23.12.2009 · Was treibt Kinder dazu, ihre Schulkameraden oder Lehrer zu ermorden? In akribischen Fallrekonstruktionen hat der Psychologe Peter Langman Geschichten jugendlicher Amokläufer untersucht, um diesem Rätsel auf die Spur zu kommen.
Von Sandra KegelWir holen uns jede Menge Bomben und crashen dann ein Flugzeug in NYC rein. Wir sind drin und schießen alles zusammen, während wir nach unten rasen.“ Diese Zitat stammt nicht etwa von einem Al-Qaida-Mitglied. Verfasst hat es vielmehr ein Elftklässler an der Columbine High School - ein Junge, der aus einer stabilen Familie kam, der gute Noten schrieb und der die Welt zerstören wollte. Er hieß Eric Harris. Gefunden hat die Zeilen der amerikanische Psychologe Peter Langman, der für seine Studie über zehn jugendliche Amokläufer in Amerika, die jetzt auch auf Deutsch vorliegt, erstmals auf datenrechtlich geschütztes Material zurückgreifen konnte.
Allein über Eric Harris und seinen Mitschüler Dylan Klebold, die in ihrer Schule bei Littleton, Colorado, im April 1999 zwölf Schüler und einen Lehrer erschossen, ehe sie sich selbst umbrachten, existieren samt den Gesprächsprotokollen, Schulaufsätzen und Tagebuchaufzeichnungen knapp dreißigtausend Blatt Papier. In diesen und weiteren Unterlagen hat Langman nach Antworten auf die Frage gesucht, warum junge Menschen töten. Wer sind sie? Was treibt sie um? Wie kommen sie dazu, sich diese ungeheuerlichen Taten überhaupt auszudenken?
Es gibt vieles, was wir nicht wissen
Was am Ende seines Buches schließlich herauskommt, ist nicht das Ergebnis einer einfachen Gleichung. Im Gegenteil zeigt Langman, dass Schulamokläufe viel zu komplexe Phänomene sind, als dass man sie einer einzigen Ursache zuschreiben könnte. „Es gibt vieles, was wir nicht wissen“, schreibt der Psychologe, der in den vergangenen Jahren immer wieder zur Behandlung und Begutachtung von potentiellen Amokläufern jugendlichen Alters herangezogen wurde.
Einige Parallelen in den Familienbiographien der Täter, ihren Persönlichkeitsstrukturen und Problemen hat er dennoch festgestellt. Sie führen ihn zu seiner Kernthese, dass Schulamokläufer psychisch schwer gestört seien: „Es sind keine normalen Jugendlichen, die sich für Mobbing rächen, die zu viel Videospiele spielen, die einfach mal berühmt sein wollen.“ Nach Langmans Analyse lassen sich die Täter drei Gruppen zuordnen: den psychopathischen, den psychotischen und den traumatisierten Amokläufern.
Weltweit hundert Amokläufe an Schulen
Zwei der zehn beschriebenen Mörder, Eric Harris und der erst elfjährige Andrew Golden, waren Langman zufolge Psychopathen. Sie hatten mithin keine Vorstellung davon, was gut und böse ist, und empfanden weder Schuld noch Reue. Was sie statt dessen kennzeichnete, war ein ausgeprägter Narzissmus sowie Empathielosigkeit und Sadismus. Andere Menschen zu quälen und zu töten gab ihnen ein Gefühl der Macht. Weit mehr Täter diagnostizierte Langman als psychotisch, also unter Wahnvorstellungen leidend. Sie hörten Stimmen, die ihnen befahlen, andere zu töten, fühlten sich von Dämonen verfolgt oder hatten die fixe Idee, auserwählt zu sein. Zur dritten Gruppe der traumatisierten Täter zählt der Autor diejenigen, die in der Kindheit missbraucht wurden und deren Eltern bereits Drogen- oder Alkoholprobleme hatten und manchmal auch kriminell gewesen waren.
Weltweit hat es an Schulen bislang etwa hundert Amokläufe gegeben. Im kollektiven Gedächtnis aber wirken diese Taten ähnlich wie Terrorschläge und versetzten ganze Nationen in Alarmzustand: Weil sie nicht nur bei den Familien und Freunden der Getöteten einen Schock auslösen, sondern man sich überall im Land fragt, ob die Schulen noch sicher sind. Das Erschreckendste an den school shooters ist aber wohl, dass es hier Kinder sind, die andere Kinder ermorden - ohne ersichtlichen Grund. Die Opfer sind Klassenkameraden, die ebenso gut Freunde hätten sein können und es manchmal sogar waren.
Akribische Fallrekonstruktionen
Die gängigen Erklärungen für dieses Phänomen, nämlich der Konsum von Gewaltfilmen und Videospielen, der Besitz von Waffen, Drogen oder Mobbing in der Schule, lässt Langman kaum oder gar nicht gelten. Weder erklärten sich diese Verbrechen durch leichten Zugang zu Waffen, noch stimme das Bild vom Täter als sozialem Außenseiter. Im Gegenteil zeigt die Studie, dass die Jugendlichen, ehe sie Mörder wurden, im Schulsport oder bei anderen Veranstaltungen sozial integriert waren, und ihre Leistungen waren gut bis sehr gut. Auch eine direkte Verbindung zwischen Mediengewalt und Mord schließt Langman aus. Dennoch stellt er fest, dass jugendliche Amokläufer häufig zu Gewaltspielen neigen, weshalb auch er glaubt, dass das virtuelle Töten die Täter für reale Gewalt desensibilisiert haben könnte. Doch müssen sie bereits vorher labil und verzweifelt gewesen sein.
Peter Langmans akribische Fallrekonstruktionen geben erschreckende Einblicke in das zerstörte Innenleben dieser minderjährigen Mörder. Und die Analyse bestätigt, dass ein Amoklauf keine spontane Handlung ist, sondern am Ende einer langen Handlungskette steht, aus der sich Hinweise für die Prävention ergeben könnten. Doch im Kern bleibt das Phänomen ein Rätsel. Dem Autor ist das nicht anzulasten.