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Philip Norman: Mick Jagger Es war nie seine Art, die andere Wange hinzuhalten

 ·  Kundig, erhellend und mit Sinn für Gerechtigkeit: Philip Normans Biographie von Mick Jagger enthält alles, was wir über einen Rolling Stone wissen müssen.

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So etwas sagt man nicht über den Teufel: „Jagger besitzt grundsätzlich einen guten Charakter, allerdings mit einer gewissen Entwicklungsverzögerung, was das Erwachsenwerden betrifft. Immerhin zeigen sich bei ihm mittlerweile erfreuliche Eigenschaften wie Hartnäckigkeit, wenn er sich einer Sache verschrieben hat.“ Das Zeugnis, das der Schulrektor dem Siebzehnjährigen 1960 ausstellte, bevor dieser, mit übrigens eher linken Anschauungen, an die London School of Economics ging, fiel günstig aus.

Wer der Auffassung zuneigt, der Charakter ändere sich grundsätzlich nicht (mehr), der muss sich jedenfalls wundern, dass der Sänger nach dem Konzert von Altamont im Dezember 1969, bei dem die als Ordner engagierten Hells Angels einen jungen Mann erstachen, dastand wie der Leibhaftige. Ihm persönlich wurde die Schuld an diesem Vorfall gegeben, der als das Datum in die Geschichte einging, an dem die Rockmusik, die gerade erst das friedliche Woodstock hinter sich gebracht hatte (allerdings ohne die Rolling Stones), ihre Unschuld verlor.

Darüber ist viel geschrieben worden, auch im deutschsprachigen Raum, und es ist bedauerlich, dass die ehrabschneiderische Version, die Siegfried Schmidt-Joos, ansonsten einer der besten Musikjournalisten überhaupt, dazu mehrmals in Umlauf gebracht hat, nie nennenswerten Widerspruch erfahren hat. Dabei ist in dem Konzertfilm „Gimmie Shelter“ eindeutig zu sehen, dass Mick Jagger nicht nur keine Schuld trifft, sondern dass er den Mord gar nicht mitbekommen konnte und sowohl vorher wie nachher außerordentlich umsichtig und verantwortungsbewusst reagierte, indem er das Publikum immer wieder zu beruhigen suchte.

Zu Tode gespielt und doch unsterblich

Wenn man seinem Biographen Philip Norman glauben darf - wogegen absolut nichts spricht -, dann hat Mick Jagger sich sogar eher wie Jesus Christus verhalten: „Als sich die Stars durch die Wartenden schoben, torkelte ein junger Mann mit irrem Blick auf Mick zu, schlug ihm ins Gesicht und brüllte: ,Ich hasse dich, du Scheißkerl!’ Mick blieb gelassen und wies Fuchs an, dem Jungen nichts zu tun.“

Nun war es andererseits nie Mick Jaggers Art, auch noch die andere Wange hinzuhalten. Norman lässt ihm, so kann man zusammenfassend über seinen sehr lesenswerten und in vielem außerordentlich erhellenden Siebenhundertseiter sagen, einfach nur Gerechtigkeit widerfahren; er schont ihn nicht, vor allem nicht bei seinen Frauengeschichten, aber mit moralischen Bewertungen hält er sich zurück. Es wäre aber auch eine Albernheit, dem Mann, der „Sympathy for the Devil“ geschrieben hat, selbst teuflische Züge unterschieben zu wollen.

Norman nennt gute Gründe dafür, neben der unerhörten stimmlichen Dynamik auch die lyrische Brillanz, warum dieses längst zu Tode gespielte und doch unsterbliche Lied Jaggers absolutes Meisterwerk ist, dessen Text offenbar inspiriert ist von Michail Bulgakows erst unlängst wieder ausgegrabenem Roman „Der Meister und Margarita“, der den Teufel ebenfalls als kultivierte Type zeichnet. Ein Engel war und ist Jagger, wie gesagt, trotzdem nicht.

Fürsorglich und großzügig

Norman weiß von unangenehmen Begebenheiten zu berichten. In aller Öffentlichkeit danach gefragt, was er sich bei seinen Striplokal-Besuchen eigentlich denke, antwortete Jagger: „Sie können fünf Kinder haben, ohne ein ,Familienmensch’ zu sein.“ Oder im Zusammenhang mit dem Bassisten Bill Wyman, der, wie vorher schon der Gitarrist Mick Taylor, den Mumm hatte, die Band lebend zu verlassen: „Wenn Bill mit Freunden in einem Restaurant beim Abendessen saß, gesellte sich Mick schon mal mit seiner ganzen Entourage zu ihm an den Tisch, bestellte den teuersten Champagner und zog wieder ab, ehe die fette Rechnung präsentiert wurde. Aber wenn Bill um eine Unterredung unter vier Augen bat, um etwas Geschäftliches zu besprechen, hieß es, Mick habe zu viel zu tun.“

Kollegenmobbing soll es geben, und entsprechende Züge ließen sich wohl auch leicht an gewissen Hochkulturträgern ausmachen. Norman wendet sich an ein Publikum, das schon mal hat läuten hören, dass für einen notorisch geizigen Menschen wie Jagger bei Geld die Feindschaft manchmal anfängt und dass sein eigentliches Baby die Rolling Stones sind, jetzt schon seit unglaublichen fünfzig Jahren.

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Philip Norman: „Mick Jagger“. Die Biografie. Aus dem Englischen von Gabriele Gockel, Sonja Schumacher und Gabriele Zyback. Droemer Knaur Verlag, München 2012. 720 S., geb., 24,99 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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