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Peter Guralnick: Sweet Soul Music Hinweg mit den letzten Spuren von Demut

Die Musik, die aus dem Süden kam: Mit Peter Guralnicks großer Studie „Sweet Soul Music“ liegt die bis heute lesenswerteste, informativste und ganz einfach beste Darstellung dieser Musik endlich auf Deutsch vor.

© Verlag Vergrößern

Ein Buch über Soul schreiben und Motown dabei links liegenlassen, das ist wie ein Buch über die Weimarer Klassik ohne Schiller: nur die Hälfte wert oder ganz unmöglich? Peter Guralnick hatte aber gute Gründe dafür, denn „Soul“ bedeutete für ihn immer die Musik, die im amerikanischen Süden entstand, nicht die erheblich kommerziellere, die in Detroit unter der Aufsicht Berry Gordys quasi am Fließband gefertigt wurde. Also statt der blankgewienerten Hochglanzprodukte jener druckvoll-kompakte, zuweilen balladenhaft lastender und unbedingt ländliche, erdige Sound, der dann aber auch die Welt eroberte und die Beatles 1967, als die nach den beiden Labels benannte Stax-Volt-Tournee in England Station machte, dazu veranlasste, einen Chauffeur zum Flughafen zu schicken, weil nun die aufregendste Popmusik über Europa niederging.

Motown oder Südstaaten: Das war statt Marvin Gaye Otis Redding, statt der Supremes Booker T. & The MGs, statt Stevie Wonder James Brown und statt Holland-Dozier-Holland Songschreiber wie Dan Penn, Chips Moman, Spooner Oldham und Bobby Womack. Man darf sich von den Namen, von denen Guralnick eine unglaubliche Zahl ins Spiel bringt, nicht verrückt machen lassen und muss sich durch dieses Gestrüpp durchkämpfen. Es lohnt sich: Peter Guralnicks „Sweet Soul Music“, 1986 erstmals in englischer und nun endlich in deutscher Sprache erschienen, ist die bis heute lesenswerteste, informativste und ganz einfach beste Darstellung dieser Musik. Von einer „Bibel“ zu sprechen wäre eine beleidigende Untertreibung.

Der erfahrene Pop-Chronist geht auf zwei Ebenen vor, der musikalischen und der gesellschaftlichen. Auf der Grundlage von mehr als einhundert Interviews, die er nach 1980 mit den direkt oder indirekt Beteiligten geführt hat, schreibt er ein gewichtiges, hierzulande immer noch relativ unbekanntes Kapitel amerikanischer Unterhaltungsgeschichte, das, wie übrigens auch der Motown-Soul, seine Kernzeit zwischen 1960 und 1970 hatte.

Ein Publikum fast nur aus Ku-Klux-Klan-Leuten

Man kommt um einige weitere Namen nicht herum. Die einflussreichsten Strippenzieher waren Jerry Wexler, Vizepräsident der in New York beheimateten Atlantic Records; dessen Gegenspieler Jim Stewart, der mit seiner Schwester in Memphis die Plattenfirma Stax gründete; Rick Hall, der in Muscle Shoals, Alabama, die Fame-Studios einrichtete, in denen wohl der beste, rustikal-kraftvollste Südstaaten-Soul eingespielt wurde und die vor einigen Jahren geschlossen wurden (F.A.Z. vom 25. Februar 2005); und schließlich der Songschreiber Dan Penn, der öfters dazu angehalten wurde, als Vorsänger den eigentlichen Interpreten Beine zu machen und den Guralnick als seinen heimlichen Helden bezeichnet.

Alle diese Leute waren oder sind weiß, und hier fängt die Sache an, über das rein Musikalische hinaus interessant zu werden. Guralnick fasst den Soul als Frucht einer Partnerschaft zwischen fast ausschließlich schwarzen Interpreten und überwiegend weißen Studiomusikern, Toningenieuren und Produzenten. Dass es dazu kam, ist erstaunlich genug und ging auch oft gut; aber nicht immer: In all der Komik bleibt es beklemmend, wie der nicht nur mit einer sagenhaften Stimme, sondern auch mit einem fast noch bemerkenswerteren Geschäftssinn ausgestattete Solomon Burke von einem Auftritt vor einem Publikum erzählt, das fast nur aus Ku-Klux-Klan-Leuten bestand.

Die bittere Frucht der Segregation

Aber so war es nun einmal, und Guralnick beschönigt wenig. Soul, der, sehr allgemein gesprochen, das Mischungsergebnis aus Gospel und Rhythm & Blues war und in seiner südstaatlichen Spielart noch einen ordentlichen Schuss Country hatte (der bei Motown indiskutabel war) – Soul war, wie Guralnick einleitend festhält, „die bittere Frucht der Segregation, die (wie es die afroamerikanische Kultur mit vielen Dingen großzügig tat) in einen Ausdruck von Wärme und Zustimmung verwandelt worden war“. Andererseits gab es Wilson Pickett, diesen schwarzen Panther, dessen persönliche Unverträglichkeiten Jerry Wexler mindestens ein Magengeschwür bereitet haben müssen und dessen Militanz auch in seinem Stil zum Ausdruck kam, denn er hat, wie ein Kritiker später schrieb, „dem Soul die letzten Spuren von Onkel-Tom-Freundlichkeit und Demut genommen, hat ihn gewissermaßen zerrockt“.

Es gäbe viel zu erzählen über diese wunderbare Musik und über die, die sie machten: Leute, die, was heute undenkbar wäre, oft genug eine Mischung waren aus Hinterwäldler und Hipster. Dass aber noch in den künstlerisch geglücktesten Konstellationen rassischer Sprengstoff steckte, wird anhand einer Aufnahme deutlich, die den kaum zu bezweifelnden Höhepunkt nicht nur des Südstaaten-Soul bildete: Aretha Franklins Gastspiel in Muscle Shoals, bei dem sie nur zwei Songs aufnahm, darunter „I Never Loved a Man (The Way I Love You)“, schwer und tief atmende, subtile und leidende Musik. Jerry Wexler, der zu Recht alle Hoffnungen in diese Sängerin gesetzt hatte, beschwerte sich bei Rick Hall, dass nur weiße Musiker sie begleiteten, es kam zu bedauernswerten Beschimpfungen, und so folgte auf diese Sternstunde Katerstimmung. Aber nicht davor und nicht danach wurde ein solches Lied aufgenommen. Der Soul war, für kurze Zeit, on top.

Peter Guralnick: „Sweet Soul Music“. Aus dem Englischen von Harriet Fricke. Verlag Bosworth Music, Berlin 2009. 540 S., br., 24,95 €.

Quelle: F.A.Z.

 
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