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Philipp Tingler: Leichter Reisen Schlaflos über dem Atlantik

13.05.2011 ·  Stilsicheres Reisen als Alternative: Philipp Tinglers Sittenforschung des Tourismus weiß mit schauerlichen Verhaltensweisen unserer Zeitgenossen gut zu unterhalten. Nur über seine Trolley-Aversion müsste man noch einmal reden.

Von Felix Johannes Enzian
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Leute, die sich im Flughafen „wie auf dem Affenfelsen“ verhalten, dort öffentlich schlafen oder schmusen, im Bahnwaggon laut telefonieren oder durch „Verzehr (oder auch nur Transport) geruchsintensiver Speisen“ auffallen, konsultieren wohl keine Benimmbreviere. Aus diesem Grund wird Philipp Tinglers „Benimmhandbuch und Ratgeber für unterwegs“, dem diese Klagen entnommen sind, wohl nur wenig zur sittlichen Hebung des Massentourismus beitragen können.

Bücher über gute und vor allem schlechte Manieren haben eher anderen Nutzen: Sie bestätigen dem zivilisierten Leser das Selbstgefühl ästhetisch-moralischer Wohlgeratenheit und erfüllen eine ähnliche Aufgabe wie Gruselromane: Im Schutz der behaglichen Stube greift man zu Tinglers Kompendium und schwelgt in grausigen Details der „gängigsten Bedrängungen unterwegs“. An der Seite des Autors streitet man mit der kratzbürstigen Dolores am Mietwagenschalter in Houston, dämmert auf Interkontinentalflügen durch Videofilme mit Kevin Costner, steht am Gotthard im Stau und erblickt erschauernd das Gaumenzäpfchen im offenen Schlund eines Gegenübers im ICE. Der Leser stimmt bei solchen Déjà-vu-Erlebnissen in Tinglers Mantra ein: „This too shall pass“ - auch das geht vorbei. Er lacht befreit auf, trockenübt sich in „Grazie, Großzügigkeit und Gelassenheit“ und lernt so das „Unterwegssein als Lebenskunst“.

Dantes neunter Höllenkreis

Für diesen kathartischen Effekt braucht ein Ratgeber statt gouvernantenhaftem Ernst leichthändigen Witz - er ist Philipp Tinglers große Stärke. Der aus Berlin stammende, in Zürich lebende Schriftsteller und Reisekolumnist bezeichnet sich in Anlehnung an die Hauptfigur aus „Sex and the City“ als „ so 'ne Art Carrie Bradshaw on steroids“, außerdem als „materialistischen Kulturpessimisten“.

Er arbeitete als Fotomodell, hat über transzendentalen Idealismus promoviert und betreibt Bodybuilding. Sein Reiseratgeber ist subjektiv, selbstironisch und auf unterhaltsame Weise hemmungslos geschwätzig. Der Tonfall orientiert sich am angloamerikanisch geprägten Mündlichkeitsstil von Internetblogs, die gewissermaßen die Salonliteratur des digitalen Massenzeitalters darstellen. Deren „Oh-my-God“-Jargon kreuzt der Autor mit erlesenen bildungsbürgerlichen, alpenländischen und volkstümlichen Vokabeln wie „sybaritisch“, „Rappenspalter“ oder „Katzengold“. Diese Mischung liest sich - mancher mag es vielleicht nicht glauben - sehr angenehm und erfrischend.

Philipp Tingler „schätzt und anerkennt die therapeutische Wirkung des Konsums“, daher meidet er „Dantes neunten Höllenkreis“ (die Economy Class im Flugzeug) ebenso wie Naturerlebnisurlaub in „High-Tech-All-Purpose-Abenteuergarderobe“. Sein Erfahrungsschatz aus den Komfortzonen des weltweiten Tourismus, aber auch der Missgeschicke am Wegesrand ist beachtlich. Zu deren Bewältigung kann der Autor Ratschläge geben, die avancierter sind als sonst übliche Reisetipps: Dem Economy-Class-Passagier beispielsweise empfiehlt er, „beim Check-in online einen Platz in der Reihe hinter den Notausgängen“ zu wählen. Weil die Sitze der Exit Row meist nicht zurückklappbar seien, „kann wenigstens Ihr Vordermann nicht nach dem Start auf Ihren Schoß zurückfallen. Sie sehen: Es gibt Vorkehrungen gegen die Raumnot, sogar in den Elendsquartieren.“

Durch humorvolle Illustrationen allerliebst ergänzt

Tinglers Sozialsatiren gelten allerdings nicht nur dem Billigtourismus, sondern auch den Geschäfts-, Bildungs- und Luxusreisenden. Was er im Einzelnen über Etikette und guten Stil auf Reisen schreibt - „obsessives Armlehnendrücken“ gehöre sich nicht, „Gott hasst Neopren“ -, dürfte unter seinen Lesern weitgehend Konsens finden. Aus subjektiver Sicht möchte ich nur in einer heiklen Frage energisch widersprechen: Sie betrifft das Gepäck und damit letztlich die gesamte Garderobe.

Philipp Tingler schreibt, ein Reisender mit Trolley sehe aus wie ein Neandertaler, der seine Beute hinter sich herschleift. Ich sympathisiere mit dieser Aversion und hielte wie er klassische Koffer für die beste Wahl - wenn ich sie nicht selbst schleppen müsste. Zugleich ahne ich, dass Philipp Tingler jene hübschen Sporttaschen aus Leder verwendet, die als elegante „Weekender“ empfohlen werden, obwohl sich darin nur Sportkleidung adäquat transportieren lässt. Wohin mit Schuhen und Anzügen zum Wechseln und dem Hausmantel? All dies lässt sich im Neandertaler-Trolley anstrengungslos bewegen und ihm unzerdrückt entnehmen, deshalb erscheint er mir in der ästhetischen Gesamtbilanz als das kleinere Übel.

Und abschließend noch ein weiteres Lob: Philipp Tinglers touristische Sittenforschung wird durch die humorvollen Illustrationen Daniel Müllers allerliebst ergänzt.

Philipp Tingler: „Leichter Reisen“. Benimmhandbuch und Ratgeber für unterwegs. Kein & Aber, Zürich 2011. 232 S., geb., 16,90 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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