14.01.2008 · Gedämpfter Paukenschlag im ersten Satz: "Es gibt einen antibyzantinischen Affekt." Natürlich handelt es sich um eine Variation des berühmten Anfangs eines Buches von Carl Schmitt: "Es gibt einen antirömischen Affekt" ("Römischer Katholizismus und politische Form", 1923). Aber das Buch des jungen Autors ist alles andere als epigonal und keine Kopie.
Gedämpfter Paukenschlag im ersten Satz: "Es gibt einen antibyzantinischen Affekt." Natürlich handelt es sich um eine Variation des berühmten Anfangs eines Buches von Carl Schmitt: "Es gibt einen antirömischen Affekt" ("Römischer Katholizismus und politische Form", 1923). Aber das Buch des jungen Autors ist alles andere als epigonal und keine Kopie. Es stellt eine aktuelle politische Frage auf hohem begrifflichem Niveau: die nach dem Verhältnis der Ostkirche zu den Verfassungsideen der Europäischen Union, besser gesagt: nach den Friktionen, die sich in diesem Verhältnis zwingend ergeben (Dimitrios Kisoudis: "Politische Theologie in der griechisch-orthodoxen Kirche". Diagonal-Verlag, Marburg 2007. 162 S., br., 20,- [Euro]).
"Byzantinismus" gilt als Synonym erstarrter Kultur. Der Autor will dagegen die nicht zu unterschätzende Lebenskraft der griechischen Kirche herausstellen. Nicht nur in Griechenland sehen wir heute die Kirchen gelegentlich im Dissens mit dem, was Europa an Gesetzesangleichungen fordert, und mehr noch: mit dem Geist dieser Gesetze. Wenn schon in Spanien oder in Polen, katholischen Kernländern, der Konflikt zwischen Staat und Kirche bei sensiblen Themen aufflackert (aber handelt es sich denn noch um souveräne Staaten, sind sie nicht vielmehr postsouverän-europäisch?), so ist dies in noch größerem Maße der Fall, wo die Orthodoxie, ungleich weniger durch die Aufklärung geprägt als die nördlicheren und westlicheren Kirchen, auf völlig säkulare Ordnungsideen stößt.
Kisoudis widmet sich in drei Durchgängen drei Grundbegriffen der Ostkirche: "Eikon", "Ethnos" und "Nomos". Und langsam klärt sich in der geduldigen, nichts überspringenden Darstellung die Brisanz des Themas. Denn Glaube, Volk und Nation, göttliches Gebot und weltliches Recht treten hier in eine andere Konstellation, sind in einer anderen Spannung zueinander angeordnet, als wir sie im gegenwärtigen Europa zu kennen meinen. Dafür aber muss der Autor tief in die Geschichte nicht nur der Begriffe, sondern ihrer politischen Bedeutung für die Griechen zurückgehen.
"Ethnos" bedeutet im konkreten Fall nicht primär das Verfassungsvolk, das vielmehr mit dem Wort "laos" bezeichnet wird - "Ethnos" trägt die Geschichte der Griechen unter der osmanischen Herrschaft in sich. Der Kirche kam die Aufgabe zu, ihre Mitglieder vor dem Sultan zu repräsentieren. Und in diesem Kontext war "Ethnos" zunächst der Begriff für die Gläubigen, "im selben Begriff ging ein Teil des orthodoxen Gottesvolks dann in den griechischen Staat über". Ethnos war aber auch das politische Subjekt der griechischen Eigenstaatlichkeit, die gegen die Osmanen durchgesetzt werden musste: "Sobald durch eine Verfassung ein griechischer Staat in Sicht gelangt, fällt die Nation als Verfassungsvolk auf Staatsgebiet mit dem Ethnos der Orthodoxen auf diesem Gebiet gedanklich zusammen." Es ist klar, dass die von den europäischen Zentralen gewünschte "Privatisierung des religiösen Phänomens" hier an eine kulturelle Grenze geraten kann: Die griechische Verfassung, so schreibt Kisoudis, "hat mit dem Ethnos dessen Substanz übernommen und sucht sie nun zur Anschmiegung an Europa abzustoßen".
"Nomos", Gesetz, ist, wenn wir dem Autor folgen, in der griechischen Kirche kein positiver Begriff. Und wiederum spitzt sich in der Auseinandersetzung mit dem gegenwärtigen Europa das Problem zu. Die Idee der Menschenwürde - der Autor spricht hier von einer "sittlichen Meta-Verfassung" - tritt in einen Widerstreit zur traditionellen Anrufung der Dreifaltigkeit in der griechischen Verfassung und zum Eid des Präsidenten auf die vorherrschende Religion.
"Eikon" scheint der theologische Schlüsselbegriff zu sein. Sehen wir einmal von der Dogmengeschichte des Bilderstreits ab, die Kisoudis bündig entwickelt, so ergibt sich hier ein ähnliches Problem: Die Anwesenheit von Ikonen in Schulen und Gerichten wird bei der Religionsprivatisierung zu einem Problem allerersten Ranges. Noch einmal stoßen Menschenwürde im westlich-säkularen Verständnis und die orthodoxe Lehre zusammen. In den Worten des Erzbischofs Christodolos aus dem Jahr 2003, die Kisoudis anführt: "Der gottlose Humanismus beging den Fehler, den Menschen ohne Gott autonom zu machen und sein unabhängiges, nur auf die eigene Kraft gestütztes Dasein auszurufen."
Die griechische Orthodoxie will den Menschen nicht als gottlos-humanistisches Verfassungswesen sehen, sondern als Bild des fleischgewordenen Logos, versammelt im Ethnos, dem griechischen Kirchenvolk. Zugespitzt spricht Kisoudis von der "eindimensionalen Menschlichkeit des Verfassungsrechts". Man glaubt es kaum, aber es ist wahr: Dieses Buch ist eine Magisterarbeit. Von Dimitrios Kisoudis, einem Ideologen in vermeintlich ideologieferner Zeit, wird man auch in Zukunft hören.
LORENZ JÄGER