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Publikationen über Werner Schmalenbach Ein Midas des modernen Kunstbetriebs

31.01.2012 ·  Sein Schreibtisch war weltweit der Magnet für die Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts: Ein Buch und Mitschnitte präsentieren den großen Museumsmann Werner Schmalenbach.

Von Julia Voss
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Wer sich eine Vorstellung davon verschaffen möchte, wie mächtig Werner Schmalenbach in der Kunstszene der Nachkriegszeit war, der sollte folgende Geschichte kennen: 1958 stieg Schmalenbach in einen Bus, um einen ganz und gar unerfolgreichen Künstler zu besuchen, der in einem idyllischen Städtchen lebte, zu dem es keine Zugverbindung gab - Hagenau am Bodensee. Der Künstler hieß Julius Bissier, er malte abstrakt, war fast fünfundsechzig Jahre alt und hatte in seinem Leben genau ein Bild verkauft - wie sich später herausstellte, an seine eigene Frau, die es unter falschem Namen erwarb. Bissier war inzwischen davon überzeugt, dass Erfolglosigkeit sein Schicksal sei, als eben Schmalenbach aus dem Bus stieg, die Bilder im Atelier sah und begeistert ausrief: "Ihr Leben wird sich ändern. Sie werden Erfolg haben - weltweit. Sie werden ausstellen - überall."

Eben das war Schmalenbach: ein Impresario, Königsmacher und Midas, der das, was er berührte, in Gold verwandelte. Schmalenbach stellte Bissier 1958 in Hannover aus, Mitte der sechziger Jahre tourte das Werk bereits durch die bedeutenden amerikanischen Museen. Seinen Nachlass vermachte Bissier dem Museum, dessen Direktor Schmalenbach von 1962 bis 1990 war: der Düsseldorfer Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. Bis 1989, als die Mauer fiel und Berlin zum Kunstzentrum aufstieg, galt sie als heimliche Nationalgalerie Deutschlands.

Schmalenbach machte die Moderne zu einer klassischen Epoche

Pünktlich zum fünfzigjährigen Jubiläum des Hauses sind nun im Verlag der Buchhandlung Walther König zwei Publikationen erschienen: zum einen zwei CDs mit sechs Reden von Schmalenbach - über besagten Bissier, außerdem über Kirchner, Schwitters, Goller, Schumacher und Tàpies; zum anderen ein Band mit Interviews, die der Kunstkritiker Eduard Beaucamp führte, der fast vierzig Jahre das Kunstressort dieser Zeitung leitete. Schmalenbachs Reden bilden dabei die meisterhafte Fassade eines Prachtgebäudes. Mit Beaucamp jedoch betritt man das Innere, durchquert die Festsäle und Bankettzimmer, tritt in die Küche und Dienstbotenräume ein und klettert auch auf den Dachboden oder hinab in den Keller. Diese Reibung verleiht dem glänzenden Gespräch seine eigentümliche Spannung. Historisiert wird eine Hochburg der Moderne, im respektvollen und letzten Austausch mit dem Hausherrn, der im Juli 2010 verstarb.

Was gibt es also zu entdecken? Wollte man Schmalenbachs Lebensleistung auf einen Satz bringen, dann wäre es der folgende: Er machte die Moderne zu einer klassischen Epoche. Neben Arnold Bode und Werner Haftmann, den Begründern der Documenta in Kassel, gibt es in Deutschland wohl niemanden, der so leidenschaftlich für die Rehabilitierung der Moderne kämpfte - und dem dafür so viel Geld zur Verfügung stand. In fetten Jahren verfügte Schmalenbach, wie er im Interview erzählt, über einen öffentlich finanzierten Ankaufsetat von 15 Millionen Mark, eine ungeheuerliche Summe, die dazu führte, dass Händler und Galeristen aus der ganzen Welt in Düsseldorf Schlange standen.

Schmalenbach war überzeugt, dass sich die Moderne mit den großen Epochen der Kunstgeschichte messen konnte. In seinem Vortrag zu Kirchner spricht er von einer "florentinischen Blüte der Malerei" und rückt den Expressionismus in Nachbarschaft zur Renaissance. Er selbst fungiert als Giorgio Vasari, der die Lebenswege der Künstler elegant mit den Stationen ihrer Werke verknüpft und ihnen damit eine unverwechselbare Gestalt verleiht.

Die große kunsthistorische Linie prägt auf der einen Seite seine Vorträge; auf der anderen Seite fehlt nie der Hinweis auf die direkte Vergangenheit, den Nationalsozialismus. 1932, ein Jahr vor der Machtergreifung, war Schmalenbach im Alter von zwölf Jahren mit seiner Familie nach Basel gezogen. 1939 fuhr er mit seinen Eltern nach Luzern, um in der Galerie Fischer die Bilder zu sehen, die von den Nationalsozialisten aus deutschen Museen beschlagnahmt und zur Versteigerung ins Ausland gebracht worden waren. "Es war", erzählt Schmalenbach, "für mich die Entdeckung der modernen Kunst." Die Werke stammten zum Teil aus der Propagandaschau "Entartete Kunst", die 1937 in München eröffnet hatte und im Anschluss durch Deutschland reiste.

„Ich war plötzlich konservativ geworden“

Die Documenta in Kassel schrieb als Gegenausstellung zur "Entarteten Kunst" Geschichte, und Schmalenbach war von Anfang an mit dabei - zuerst in der Theorie und dann in der Praxis. Von 1959 bis 1967 gehörte er dem Documenta-Rat an, den er unter Protest verließ, weil er die klassische moderne Malerei als unterrepräsentiert empfand: "Ich war plötzlich, vor allem in der Perspektive der anderen, konservativ geworden."

Als die erste Documenta 1955 eröffnete, trat er gerade seinen Posten als Direktor des Kunstvereins Kestner-Gesellschaft in Hannover an. In Kassel ließ er sich durch Bilder vertreten: Die Besucher der Großausstellung empfingen riesige Bildwände, auf denen afrikanische Kunst gezeigt wurde, Abbildungen, von denen vier aus der frisch publizierten Doktorarbeit "Die Kunst Afrikas" stammten - Schmalenbachs Doktorarbeit, mit der er sein Kunstgeschichtsstudium in Basel abgeschlossen hatte.

Der „Sonnenkönig unter den Museumsdirektoren“

Mit Hilfe der Stammeskunst sollte die Moderne in Kassel als eine Art Urkunst auftreten und damit das Urteil der Nationalsozialisten widerlegen, Abstraktion oder Verfremdung seien die Endstufe einer degenerierten Überzivilisation. Die Nationalsozialisten hatten die Kunst in einer Weise politisiert, die sich nicht mehr rückgängig machen ließ und die man allenfalls noch umdrehen konnte. Der Siegeszug der Moderne begann; Realismus und Figuration standen von nun an unter Verdacht.

An den Preis, der dafür gezahlt wurde, erinnert Eduard Beaucamp. In seinen Fragen greift er unermüdlich Themen auf, die ansonsten nur ungern angesprochen werden. Als er für die Ideologisierung der Moderne als Beispiel anführt, dass sich auch der amerikanische Geheimdienst CIA für ihren Aufstieg engagiert habe, wird Schmalenbach mitunter kurz angebunden: "Ach so. Das höre ich zum ersten Mal."

Dass die explodierenden Kunstpreise die Moderne zu einer Geldmaschine werden ließen, bestreitet aber auch Schmalenbach nicht. Im Gegenteil. Beaucamp nennt ihn den „Sonnenkönig unter den Museumsdirektoren“, und Schmalenbach erzählt unterhaltsam, wie ihn der "gesamte Kunsthandel der Welt" besuchte: "Mein Schreibtisch war weltweit der Magnet für Kunst des 20. Jahrhunderts." Und trotzdem brachte der Kunstmarkt Schmalenbach 1990 dazu, sein Amt als Direktor nicht weiter ausüben zu wollen: "Es war mir klar, dass ich nun mit den steigenden Preisen auf dem Kunstmarkt auch keine Picasso-Skulptur mehr kaufen konnte." Die Kunst, die er liebte, konnte er sich nicht mehr leisten. Man kann es die Tragik seines Erfolgs nennen.

Schmalenbachs Dilemma teilen inzwischen alle Museumsdirektoren. Seine Vision war die Durchsetzung der Moderne, ein Traum, der in Erfüllung gegangen ist. Die Herausforderung für die nachfolgende Generation besteht nun darin, die Kunstmuseen mit einer neuen Vision zu füllen.

„Werner Schmalenbach spricht“. Anna Schlüter (Hrsg.). Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2011. 2 CDs, 14,- [Euro].

„Werner Schmalenbach“. Eduard Beaucamp. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2011. 102 S., br., 14,80 [Euro].

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1974, Redakteurin im Feuilleton.

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