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: Phantome des Mittelalters

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"Immer hatten mit irgendeiner Art des Heilens die geistigen Wissenschaften etwas zu tun", erklärte der Begründer der Anthroposophie Rudolf Steiner (1861 bis 1925) in einem 1920 gehaltenen Vortrag. Und hätte es nicht im neunzehnten Jahrhundert einen "Sündenfall" gegeben, bei dem die naturwissenschaftliche Richtung ...

          "Immer hatten mit irgendeiner Art des Heilens die geistigen Wissenschaften etwas zu tun", erklärte der Begründer der Anthroposophie Rudolf Steiner (1861 bis 1925) in einem 1920 gehaltenen Vortrag. Und hätte es nicht im neunzehnten Jahrhundert einen "Sündenfall" gegeben, bei dem die naturwissenschaftliche Richtung der Medizin angeblich dem Konzept der "Lebenskraft" den Garaus gemacht hat, dann müsste man heute nicht den "Tod der Spiritualität in der Medizin" beklagen. Das meint jedenfalls Peter Heusser, der Herausgeber eines Aufsatzbandes, der die Beiträge einer Berner Ringvorlesung zur Spiritualität in der modernen Medizin wiedergibt. Diese Nachtseite der Medizin müsse man wiederentdecken. Dabei könnten historische Vorbilder - reale (Paracelsus) und fiktive (Goethes Dr. Faust) - Hilfestellung leisten, meint Peter Heusser, Arzt und Dozent für Anthroposophische Medizin. Das erinnert nicht von ungefähr an Steiners Kanon der Geistes- und Medizingeschichte. Es grenzt allerdings an Geschichtsklitterung, wenn man die seit den zwanziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts entwickelte Anthroposophische Medizin als den "Beginn einer zukünftigen geisteswissenschaftlichen Erweiterung der naturwissenschaftlichen Medizin" betrachtet. Die Einseitigkeit des Weltbildes der naturwissenschaftlichen Medizin war bereits in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts Thema einer breiten medizinkritischen Bewegung. Der Aufstieg des naturwissenschaftlichen Denkens in der Medizin vollzog sich nicht ohne Widerstand. Das hatte kein Geringerer als der Begründer der Zellularpathologie, Rudolf Virchow (1821 bis 1902), bereits 1845 erkannt: "Weniger groß, doch um so bedeutungsvoller durch ihren Einfluß auf leicht bewegliche Volksmassen, ist die Kohorte der Propheten des Aberglaubens. Homöopathie und Hydropathie, Magnetismus und Exorzismus - Phantome des Mittelalters - erheben ungestört ihr Haupt, und das Licht der Wissenschaft ist noch nicht klar genug, um sie ungesäumt zerstreuen zu können." Im Unterschied zu den "Außenseitertherapien" ist es Steiners Verdienst, die spirituelle Seite der Medizin durch die Hintertür der "Geisteswissenschaft" wieder in die Medizin hereingebracht und so auch unter naturwissenschaftlich geschulten Ärzten salonfähig gemacht zu haben.

          Doch mit dieser Spiritualität können heute nur wenige Ärzte etwas anfangen. Wie eine Umfrage der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahre 2006 unter 516 niedergelassenen Ärzten in Deutschland zeigt, halten 43 Prozent der befragten Mediziner die Anthroposophische Medizin für "eher fragwürdig", nur zwanzig Prozent finden sie seriös. Dagegen bewerten immerhin mehr als die Hälfte der Befragten die Homöopathie als "eher seriös".

          Nach der Lektüre dieses Aufsatzbandes dürfte die Zahl der Skeptiker noch zunehmen. Man kommt ins Grübeln, wenn Ärzte heute allen Ernstes glauben, dass gemäß der Karma- und Reinkarnationslehre Rudolf Steiners ein Schicksalsereignis oder ein Charaktermerkmal, wie etwa "kein Interesse an den Himmelsvorgängen, insbesondere an den Sternen", auf "Bindegewebsschwäche, schlaffen Körperbau" (Michaela Glöckler) im gegenwärtigen oder späteren Erdenleben hindeutet. Und was soll man von einer "spirituellen Schulung für den Arzt" (Wolfgang Rissmann) halten, bei der von Pflanzen in "imaginativer Betrachtung" auf Vorgänge im menschlichen Körper geschlossen wird?

          Doch nicht nur von solchen "spirituellen Erweiterungen" der Medizin handelt dieser Band. In Beiträgen über die "Spiritualität der Not" (Monika Renz) am Beispiel von Krebstherapien oder über die "Sakramente der Heilung" (Joachim Müller) wird die "geistige Medizin", die das Christentum zu bieten hat, von unterschiedlicher Seite beleuchtet. Peter Selg, ebenfalls anthroposophischer Arzt, verweist auf das ambivalente Diktum vom Christentum als "Religion für Kranke" und geht in seinem philologisch fundierten Beitrag unter anderem auf die Heilwunder der Evangelien ein.

          Spiritualität ist ein Phänomen, das auch die Einstellung zur Krankheit in anderen Religionen kennzeichnet. Dass die chinesische Medizin nicht per se spirituell ist, darauf macht Klaus Dieter Platsch in seinem Beitrag aufmerksam. Wie religiöse Vorstellungen und Praktiken neue Therapien hervorbringen können, belegt eine therapeutische Strömung, die vor allem in Amerika weit verbreitet ist: die Aufmerksamkeitsmeditation. Diese wurde durch buddhistische Lehren beeinflusst. Dazu liegen immerhin interessante Wirksamkeitsstudien vor, die von Harald Wallach, einem hervorragenden Kenner biometrischer Methoden, vorgestellt werden. Sein Beitrag ist ein solider Fels in einem Meer spiritueller Fragwürdigkeiten. Was soll man beispielsweise als Außenstehender, der Esoterik kritisch gegenüberstehender Zeitgenosse mit einem Satz wie diesem anfangen: "Als Therapierende mit spiritueller Orientierung sind wir uns bewusst, dass wir mit unserm Dasein die göttliche Gegenwart verkörpern" - also der Halbgott in Weiß einmal anders betrachtet?

          ROBERT JÜTTE

          Peter Heusser (Hrsg.): "Spiritualität in der modernen Medizin". Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main, Bern 2007. 266 S., br., 47,60 [Euro].

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