Dass Pflanzen sich geschlechtlich fortpflanzen - diese Annahme war seit Aristoteles und seinem Schüler Theophrast durchgehend in Abrede gestellt. Philosophie und Theologie lieferten eine Weltsicht, die bis ins achtzehnte Jahrhundert hinein nicht in Zweifel gezogen wurde, was aus heutiger Sicht mit der Realtiät wenig zu tun hatte. Staubbeutel und Griffel als Geschlechtsmerkmale? Sündhaft! Dabei hatte schon 1694 der Tübinger Botaniker Rudolph Jacob Camerer erste Hinweise darauf publiziert, dass den Pflanzen ein Geschlecht innewohne. Er hatte sich die Freiheit genommen, die beinahe einer Häresie gleichkam, sich nämlich nicht länger mit abstraktem Nachdenken über Pflanzen zu beschäftigen, sondern einfach genau hinzusehen.
Aber Camerers Entdeckung blieb zunächst ohne Folgen. Auch wenn der in Karlsruhe lehrende Joseph Gottlieb Kölreuter wenig später die Entdeckung machte, dass Pflanzen und Tiere symbiotische Verhältnisse eingehen. Auch das kam nicht gut beziehungsweise gar nicht an in der Fachwelt. Christian Konrad Sprengel, ein beruflich gescheiterter Berliner Privatgelehrter, forschte ebenso allein wie unermüdlich. Erst Darwin sollte den „armen, alten Sprengel“ loben, dessen Schrift „Das entdeckte Geheimnis der Natur im Bau und die Befruchtung der Blumen“ (1793) einen wesentlichen Erkenntnisschritt markiert. Die deutschen Botaniker spielten eine maßgebliche Rolle - bis der Brünner Mönch Gregor Mendel die Grundlagen der Genetik formulierte.
Vermächtnis eines Forscherlebens
Das neunzehnte Jahrhundert ist ein goldenes Zeitalter für die Beschäftigung mit der Welt der Pflanzen, und nicht etwa primär an Universitäten, sondern durch ambitionierte Laien wird sie vorangetrieben - mit Folgen, die sogar in der Filmindustrie zu bemerken sind: Der Pflanzensammler David Douglas brachte aus Amerika die später nach ihm benannte Nadelbaumart Douglasie ins Vereinigte Königreich. Heute stören bei jeder Jane-Austen-Verfilmung jene Nadelbäume, die es noch nicht gab, als die Autorin ihre Romane schrieb.
Das ist ein sehr britisches Beispiel eines sehr britischen Autors: Peter Thompson war Leiter der Abteilung Pflanzenphysiologie im Royal Botanical Garden in Kew und Mitbegründer der dortigen Millenium Seed Bank. Er starb 2008, während er sein Buch „Seeds, Sex and Civilization“ fertigstellte. Das letzte Kapitel schrieb deshalb sein Kollege Stephen Harris; nun liegt dieses Vermächtnis eines Forscherlebens auf Deutsch vor. Das Werk eines Wissenschaftlers, der es versteht, die weitreichenden Fragestellungen seines Faches anschaulich zu machen.
Der Mensch ist erst vor einem Wimpernschlag in die Geschichte der Pflanzen eingetreten. Ungefähr vor 12 000 Jahren begannen Nomaden wildwachsendes Getreide nutzbar zu machen. Die Weltbevölkerung lag damals im einstelligen Millionenbereich. Heute müssen bereits mehr als sieben Milliarden Menschen ernährt werden, Tendenz auf Jahrzehnte hinaus weiter steigend. Thompson dreht von Anfang an den Spieß um, und erzählt die Geschichte dieses Verhältnisses aus Sicht der Pflanzen. Demzufolge waren es die Menschen, die sich ins Netz verwickelten, in Abhängigkeit gerieten, weil sie sich immer mehr an die Pflanzen banden, Ackerbau trieben und sesshaft wurden.
Die Samen haben ihr eigenes Zeitmaß
Es sei ein Irrglaube, die Menschen hätten die Pflanzen beherrscht - umgekehrt wird für Thompson ein Schuh draus. Je abhängiger sie vom Getreide wurden, desto stärker wuchs ihre Zahl. Und sie setzten einen Prozess in Gang, des bis heute anhält: Die Zahl der Pflanzen, die im Ackerbau verwendet werden, wird immer kleiner. Heute deckt die Menschheit sechzig Prozent ihrer Kalorienzufuhr mit gerade einmal vier Arten - Weizen, Mais, Reis und Zucker. Kulturhistorisch bedeutend ist auch die Formel, dass Weizen die Macht hatte, Städte entstehen zu lassen, Mais dagegen nicht.
Zweihundert Jahre nach Camerer wurde endgültig mit der Mär aufgeräumt, Pflanzen seien geschlechtslos. „Die sexuelle Fortpflanzung und die genetischen Turbulenzen, die mit ihr einhergehen, sind die Versicherungspolice, die langfristig das Überleben von Arten ermöglicht“, macht Thompson deutlich. Und weiter: In der Samenproduktion liegt der Schlüssel für das Überleben einer Pflanze. Aber auch hier gilt, dass wir irren, wenn wir meinen, wir würden mit der Aussaat zugleich die Kontrolle über die Pflanze haben. Samen haben ihr eigenes Zeitmaß und sehr unterschiedliche Reisegewohnheiten und Mitfahrgelegenheiten.
Pflanzenforschung kann eine sehr politische Sache sein. Eine Figur, die das erleiden musste, war der 1887 geborene russische Wissenschaftler Nikolai Wawilow. Er formulierte die bis heute im Kern gültige Theorie von den „Ursprungszentren“, mit der er acht Regionen auf der Welt beschrieb, in denen sich die wesentlichen Kulturpflanzen ballen. In der Sowjetunion passten weder seine Haltung noch seine Forschungsergebnisse ins Ideologiebild. Wawilow starb 1943, zum Tode verurteilt, in einem Straflager.
Der Mensch ist nur der Hüter der Natur
Thompsons dicht geschriebenes Buch kommt streckenweise wie ein Lehrwerk für Biologie daher, wenn es um Physiologie und Taxonomie geht. Man erwartet unwillkürlich Zeichnungen von Fruchtständen und Pollen, stattdessen ist der Band mit Bildseiten aufgelockert. Thompson ist kein Ideologe, sondern ein Pragmatiker, der die Leistungen der grünen Revolution im zwanzigsten Jahrhundert anerkennt: Die Menschheit hat es erst durch die Agrarindustrie geschafft, sich - mehr schlecht als recht - zu ernähren.
Gleichzeitig steht das vergangene Jahrhundert für den größten Verlust an Biodiversität. Aber die Widerstandskraft der alten Landrassen ist dahin. Die Folgen dieser Entwicklung stimmen weder Thompson noch seine Leser optimistisch. Das Streben nach privatem Gewinn, - gepaart mit einem starken Glauben an die Unantastbarkeit geistigen Eigentums, habe die Haltung, der Mensch sei nur der Hüter der Natur und ihrer Schätze, zerstört. „Werte, die auf diesem Ethos gründeten“, schreibt Thompson, „wurden von einer zunehmend unkritischen Akzeptanz ausgewaschen, dass Privatpersonen und Firmen das Recht hätten, auf fast alle erdenklichen Arten aus allem nur möglichen Profit zu schlagen.“
Die Gefahr von Hungersnöten ist immer noch nicht gebannt
Da das Überleben der Menschheit in hohem Maß von der Nahrungszufuhr abhängt, hat sie sich als Gegenmaßnahme zur allseitigen Naturvernichtung auch in diesem Fall aufs Konservieren verlegt. Prominentes Beispiel ist der 2008 von Norwegen im vielleicht gar nicht mehr ewigen Eis eingerichtete Saatguttresor names Svalbard Global Seed Vault. Tausend Kilometer südlich des Nordpols in einen grönländischen Berg getrieben, sollen hier selbst bei Stromausfall Samen kühl überleben. Weltweit gibt es rund 1300 Saatbanken, die geschätzte sechs Millionen Samen lagern. Ob dort gegen den gefürchteten Getreiderost, eine Weizenseuche, die sich jederzeit um den Globus ausbreiten kann, rechtzeitig Resistenzquellen zu beschaffen sein werden, ist eine Schicksalsfrage. Die Gefahr von Hungersnöten ist trotz der agrarindustriellen Produktion nicht gebannt.
Raubbau, Klimawandel, Artensterben, Gentechnik: Zeit ist ein wichtiges Gut der Evolution. Vor dreihundert Millionen Jahren war die Entwicklung der Pflanzen weit fortgeschritten, vor hundertfünfzig Millionen Jahren waren die Blüten entwickelt. Für den Menschen im einundzwanzigsten Jahrhundert scheint Zeit ein verlorenes Gut zu sein. Anstatt seinen Einfluss auf die Umwelt zu verringern, geschieht das Gegenteil: Bis 2050 wird der Mensch auf neunzig Prozent der Landmasse Einfluss genommen haben. Die Rolle des Hüters, die Peter Thompson einfordert, scheint ein Auslaufmodell zu sein.