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Biografie : Wie Hans Fallada versuchte, den Teufel zu betrügen

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Hans Fallada, eigentlich Rudolf Ditzen (1893 bis 1947). Bild: Picture-Alliance

Der Kunst und der Sucht verfallen: Peter Walther beschreibt das schwierige Leben des Rudolf Ditzen, der unter seinem Pseudonym weltberühmt ist.

          Hugo von Hofmannsthal hat seinem vielbewunderten Jugendwerk später eine gewisse Unverantwortlichkeit bescheinigt, die er unter dem Begriff der Präexistenz zu fassen suchte. Er hat vermutlich nie erfahren, dass sich 1911, mit Versen aus seinem lyrischen Drama „Der Tor und der Tod“ noch auf den Lippen, zwei jugendliche Freunde in einem fingierten Duell gegenseitig totschießen wollten. Hanns Dietrich von Necker kam dabei ums Leben, aber Rudolf Ditzen, der sich als Schriftsteller Hans Fallada nennen sollte, überlebte, obwohl er sich noch zweimal selbst in die Brust geschossen hatte.

          Mit diesem Vorfall eröffnet Peter Walther, der Leiter des Brandenburgischen Literaturbüros, seine meisterliche Fallada-Biographie. Die Begebenheit erscheint als eine Schlüsselszene der Entwicklung Ditzens und seiner Neigung, „bei äußeren Problemen nach innen zu fliehen“ und sich in Fiktionen zu betrachten. Dabei entstammte er einem gutsituierten Elternhaus. Obwohl liebevoll erzogen, war er ein schwieriges und verschlossenes Kind, das es in der Schule schwer hatte, jedoch früh durch geistige Interessen auffiel. Auch warfen ihn Krankheiten in der Entwicklung zurück – und ein Unfall mit einem Pferdefuhrwerk, nach dem er wie dann auch nach der Schussverletzung mit Morphium behandelt wurde, was wahrscheinlich der Ursprung seiner lebenslangen Suchtprobleme war.

          Er imaginierte sich als zynischer Dandy

          Ditzen hatte sich schon früh als Dichter betrachtet. Er schrieb Verse in Hofmannsthals Manier, vor allem begann er schon früh mit einer „gnadenlosen Selbstbeobachtung“, die schriftlich festgehalten wurde. Schon nach der Konfirmation ersetzte er den christlichen Glauben „durch einen bei Nietzsche, Hofmannsthal und Oscar Wilde zusammengelesenen Kraft- und Schönheitskult“ und imaginierte sich als zynischer Dandy.

          Nach dem „Duell“ musste er mit einer Mordanklage rechnen, jedoch bescheinigte ihm der renommierte Schweizer Nervenarzt Otto Binswanger eine „Gemütsdepression mit ausgesprochenen Zwangsvorstellungen“. So wurde Ditzen für strafunmündig erklärt und in die Nervenheilanstalt eingewiesen. Aber auch dort trug er sich weiterhin mit Selbstmordgedanken. Dann aber korrespondierte er wegen einer Übersetzung von dessen Michelangelo-Biographie mit Romain Rolland, der ihm Künstlertum bescheinigte: „Ich erkenne das Licht, das in Ihren Augen leuchtet.“ Ditzen lässt sich Briefpapier mit der Berufsbezeichnung „Schriftsteller“ drucken.

          Er war sich selbst eine Kunstfigur

          Nach Ausbildungsstationen in der ostelbischen Landwirtschaft beginnt Ditzen ein selbständiges Leben in Berlin. Nun zeigt sich die zweite große Sucht, „dieses zitternde Auf und Ab der Zweigeschlechtlichkeit“. Walther zufolge bildet sich hier ein lebenslang praktiziertes Muster im Verhältnis zu Frauen heraus, in dem sich Ditzen „zum scheinbar passiven Teil der Beziehung, zum kleinen Jungen“ reduziert. Im Berlin der letzten Kriegsjahre kursiert ohnehin der Morphiumkonsum, dem auch er schnell verfällt.

          Peter Walther: „Hans Fallada“. Die Biographie. Aufbau Verlag, Berlin 2017. 528 S., Abb., geb., 25,– €.
          Peter Walther: „Hans Fallada“. Die Biographie. Aufbau Verlag, Berlin 2017. 528 S., Abb., geb., 25,– €. : Bild: Aufbau Verlag

          1917 beginnt er mit einem Roman über die „Leiden eines jungen Mannes in der Pubertät“. Einerseits ein Modesujet seit der Jahrhundertwende, andererseits eine Aufarbeitung der eigenen Kindheit und Jugend mit allen Nöten der Außenseiterrolle, der Entfremdung von den Eltern und der sexuellen Bedrängnisse. Der Text wird 1920 mit dem Titel „Der junge Goedeschal“ und unter dem Namen Hans Fallada erscheinen. So wird er sich von nun an selbst zur Kunstfigur. „Das bürgerliche Subjekt Rudolf Ditzen verschwindet dahinter und bleibt höchstens noch für das private und geschäftliche Umfeld des Autors sichtbar. Unter dem Namen Hans Fallada wird Ditzen über sich und sein Leben schreiben können, er kann sogar selbst als Figur in seinen Büchern auftreten.“ Der Pechvogel als Hans im Glück und als Pferdekopf, der die Wahrheit spricht – das ist „die Person, die er gern hätte sein wollen“.

          Bald aber holt ihn das Ungemach wieder ein. Als geschätzter Angestellter eines Gutes in Neu Schönfeld bei Bunzlau begeht er Unterschlagungen, um seine Drogensucht zu finanzieren. Die Strafe verbüßt er in seiner Geburtsstadt Greifswald. Auch die Haft literarisiert er mit Oscar Wildes „Ballade vom Zuchthaus zu Reading“ und mit unablässiger Beobachtung seiner selbst und der Mitgefangenen. 1925 erscheinen die Erträge, darunter „Stimme aus den Gefängnissen“. Nach erneuten Unterschlagungen, derer er sich selbst bezichtigte, kommt es aber zu einer weiteren Haftstrafe, die Ditzen bejaht, um von den Drogen wegzukommen und ein neues Leben anzufangen. Während der zweijährigen Haft in Neumünster darf er nicht schreiben, findet aber reichlich Anschauung für seinen späteren Roman „Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“.

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