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Peter Thompson: Der Keim unserer Zivilisation : So lasst uns denn ein Samenbänklein gründen

Wie die Zivilisation zu keimen begann: Peter Thompson führt durch die Geschichte unserer existentiellen Verbindung mit den Pflanzen.

          Dass Pflanzen sich geschlechtlich fortpflanzen - diese Annahme war seit Aristoteles und seinem Schüler Theophrast durchgehend in Abrede gestellt. Philosophie und Theologie lieferten eine Weltsicht, die bis ins achtzehnte Jahrhundert hinein nicht in Zweifel gezogen wurde, was aus heutiger Sicht mit der Realtiät wenig zu tun hatte. Staubbeutel und Griffel als Geschlechtsmerkmale? Sündhaft! Dabei hatte schon 1694 der Tübinger Botaniker Rudolph Jacob Camerer erste Hinweise darauf publiziert, dass den Pflanzen ein Geschlecht innewohne. Er hatte sich die Freiheit genommen, die beinahe einer Häresie gleichkam, sich nämlich nicht länger mit abstraktem Nachdenken über Pflanzen zu beschäftigen, sondern einfach genau hinzusehen.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Aber Camerers Entdeckung blieb zunächst ohne Folgen. Auch wenn der in Karlsruhe lehrende Joseph Gottlieb Kölreuter wenig später die Entdeckung machte, dass Pflanzen und Tiere symbiotische Verhältnisse eingehen. Auch das kam nicht gut beziehungsweise gar nicht an in der Fachwelt. Christian Konrad Sprengel, ein beruflich gescheiterter Berliner Privatgelehrter, forschte ebenso allein wie unermüdlich. Erst Darwin sollte den „armen, alten Sprengel“ loben, dessen Schrift „Das entdeckte Geheimnis der Natur im Bau und die Befruchtung der Blumen“ (1793) einen wesentlichen Erkenntnisschritt markiert. Die deutschen Botaniker spielten eine maßgebliche Rolle - bis der Brünner Mönch Gregor Mendel die Grundlagen der Genetik formulierte.

          Vermächtnis eines Forscherlebens

          Das neunzehnte Jahrhundert ist ein goldenes Zeitalter für die Beschäftigung mit der Welt der Pflanzen, und nicht etwa primär an Universitäten, sondern durch ambitionierte Laien wird sie vorangetrieben - mit Folgen, die sogar in der Filmindustrie zu bemerken sind: Der Pflanzensammler David Douglas brachte aus Amerika die später nach ihm benannte Nadelbaumart Douglasie ins Vereinigte Königreich. Heute stören bei jeder Jane-Austen-Verfilmung jene Nadelbäume, die es noch nicht gab, als die Autorin ihre Romane schrieb.

          Das ist ein sehr britisches Beispiel eines sehr britischen Autors: Peter Thompson war Leiter der Abteilung Pflanzenphysiologie im Royal Botanical Garden in Kew und Mitbegründer der dortigen Millenium Seed Bank. Er starb 2008, während er sein Buch „Seeds, Sex and Civilization“ fertigstellte. Das letzte Kapitel schrieb deshalb sein Kollege Stephen Harris; nun liegt dieses Vermächtnis eines Forscherlebens auf Deutsch vor. Das Werk eines Wissenschaftlers, der es versteht, die weitreichenden Fragestellungen seines Faches anschaulich zu machen.

          Der Mensch ist erst vor einem Wimpernschlag in die Geschichte der Pflanzen eingetreten. Ungefähr vor 12 000 Jahren begannen Nomaden wildwachsendes Getreide nutzbar zu machen. Die Weltbevölkerung lag damals im einstelligen Millionenbereich. Heute müssen bereits mehr als sieben Milliarden Menschen ernährt werden, Tendenz auf Jahrzehnte hinaus weiter steigend. Thompson dreht von Anfang an den Spieß um, und erzählt die Geschichte dieses Verhältnisses aus Sicht der Pflanzen. Demzufolge waren es die Menschen, die sich ins Netz verwickelten, in Abhängigkeit gerieten, weil sie sich immer mehr an die Pflanzen banden, Ackerbau trieben und sesshaft wurden.

          Die Samen haben ihr eigenes Zeitmaß

          Es sei ein Irrglaube, die Menschen hätten die Pflanzen beherrscht - umgekehrt wird für Thompson ein Schuh draus. Je abhängiger sie vom Getreide wurden, desto stärker wuchs ihre Zahl. Und sie setzten einen Prozess in Gang, des bis heute anhält: Die Zahl der Pflanzen, die im Ackerbau verwendet werden, wird immer kleiner. Heute deckt die Menschheit sechzig Prozent ihrer Kalorienzufuhr mit gerade einmal vier Arten - Weizen, Mais, Reis und Zucker. Kulturhistorisch bedeutend ist auch die Formel, dass Weizen die Macht hatte, Städte entstehen zu lassen, Mais dagegen nicht.

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