Home
http://www.faz.net/-gr6-74nn2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Philip Norman: Mick Jagger Es war nie seine Art, die andere Wange hinzuhalten

Kundig, erhellend und mit Sinn für Gerechtigkeit: Philip Normans Biographie von Mick Jagger enthält alles, was wir über einen Rolling Stone wissen müssen.

© Verlag Vergrößern

So etwas sagt man nicht über den Teufel: „Jagger besitzt grundsätzlich einen guten Charakter, allerdings mit einer gewissen Entwicklungsverzögerung, was das Erwachsenwerden betrifft. Immerhin zeigen sich bei ihm mittlerweile erfreuliche Eigenschaften wie Hartnäckigkeit, wenn er sich einer Sache verschrieben hat.“ Das Zeugnis, das der Schulrektor dem Siebzehnjährigen 1960 ausstellte, bevor dieser, mit übrigens eher linken Anschauungen, an die London School of Economics ging, fiel günstig aus.

Edo Reents Folgen:  

Wer der Auffassung zuneigt, der Charakter ändere sich grundsätzlich nicht (mehr), der muss sich jedenfalls wundern, dass der Sänger nach dem Konzert von Altamont im Dezember 1969, bei dem die als Ordner engagierten Hells Angels einen jungen Mann erstachen, dastand wie der Leibhaftige. Ihm persönlich wurde die Schuld an diesem Vorfall gegeben, der als das Datum in die Geschichte einging, an dem die Rockmusik, die gerade erst das friedliche Woodstock hinter sich gebracht hatte (allerdings ohne die Rolling Stones), ihre Unschuld verlor.

Darüber ist viel geschrieben worden, auch im deutschsprachigen Raum, und es ist bedauerlich, dass die ehrabschneiderische Version, die Siegfried Schmidt-Joos, ansonsten einer der besten Musikjournalisten überhaupt, dazu mehrmals in Umlauf gebracht hat, nie nennenswerten Widerspruch erfahren hat. Dabei ist in dem Konzertfilm „Gimmie Shelter“ eindeutig zu sehen, dass Mick Jagger nicht nur keine Schuld trifft, sondern dass er den Mord gar nicht mitbekommen konnte und sowohl vorher wie nachher außerordentlich umsichtig und verantwortungsbewusst reagierte, indem er das Publikum immer wieder zu beruhigen suchte.

Zu Tode gespielt und doch unsterblich

Wenn man seinem Biographen Philip Norman glauben darf - wogegen absolut nichts spricht -, dann hat Mick Jagger sich sogar eher wie Jesus Christus verhalten: „Als sich die Stars durch die Wartenden schoben, torkelte ein junger Mann mit irrem Blick auf Mick zu, schlug ihm ins Gesicht und brüllte: ,Ich hasse dich, du Scheißkerl!’ Mick blieb gelassen und wies Fuchs an, dem Jungen nichts zu tun.“

Nun war es andererseits nie Mick Jaggers Art, auch noch die andere Wange hinzuhalten. Norman lässt ihm, so kann man zusammenfassend über seinen sehr lesenswerten und in vielem außerordentlich erhellenden Siebenhundertseiter sagen, einfach nur Gerechtigkeit widerfahren; er schont ihn nicht, vor allem nicht bei seinen Frauengeschichten, aber mit moralischen Bewertungen hält er sich zurück. Es wäre aber auch eine Albernheit, dem Mann, der „Sympathy for the Devil“ geschrieben hat, selbst teuflische Züge unterschieben zu wollen.

Norman nennt gute Gründe dafür, neben der unerhörten stimmlichen Dynamik auch die lyrische Brillanz, warum dieses längst zu Tode gespielte und doch unsterbliche Lied Jaggers absolutes Meisterwerk ist, dessen Text offenbar inspiriert ist von Michail Bulgakows erst unlängst wieder ausgegrabenem Roman „Der Meister und Margarita“, der den Teufel ebenfalls als kultivierte Type zeichnet. Ein Engel war und ist Jagger, wie gesagt, trotzdem nicht.

Fürsorglich und großzügig

Norman weiß von unangenehmen Begebenheiten zu berichten. In aller Öffentlichkeit danach gefragt, was er sich bei seinen Striplokal-Besuchen eigentlich denke, antwortete Jagger: „Sie können fünf Kinder haben, ohne ein ,Familienmensch’ zu sein.“ Oder im Zusammenhang mit dem Bassisten Bill Wyman, der, wie vorher schon der Gitarrist Mick Taylor, den Mumm hatte, die Band lebend zu verlassen: „Wenn Bill mit Freunden in einem Restaurant beim Abendessen saß, gesellte sich Mick schon mal mit seiner ganzen Entourage zu ihm an den Tisch, bestellte den teuersten Champagner und zog wieder ab, ehe die fette Rechnung präsentiert wurde. Aber wenn Bill um eine Unterredung unter vier Augen bat, um etwas Geschäftliches zu besprechen, hieß es, Mick habe zu viel zu tun.“

Kollegenmobbing soll es geben, und entsprechende Züge ließen sich wohl auch leicht an gewissen Hochkulturträgern ausmachen. Norman wendet sich an ein Publikum, das schon mal hat läuten hören, dass für einen notorisch geizigen Menschen wie Jagger bei Geld die Feindschaft manchmal anfängt und dass sein eigentliches Baby die Rolling Stones sind, jetzt schon seit unglaublichen fünfzig Jahren.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Benzodiazepine unter Demenz-Verdacht Vergesslich durch Beruhigungsmittel?

Sie werden millionenfach gegen Angst und innere Unruhe genommen: Benzodiazepine wie etwa Valium und Tavor. Jetzt haben Forscher plötzlich einen Zusammenhang zu Alzheimer entdeckt. Mehr

10.09.2014, 23:12 Uhr | Wissen
Rolling Stones spielen in der Berliner Waldbühne

Das Konzert im Rahmen der "14 on Fire" Tour lockte auch zahlreiche Promi-Fans an. Anders als beim Stones-Gig 1965 blieb der Auftrittsort diesmal heil. Mehr

11.06.2014, 12:00 Uhr | Feuilleton
Politische Folgen der Abstimmung Der Kampf um Schottlands Herz

Sollten die Schotten ihre mehr als 300 Jahre dauernde Zweckehe mit London auflösen, wird sich der britische Premierminister Cameron rechtfertigen müssen. Er ist mit seiner Negativkampagne wie ein drohender Ehemann aufgetreten – und hat erst sehr spät eingelenkt. Mehr

18.09.2014, 12:34 Uhr | Politik
SC Paderborn freut sich auf die Bundesliga

Sie haben den kleinsten Etat, das kleinste Stadion und auch die geringste Bundesliga-Erfahrung. Angesichts dieser Rahmenbedingungen ist klar, dass das offizielle Saisonziel der Paderborner nur der Klassenverbleib sein wird. Mehr

21.08.2014, 15:54 Uhr | Sport
Marquis de Sade Der Skandalöseste aller Skandalösen

Im Vergleich zu seinen Texten liest sich Shades of Grey wie ein Pixi-Buch: Volker Reinhardt gelingt es in seiner Biographie dennoch, sich dem Marquis de Sade nüchtern anzunähern. Mehr

10.09.2014, 16:49 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 07.12.2012, 16:39 Uhr