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Veröffentlicht: 18.04.2017, 22:26 Uhr

Biografie Wie Hans Fallada versuchte, den Teufel zu betrügen

Der Kunst und der Sucht verfallen: Peter Walther beschreibt das schwierige Leben des Rudolf Ditzen, der unter seinem Pseudonym weltberühmt ist.

von Friedmar Apel
© Picture-Alliance Hans Fallada, eigentlich Rudolf Ditzen (1893 bis 1947).

Hugo von Hofmannsthal hat seinem vielbewunderten Jugendwerk später eine gewisse Unverantwortlichkeit bescheinigt, die er unter dem Begriff der Präexistenz zu fassen suchte. Er hat vermutlich nie erfahren, dass sich 1911, mit Versen aus seinem lyrischen Drama „Der Tor und der Tod“ noch auf den Lippen, zwei jugendliche Freunde in einem fingierten Duell gegenseitig totschießen wollten. Hanns Dietrich von Necker kam dabei ums Leben, aber Rudolf Ditzen, der sich als Schriftsteller Hans Fallada nennen sollte, überlebte, obwohl er sich noch zweimal selbst in die Brust geschossen hatte.

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Mit diesem Vorfall eröffnet Peter Walther, der Leiter des Brandenburgischen Literaturbüros, seine meisterliche Fallada-Biographie. Die Begebenheit erscheint als eine Schlüsselszene der Entwicklung Ditzens und seiner Neigung, „bei äußeren Problemen nach innen zu fliehen“ und sich in Fiktionen zu betrachten. Dabei entstammte er einem gutsituierten Elternhaus. Obwohl liebevoll erzogen, war er ein schwieriges und verschlossenes Kind, das es in der Schule schwer hatte, jedoch früh durch geistige Interessen auffiel. Auch warfen ihn Krankheiten in der Entwicklung zurück – und ein Unfall mit einem Pferdefuhrwerk, nach dem er wie dann auch nach der Schussverletzung mit Morphium behandelt wurde, was wahrscheinlich der Ursprung seiner lebenslangen Suchtprobleme war.

Er imaginierte sich als zynischer Dandy

Ditzen hatte sich schon früh als Dichter betrachtet. Er schrieb Verse in Hofmannsthals Manier, vor allem begann er schon früh mit einer „gnadenlosen Selbstbeobachtung“, die schriftlich festgehalten wurde. Schon nach der Konfirmation ersetzte er den christlichen Glauben „durch einen bei Nietzsche, Hofmannsthal und Oscar Wilde zusammengelesenen Kraft- und Schönheitskult“ und imaginierte sich als zynischer Dandy.

Nach dem „Duell“ musste er mit einer Mordanklage rechnen, jedoch bescheinigte ihm der renommierte Schweizer Nervenarzt Otto Binswanger eine „Gemütsdepression mit ausgesprochenen Zwangsvorstellungen“. So wurde Ditzen für strafunmündig erklärt und in die Nervenheilanstalt eingewiesen. Aber auch dort trug er sich weiterhin mit Selbstmordgedanken. Dann aber korrespondierte er wegen einer Übersetzung von dessen Michelangelo-Biographie mit Romain Rolland, der ihm Künstlertum bescheinigte: „Ich erkenne das Licht, das in Ihren Augen leuchtet.“ Ditzen lässt sich Briefpapier mit der Berufsbezeichnung „Schriftsteller“ drucken.

Er war sich selbst eine Kunstfigur

Nach Ausbildungsstationen in der ostelbischen Landwirtschaft beginnt Ditzen ein selbständiges Leben in Berlin. Nun zeigt sich die zweite große Sucht, „dieses zitternde Auf und Ab der Zweigeschlechtlichkeit“. Walther zufolge bildet sich hier ein lebenslang praktiziertes Muster im Verhältnis zu Frauen heraus, in dem sich Ditzen „zum scheinbar passiven Teil der Beziehung, zum kleinen Jungen“ reduziert. Im Berlin der letzten Kriegsjahre kursiert ohnehin der Morphiumkonsum, dem auch er schnell verfällt.

45746365 © Aufbau Verlag Vergrößern Peter Walther: „Hans Fallada“. Die Biographie. Aufbau Verlag, Berlin 2017. 528 S., Abb., geb., 25,– €.

1917 beginnt er mit einem Roman über die „Leiden eines jungen Mannes in der Pubertät“. Einerseits ein Modesujet seit der Jahrhundertwende, andererseits eine Aufarbeitung der eigenen Kindheit und Jugend mit allen Nöten der Außenseiterrolle, der Entfremdung von den Eltern und der sexuellen Bedrängnisse. Der Text wird 1920 mit dem Titel „Der junge Goedeschal“ und unter dem Namen Hans Fallada erscheinen. So wird er sich von nun an selbst zur Kunstfigur. „Das bürgerliche Subjekt Rudolf Ditzen verschwindet dahinter und bleibt höchstens noch für das private und geschäftliche Umfeld des Autors sichtbar. Unter dem Namen Hans Fallada wird Ditzen über sich und sein Leben schreiben können, er kann sogar selbst als Figur in seinen Büchern auftreten.“ Der Pechvogel als Hans im Glück und als Pferdekopf, der die Wahrheit spricht – das ist „die Person, die er gern hätte sein wollen“.

Bald aber holt ihn das Ungemach wieder ein. Als geschätzter Angestellter eines Gutes in Neu Schönfeld bei Bunzlau begeht er Unterschlagungen, um seine Drogensucht zu finanzieren. Die Strafe verbüßt er in seiner Geburtsstadt Greifswald. Auch die Haft literarisiert er mit Oscar Wildes „Ballade vom Zuchthaus zu Reading“ und mit unablässiger Beobachtung seiner selbst und der Mitgefangenen. 1925 erscheinen die Erträge, darunter „Stimme aus den Gefängnissen“. Nach erneuten Unterschlagungen, derer er sich selbst bezichtigte, kommt es aber zu einer weiteren Haftstrafe, die Ditzen bejaht, um von den Drogen wegzukommen und ein neues Leben anzufangen. Während der zweijährigen Haft in Neumünster darf er nicht schreiben, findet aber reichlich Anschauung für seinen späteren Roman „Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“.

Im Visier der Nationalsozialisten

Neumünster markiert einen entscheidenden Wendepunkt. Der Gefängnisdirektor selbst besorgt Ditzen eine Anstellung als Annoncenwerber bei der Lokalzeitung, vor allem aber verlobt er sich mit Anna Issel, genannt Suse. Mit 35 Jahren ist er zum ersten Mal „uneingeschränkt glücklich“. Fortan scheint es bergauf zu gehen. 1932 wird Fallada mit „Kleiner Mann – was nun?“ weltberühmt. Ein Erfolg, der bis heute anhält.

„Der Übergang war zu plötzlich“, erinnert sich Fallada später. Vor allem aber geriet das Buch ins Visier der Nazis. Der Kulturfunktionär Hanns Johst bezeichnete den Helden als Waschlappen: „Der Blickpunkt auf diese Minderwertigkeit“ sei überlebt. „Nicht dieses lasche Mitleid mit den wehrlosen Opfern ihrer Umwelt, sondern das Leiden wehrhafter Charaktere gilt es endlich einmal wieder zu gestalten.“ Dabei hatte Fallada wie sein Verlag darauf Wert gelegt, sich auf keine politische Richtung festzulegen. Wie viele andere nahm Ditzen die Nazis zunächst nicht ernst. Im April 1933 aber wird er von der SA verhaftet. Einmal wieder im Gefängnis, nimmt er sogleich den Stoff zu „Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“ wieder auf. In der Folge erleidet er neue Nervenzusammenbrüche. Die Aufnahme des Romans lässt sich 1934 zunächst gut an, doch schnell melden sich die NS-Kritiker wieder: Der Held sei „einer von der Sorte degenerierter Menschen, für die wir heute Sicherungsverwahrung haben“.

Fallada beginnt nun, sich „in der neuen politischen Wirklichkeit einzurichten“, zunächst, indem er sich wichtige Werke der NSDAP anschafft, darunter „Mein Kampf“. 1935 aber wird er zum „unerwünschten Autor“ erklärt. Er erwägt die Emigration, entscheidet sich aber dagegen; sein Gut Carwitz, auf dem er sich eine freilich immer bedrohte Idylle erschaffen hatte, und „die emotionale Bindung an die Heimat, die Furcht vor dem Ausgestoßensein“ sind für Walther glaubhafte Motive dafür. Der Preis ist ein Rückfall in schlimmste Depressionen. Die Momente des Glücks mit Suse und den beiden Kindern auf Carwitz sind rar.

Zeitweise erlag er der Indoktrination

Obwohl weiterhin seine „zweifelhafte Einstellung zum Nationalsozialismus“ moniert wird, schickt man ihn als hofierten Sonderführer im Reichsarbeitsdienst nach Frankreich. Die Erlebnisse dieser Zeit werden in der Biographie erstmals geschildert. Fallada genießt die Annehmlichkeiten. In Briefen schlägt er nun nationalistische Töne an, um die Zensur irrezuführen, wie er später behauptet. Schließlich willigt er ein, auf Geheiß von Goebbels einen antisemitischen Propagandaroman um den Juden Kutisker zu schreiben, zu dem Fallada bereits recherchiert hatte. Er versucht, den Teufel zu betrügen, spielt auf Zeit, schließlich kommt ein „nicht antisemitischer antisemitischer“ Text dabei heraus. In „Doppeldeutigkeiten wie diesen bleibt sein ganzes Zusammenwirken mit dem Propagandaapparat der Nationalsozialisten befangen.“ Der Biograph hat keinen Zweifel, dass Fallada die Nazis verabscheute, doch zeitweise der Indoktrination erlag.

Derweil gibt es wieder Abstürze in die Sucht. Er betrügt Suse und lässt sich scheiden, schließlich schießt er im Wahn auf sie. 1945 heiratet er Ulla Losch, mit der er die Süchte teilt. Das Kriegsende bringt keine Ruhe in sein Leben. Von den Russen wird er zum Oberbürgermeister von Feldberg und weiteren Gemeinden gemacht. Nach vier Monaten flüchtet er abermals in die Morphiumsucht, 1946 absolviert er mehrere Entziehungskuren. Durch die Freundschaft mit Johannes R. Becher gerät er wieder in die Politik. Mit unbegreiflicher Energie schreibt er währenddessen Erzählungen und vor allem seine Abrechnung mit dem Nationalsozialismus, den Roman „Jeder stirbt für sich allein“. Am 5. Februar 1947 stirbt Rudolf Ditzen in einem Berliner Krankenhaus.

Peter Walther beschreibt seinen Helden keineswegs unkritisch, urteilt aber mit Respekt und großem Erbarmen. „Fallada ist am Leben mit einer Größe gescheitert, wie sie nur wenige aufbringen, die es mit Erfolg bewältigen.“ Das ist nicht der geringste Vorzug dieser hervorragenden Biographie, die sehr verschiedene Bilder eines zerrissenen und faszinierenden Menschen und Künstlers entwirft, ohne sie gewaltsam zur Deckung bringen zu wollen.

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