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Philipp Meuser: Architektur für die Russische Raumfahrt : Kosmonauten auf dem Weg ins Paradies

  • -Aktualisiert am

Bild: Dom-Publishers.

Offensive gegen den Jenseitsglauben der alten Welt: Philipp Meuser zeigt, wie die Architektur der sowjetischen Raumfahrt zur letzten Kunstphase des Kommunismus wurde.

          Auch zwanzig Jahre nach ihrer Auflösung und Öffnung gibt es im ehemaligen Riesenreich der Sowjetunion noch abenteuerliche Entdeckungen zu machen. Seitdem der eurasische Kontinent seinen Kalten-Kriegs-Schrecken als Afrika des Ostens - irgendwie düster, unzugänglich und bedrohlich - verloren hat, machen kulturelle Schatzsucher atemberaubende Funde, die auf westliche Augen wie die Hervorbringungen einer anderen Evolution wirken.

          Zuletzt hatte der französische Fotograf Frédéric Chaubin 2011 im Kölner Taschen-Verlag eine faszinierende Bildanthologie öffentlicher Kolossalarchitektur der späten Sowjetunion veröffentlicht, die nie zuvor gesehene Wunder- und Monsterbauten im melancholischen Dämmerlicht ihres Verfalls zeigt. Nun fokussiert der Berliner Verleger und Fotograf Philipp Meuser mit einem deutsch-russischen Autorenteam die Suche nach Leitfossilien der Sowjetmoderne. Ihr Prachtband „Architektur für die Russische Raumfahrt“ kommt dem Wunderglauben nicht nur der Sowjetmenschen, sondern auch des gesamten zwanzigsten Jahrhunderts ziemlich nahe.

          Die Utopie vom Verlassen der Erde

          Die Begeisterung Russlands für die Eroberung des Alls hat tiefe kulturelle Wurzeln. Seit dem neunzehnten Jahrhundert blühten romantische Naturphilosophien, die „Kosmismus“ und „Energismus“ hießen und mit extraterrestrischen Utopien den Ausbruch aus dem irdischen Gefängnis in klassen- und gewaltlose Welträume beschworen. Dafür hatte der Raketenvisionär Konstantin Ziolkowski eine philosophische Anthropologie der Raumfahrt entwickelt, die den säkularisierten Himmel nicht nur als Transportraum, sondern als strahlende neue Wohnstätte empfahl.

          Darauf reagierten die Avantgardekünstler nach der Oktoberrevolution und entwarfen lange vor ihren westlichen Mitstreitern schwebende Häuser und fliegende Städte; tatsächlich gleichen die „Proun“-Bilder von El Lissitzky und die „Planiten“-Gebäude von Malewitsch frühen Entwürfen für Raumschiffe, wie sie als „Mir“ und „ISS“ später tatsächlich im Orbit kreisten.

          Privilegierte Astronauten-WG

          Auf dem langen Weg von den Visionen zu den gebauten Raumstationen lässt das Buch viele Pioniere und Zeugen der sowjetischen Weltraumforschung zu Wort kommen, wobei man sich gewünscht hätte, dass die Reportagen und Gesprächsberichte zuweilen sorgfältiger dokumentiert und quellenmäßig besser belegt werden. So schwärmt der Kosmonaut Sergej Krikaljow von seinem Rekordaufenthalt von 803 Tagen an Bord der „Mir“.

          Viktor Asse, Chefarchitekt des geheimen Ausbildungszentrums „Swjosdny Gorodok“ (Sternenstädtchen) bei Moskau, berichtet vom privilegierten Leben in der Kosmonauten-WG. Dort wurden die Trainingsstrapazen von Zentrifugen- und Unterwassertests mit paradiesischen Konsumstandards vergolten, die auch die amerikanischen Gäste der ersten Apollo-Sojus-Kooperation 1975 ins Schwärmen brachten.

          Wohnträume der 50er Jahre im All

          Mit hochwertigen Großaufnahmen dokumentiert der Bildband den gigantischen Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan ebenso wie das lange Zeit unzugängliche Innenleben der Raketenfabrik mitsamt Kontrollzentrum im Moskauer Vorort Koroljow - dem sowjetischen Pendant zur Nasa in Houston -, wo bis heute 25 000 Menschen arbeiten.

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