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Philippe Van Parijs: Sprachengerechtigkeit für Europa und die Welt : Synchronisiert wird hier nicht mehr

  • -Aktualisiert am

Bild: Suhrkamp Verlag

Das ist einmal eine ganz andere Theorie der Gerechtigkeit: Philippe Van Parijs sieht im Siegeszug der englischen Sprache schon die egalitäre Weltgesellschaft heraufziehen.

          Englisch ist die erste Sprache in der Geschichte, die von mindestens so vielen Menschen außerhalb wie innerhalb der Grenzen, in denen sie Amtssprache ist, gesprochen wird. Sie dominiert die internationale Kommunikation in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Kultur bereits jetzt in einem Ausmaß, das Latein nie erreicht hat.

          Die Vorteile eines solchen globalen Mediums liegen auf der Hand - aber je beherrschender es wird, desto deutlicher treten auch die Benachteiligungen hervor, die es für die Mehrheit der Weltbevölkerung birgt. Denn im Gegensatz zum Latein, das nach Roms Untergang niemandes Muttersprache mehr war und als echte Lingua franca von allen gleichermaßen gelernt werden musste, ist Englisch die Muttersprache für Millionen von Menschen, die in ihr aufwachsen, denken und leben. Es ist kein neutrales Medium, sondern fest verwoben mit den kommunikativen Normen und rhetorischen Mustern der angloamerikanischen Kulturen.

          Die Vorteile der Muttersprachler

          Diejenigen, die Englisch als Fremdsprache erlernen müssen, nehmen eine beträchtliche zeitliche und finanzielle Belastung auf sich, die oft genug trotzdem nicht ausreicht, um den „Heimvorteil“ englischer Muttersprachler einzuholen. So bevorzugen internationale Institutionen, Verbände und Unternehmen bei vielen Stellenbesetzungen englische Muttersprachler, andere Sprachkenntnisse spielen kaum noch eine Rolle.

          Ähnliches gilt für den Kulturbetrieb: Wer auf Englisch schreibt, singt oder schauspielert, dem steht der globale Markt ohne die Hürden der Übersetzung offen. Zugleich ist der Sprachlerntourismus für die anglophonen Länder längst zu einem einträglichen Wirtschaftsfaktor geworden. Hinzu kommt der Sog, den die angloamerikanische Welt auf die intellektuellen Eliten anderer Staaten ausübt: In Nordamerika und Australien leben zwar kaum mehr als fünf Prozent der Weltbevölkerung, aber sie beherbergen fünfundsiebzig Prozent der „expatriate brains“, der Hochschulabsolventen, die nicht im Land ihrer Geburt wohnen.

          Philippe Van Parijs, Philosoph und Ökonom, schildert ausführlich die Lasten und Kosten dieser „Ungerechtigkeit“, aber er zieht nicht den Schluss, die Ausbreitung des Englischen solle gebremst werden. Mit guten Gründen hält er ein solches Unterfangen angesichts der lawinenartigen Eigendynamik, die dieser Prozess längst angenommen hat, für ebenso sinnlos wie den Versuch, anstelle von Englisch Esperanto als universales Idiom zu installieren.

          Eine Welt, eine Sprache

          Getreu dem Motto, dass man sich mit dem, den man nicht besiegen kann, verbünden sollte, plädiert Van Parijs dafür, in ganz Europa die Ausbreitung des Englischen zu beschleunigen und zu vertiefen, um durch diese „Demokratisierung der Englischkompetenz“ die Kluft zwischen Mutter- und Fremdsprachlern schnell zu schließen. Die Chancen dafür sieht er als gut: Seine Hoffnungen ruhen - neben der Schule - vor allem auf den vielfältigen Sprachkontakten, die die Medien und das Internet ermöglichen.

          Um dieses Potential voll auszuschöpfen, wünscht er sich ein Verbot der Synchronisation englischsprachiger Filme - eine dirigistische Maßnahme, die durch die besseren Sprachfertigkeiten in Ländern, in denen Filme untertitelt laufen, gerechtfertigt sei. Viel Raum widmet Van Parijs der Frage, ob und wie die ökonomischen Benachteiligungen, die der Rest der Welt gegenüber den anglophonen Muttersprachlern zu tragen hat, ausgeglichen werden können.

          Die Idee einer Sprachsteuer für englischsprachige Länder verwirft er mit Recht als unpraktikabel und tröstet stattdessen die zum Englischlernen Genötigten mit dem Hinweis auf das „ausgleichende Trittbrettfahren“: Sie profitierten - vor allem dank des überwiegend anglophonen Internets - viel stärker von den geistigen Produkten englischsprachiger Wissenschaftler, Journalisten oder Künstler als umgekehrt die englischen Muttersprachler von den Erzeugnissen in anderen Sprachen.

          So informativ und anregend das Buch streckenweise ist - die seitenlangen formalen und mathematischen Herleitungen, mit denen Van Parijs solche einfach nachvollziehbaren Aussagen umständlich begründet, bringen Lesern, die nicht gerade zum Kreis der Gerechtigkeitstheoretiker zählen, keinen Erkenntnisgewinn.

          Keine Sensibilität für Unterschiede

          Van Parijs betont, dass Englisch als Lingua franca die anderen Sprachen überwölben, aber vorerst nicht ersetzen soll. Zwar will er sie als internationale Kommunikationsmedien, auch innerhalb der Europäischen Union, ausrangieren. Erhalten möchte er sie aber als territorial begrenzte Amtssprachen - außer an den Hochschulen -, um den Identitätsbedürfnissen der Sprachgemeinschaften gerecht zu werden und die anglophone „Arroganz“ im Zaum zu halten. Auch hier spielt der Gerechtigkeitsgedanke im Sinne gleicher Wertschätzung eine entscheidende Rolle, aber auch die pragmatische Überlegung, dass die Anglisierung Europas und danach der anderen Weltgegenden nur schonend und schrittweise erfolgen kann.

          Sprachenvielfalt stellt für Van Parijs nämlich keinen Wert an sich dar, sondern einen allmählich zu überwindenden Hemmschuh für den freien Austausch von Informationen und Waren. Hier zeigt sich der blinde Fleck seines Ansatzes: Der Gedanke, dass Vielfalt - ob es um natürliche Arten, kulturelle Schöpfungen oder eben Sprachen geht - das menschliche Leben bereichert, lässt sich nicht in sozialtechnologischen Gerechtigkeitsformeln erfassen. Dasselbe gilt für die Frage, ob sich in dem riesigen Spektrum unterschiedlicher Sprachstrukturen nicht auch ein Facettenreichtum des menschlichen Geistes spiegeln könnte, dem eine sprachliche Monokultur den Garaus machen würde.

          Zwar ist der empirische Gehalt der vielen Forschungsarbeiten, die es dazu inzwischen gibt, differenziert zu beurteilen. Aber dass Van Parijs in alldem nur eine Spielwiese profilierungswilliger Linguisten sieht, deren „Sonderwünsche“ vor den „großen kollektiven Vorteilen einfacher universeller Kommunikation“ bedeutungslos sind, zeugt von ignoranter Wurstigkeit.

          Politisch naiv

          Der Siegeszug des Global English ist für Van Parijs nicht nur unvermeidlich, sondern auch höchst erstrebenswert für die Entfaltung einer egalitären Weltgesellschaft, die für ihn offenbar den Kulminationspunkt des historischen Fortschritts darstellt. In dieser hegelianischen Perspektive ist Brüssel eine Art Residenz des Weltgeistes, wo mit dem Vereinten Europa die erste entscheidende Etappe auf dem Weg zur Schaffung einer globalen Demokratie errichtet wird.

          Wie realistisch der politische Gehalt dieser Vorstellungen ist, sei dahingestellt - das Vertrauen in die politisch einigende Kraft einer gemeinsamen Sprache mutet jedenfalls naiv an: Schließlich ist es - um nur das deutsche Beispiel zu nennen - noch nicht allzu lange her, dass die in der Sprache vereinten Bayern, Preußen, Hannoveraner oder Österreicher einander in wechselnden Konstellationen blutig bekämpften. Van Parijs’ Buch präsentiert eine Fülle interessanter Informationen und bedenkenswerter Befunde - allerdings in einem theoretischen Kontext, der viele kritische Fragen aufwirft.

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