte auf bürokratischer Ebene kanalisierte.

          STEFFEN GNAM

          Andrea Hirner: "Japanisches Bayern". Historische Kontakte. Iudicium Verlag, München 2003. 279 S., Abb., br., 16,80 [Euro].

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