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Sachbuch über „Böses Denken“ : Zum Blick in den Abgrund gezwungen

  • -Aktualisiert am

Kann man wirklich jemanden übel behandeln und danach schlicht sagen, man habe nicht gewusst, dass dies unmoralisch ist? Nein, sagt die Philosophin Bettina Stangneth. Bild: dpa

Kann, wer keine Moral kennt, böse handeln – oder ist das Ausblenden der Moral eine böse Entscheidung? Die Philosophin Bettina Stangneth beantwortet diese Fragen in ihrem furios geschriebenen Buch „Böses Denken“.

          Kann man wirklich jemanden übel behandeln und danach schlicht sagen, dass dies ein moralisches Problem sei, habe man nicht gewusst? Und kontert der Einwand, Handlungen ließen sich auf rationalem Wege doch wohl stets ganz unterschiedlich bewerten, wirklich alle Versuche, einen konkreten Menschen für sein Tun verantwortlich zu machen – sowie für seine Einstellungen, aus denen schließlich Tun (oder Nichtstun) folgt? Nein, sagt die Hamburger Philosophin und Historikerin Bettina Stangneth und verwendet auf ihre Antwort ein ganzes, furios geschriebenes Buch.

          Sie erinnert ihre Leserinnen und Leser in aller Deutlichkeit daran: Moral beginnt nicht irgendwo anders und bei anderen, quasi weit draußen in der Allgemeinheit irgendwelcher zu bewertenden Verhältnisse, sondern hier, jetzt und vor allem bereits in unseren Einstellungen, der „Denkungsart“, der wir uns überlassen. Stangneths Gewährsleute sind Hannah Arendt und Kant.

          Böse ist, sich vom Guten abzuwenden

          Auf Vernunftmangel oder emotionale Defizite lasse sich das Böse nicht schieben. Weder können wir Terrorbanden, Folterer, zynische Abzock-Betrügerfirmen oder Leute, die im Internet Hassbotschaften verschicken, für dumm erklären, noch fehlt es solchen Akteuren an Einfühlungsvermögen. Im Gegenteil, sie kennen die Schwächen ihrer Opfer sogar sehr genau. Überhaupt läuft Ursachenforschung leer. Wer mit der Lupe nach Infektionsstellen fürs Vorwerfbare, nach Bosheitsquellen sucht, wird nichts finden. Keineswegs führt jede schwere Kindheit in Straftaten, und auch wohlversorgte Menschen können skrupellos handeln.

          Immanuel Kant schrieb trocken vom „radikal“ Bösen: Es ist eine permanente Option, die uns trotz Verstand und Aufklärung von innen her fortwährend nahe bleibt. Zumeist entsteht moralisch Übles auch gar nicht, weil wir es absichtsvoll wollen, unsere Aufmerksamkeit wendet sich dem, was gut wäre, bloß gar nicht mehr ernsthaft zu. Wir werden gleichsam moralisch faul. Von „bösem Herzen“ spricht diesbezüglich Kant.

          Man kann dem Umgang mit dem eigenen Denken ausweichen, übersetzt Stangneth dies und interpretiert Arendts Buch über den Prozess gegen Adolf Eichmann als Studie dazu, wie die Berufung auf „Nichtwissen“ als Rechtfertigungsgrund in diesem Zusammenhang funktioniert: Das Abschalten, das Gar-nicht-erst-für-moralrelevant-halten, schreibt man sich selbst nicht zu, weil man die eigene „Vernunft“ überhaupt erst diesseits von Moral beginnen lässt. Während Kant, so Stangneth, „fragt, wie es möglich ist, dass wir wissentlich etwas Böses tun, frage Hannah Arendt, wie es möglich ist, unwissentlich etwas Böses zu tun“. Arendts Antwort lautet: Der gedankenlose Täter erinnert keine Böswilligkeit und verweigert so auch, sich an unterlassene eigene moralische Anstrengungen zu erinnern.

          Menschen neigen dazu, die Moral aus dem Blick zu verlieren

          Stangneth zieht den Bogen vom NS-Täter zu dschihadistischer Radikalisierung und Internethass. „Menschen neigen dazu, sich unwesentliche Fragen zu stellen und sich so hingebungsvoll mit banalem Zeug zu beschäftigen, dass Moral gar nicht mehr in den Blick kommt.“ Daneben sind es aber Gesten der Selbstimmunisierung auch des wissenschaftlichen Denkens gegen Moralität, gegen die Stangneths Buch zu Felde zieht.

          Der Gedanke, von Menschen sei zu erwarten, dass sie „gut“ – fair, zugewandt und zugunsten des Zusammenlebens verständig – sein wollen, wird nicht zuletzt in der Philosophie selbst demontiert. Wie das Kantische böse Herz kenne auch das „akademische Böse“ drei Stufen. Das Kokettieren mit vermeintlich gänzlich neutralisierten Sichtweisen auf das, was ernstlich unerträglich ist und nicht geschehen sollte; den Glauben, Theorie komme gänzlich ohne Ethik aus; die womöglich sogar absichtsvolle Kultivierung von Falschheit und Feindbildern.

          „Denken ist nicht wie Stolpern“, so formuliert die streitbare Autorin, soll heißen: Ich falle nicht in Einsichten hinein, sondern sie zu haben und zu formulieren ist letztlich auch ein moralisch stimmig zu verantwortender Akt. Auch Theorie wandelt auf moralisch schmalen Pfaden, und Theoretiker, die bequem bloß auf das Firmenschild „Wissenschaft“ verweisen, sollten sich für das Handeln, das aus einer bestimmten Denkungsart folgt, jederzeit als verantwortlich erkennen. Das Buch ist glänzend geschrieben und provoziert mit Witz wie bitterem Ernst. Es löst, indem es Vernunft auf die Maxime einer umfassenden Stimmigkeit, die es stets zu prüfen gälte, festlegt, nicht alle Probleme, die es anspricht. Aber es zwingt uns ausdrücklich, und zwar Philosophen wie Nichtphilosophen gleichermaßen, in jene Abgründe hineinzublicken, die der Programmbegriff „Aufklärung“ zu überbrücken sucht. Herrscht an der Gabelung von Moral und (bloßer) Theorie, an der man gern dem reinen, dem theoretischen Denken huldigt, ihrerseits noch einmal eine Moral, durch welche Theorie auf Moral verpflichtet bleibt? Und wenn uns Stangneths schwungvoller Moralismus nicht überzeugt: Welche Alternativen kennen wir nicht nur, sondern können wir wollen? Ganz sicher sind das Fragen,die man nicht am Schreibtisch wegräsoniert.

          Quelle: F.A.Z.

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