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Veröffentlicht: 24.03.2009, 10:45 Uhr

Peter Sloterdijk: Du musst Dein Leben ändern Der Dreizehnkampfrekordhalter

Den Titel hat er von Rilke, die Ideen aus der ganzen Welt: Peter Sloterdijk betreibt mit seinem neuen Buch über Anthropotechnik Sparring für den Geist. Denn die zentrale kulturelle Praktik, um die es geht, heißt Übung.

© Verlag

Für einen Denker wie Peter Sloterdijk ist die höchste sportliche Herausforderung gerade recht und die natürliche Überlegenheit des Dezimalsystems kein Maßstab. Also ist ihm der Zehnkampf noch zu wenig als Muster für die Disziplinen, die es im Ideenwettkampf zu bewältigen gilt. Stattdessen proklamiert er einen Dreizehnkampf jenes intellektuellen Bemühens, das er als „Allgemeine Disziplinik“ bezeichnet. Zu bedenken und selbstverständlich auch denkend zu bewältigen gilt es demnach die Fragen von Akrobatik und Ästhetik, Athletik, Rhetorik, medizinischer Therapeutik, Epistemik, Berufe-Kunde, Technik-Kunde, Administrativik, Meditation, Ritualistik, Sexualpraxiskunde, Gastronomik und schließlich – weil dreizehn Disziplinen ja doch nicht genügen – eine „offenen Liste kultivierungsfähiger Aktivitäten, deren Offenheit die Unabschließbarkeit des disziplinenbildenden und damit Subjektivierungen ermöglichenden Feldes selbst bedeutet“.

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Das klingt kompliziert, aber an dieser letzten Formulierung kann man nicht vorbei, weil sie umreißt, was das Thema von Sloterdijks heute erscheinendem neuen Buch ist. Es heißt „Du musst dein Leben ändern“, nach dem Schluss von Rilkes Sonett „Archaïscher Torso Apollos“, und als Adressaten des Titels darf man gewiss auch die eigenen Kollegen identifizieren, denn der in Karlsruhe lehrende Philosoph hat sich nicht weniger vorgenommen als die Umstürzung aller Bewertungen. Was die westliche Zivilisation an metaphysischen Maßstäben vor allem in der Neuzeit herausgebildet haben, ist hinfällig, weil die wichtigste Bezugsgröße auf einem Irrtum beruhte: der Religion. Die gibt es gar nicht, stellt Sloterdijk mit einem verbalen Donnerschlag bereits in der Einleitung fest, wir haben sie uns selbst ausgedacht: als Missverständnis einer anthropologischen Konstante, die Sloterdijk unter dem Begriff der „Übung“ fasst.

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Üben als zentrale Praktik

Ihr Prinzip beruht auf der „immunitären Verfassung des Menschenwesens“, also dessen Bestreben, sich materiell, symbolisch und rituell zu perfektionieren, um damit individuelle Schutzgewebe zu schaffen. In der Immunisierung sieht Sloterdijk den Beginn aller Systembildung: der biologischen, die sich in Lebewesen artikuliert, und der kulturellen, die ihren Ausdruck in Praktiken findet. Eine dieser Praktiken – und zwar die zentrale – ist die Übung. Und damit werden Wettkämpfe vorbereitet – im agonalen Sinne der Antike, also nicht im neuzeitlichen Verständnis der Konkurrenz.

Die Disziplinen von Sloterdijks intellektuellem Dreizehnkampf sollen sich allen Werkzeugen widmen, mit denen Menschen an ihren Schutzgeweben arbeiten. Als bisherigen Rekordhalter identifiziert Sloterdijk den Kollegen Foucault, der sich immerhin auf sieben der Denkaufgaben eingelassen habe, während die meisten Philosophen sich allein an die Epistemik als ihr eigentliches Fach und bestenfalls noch an drei weitere gewagt hätten. Aber natürlich musste erst Sloterdijk selbst kommen, um es mit der ganzen wilden Dreizehn aufzunehmen.

Akrobatik, Ästhetik, Athletik

Das passiert nicht in „Du musst dein Leben ändern“ allein. Bestmmte Fragenkomplexe finden sich bereits in anderen Büchern Sloterdijks angesprochen, so vor allem in der „Sphären“-Trilogie die Bereiche der Therapeutik, Technik-Kunde oder Sexualpraxiskunde, und in „Der Weltinnenraum des Kapitals“ Teile von Administrativik, Rhetorik und Ritualistik. Im neuen Werk sind es nun vor allem die ersten beiden Disziplinen, in denen Sloterdijk sich übt: Akrobatik und Ästhetik sowie Athletik. Denn in dem Maße, wie das Üben zum neuen Schlüsselbegriff Sloterdijks geworden ist, rückt auch der Begriff der Leistung in den Vordergrund – nicht nur als sportliche Wettkampfmetaphorik. Doch es wäre, wie bereits angedeutet, für Sloterdijk ein Unding, wenn man darin Leistungen im Sinne des neuzeitlichen Gesellschaftssystems erkennen würde, dem er völlige Verirrung deshalb attestiert, weil es die Übungskultur umgemünzt habe zu Training, Ausbildung und Arbeit – also zu Übungen, die nicht länger spirituell-individuelle Ziele verfolgen, sondern einem reibungslosen Teamgeist dienen sollen, der die moderne Arbeitsteilung erst ermöglicht. Was Sloterdijk dagegen zum Ideal erhebt, ist eine Übungskultur, die in der Askese ihre Methode findet.

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