23.12.2009 · Max Weber ist ein Klassiker, der empirisch gearbeitet hat. Was bedeutet das? Der englische Historiker Peter Ghosh vermittelt durch quellenkritische Studien eine neue Vorstellung von der Originalität der „Protestantischen Ethik“.
Von Patrick BahnersEin frappierender Beweis für die Produktivität der Einheit von Lehre und Forschung geht uns aus Oxford zu. Peter Ghosh, der am dortigen St. Anne's College Geschichte unterrichtet, bekennt, dass er nie Max Weber gelesen hätte, wenn er nicht vom Lehrplan dazu genötigt worden wäre. Ghoshs Schriftenverzeichnis sieht eher so aus, als suchte er sich die Themen seiner Forschung in souveräner Freiheit, als Herausforderungen eines hartnäckigen Scharfsinns, der in philologischer Feinarbeit von hohen technischen Ansprüchen und in der klaren Bestimmung von Problemen und Begriffen brilliert. Seine zumal in der Kombination exotisch anmutenden Spezialgebiete umfassen das Werk Edward Gibbons und die Finanzpolitik Benjamin Disraelis - der Witz bei letzterem Sujet ist, dass Ghosh gegen eine übermächtige Meinung antritt, die Disraelis Rivalen Gladstone als Modell des durch Geisteskraft gestaltenden Finanzpolitikers verehrt. Ghoshs Revisionen schließen die Reflexion auf die historische Bedingtheit historiographischer Ansichten ein. Er ist einer der ganz wenigen Historiker, die Quentin Skinners Methode der Erschließung von Texten aus dem Kontext auf die an Quellen überfließende spätere Neuzeit anwenden.
Mit der ihm eigenen Gründlichkeit, die immer aufs Grundsätzliche geht, hat Ghosh sich auch Max Weber zugewandt. Er bereitet für Oxford University Press eine kommentierte Übersetzung von Webers Abhandlung „Die protestantische Ethik und der ,Geist' des Kapitalismus“ vor. In einem deutschen Verlag ist nun eine Sammlung flankierender Detailstudien zu diesem meistgelesenen Werk Webers erschienen. Es handelt sich um das erste Buch von Peter Ghosh - er hat seine Stelle in Oxford noch in der glücklichen Zeit bekommen, als man dort nicht Personal rekrutierte, sondern Personen.
Ghosh versteht die Übersetzung als Werkzeug des Kommentators. Es geht ihm darum, Gedankengänge, die vielleicht nur wegen der Routinen des Unterrichts und der Klassikeranwendung verständlich scheinen, dem Fragen neu zu erschließen. Der Einfluss der Übersetzung der „Protestantischen Ethik“ von Talcott Parsons ist das Thema einer Unterabteilung der Weberrezeptionsgeschichte. Das „stahlharte Gehäuse“, zu dem, so Weber am Schluss seiner Schrift, die Sorge um die äußeren Güter geworden ist, hat Parsons mit dem konkreteren, dramatisierenden Bild des „iron cage“ übersetzt. Ghosh verwirft den Ersatzvorschlag „shell“: Die organische Metaphorik sei Weber fremd, er hätte sonst „Schale“ oder „Hülse“ geschrieben. Ob die von Ghosh präsentierte Alternative „housing“ idiomatisch genug ist, werden muttersprachliche Rezensenten nach Erscheinen seiner Edition debattieren.
Die erhellende Kraft der Methode
Mit dieser Ausgabe wird der von Weber zunächst 1904 und 1905 in zwei Teilen im „Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik“ veröffentlichte, 1920 für die „Gesammelten Aufsätze zur Religionssoziologie“ überarbeitete Text also noch einmal in die geistige Welt eintreten, in der er seinen Gegenstand gefunden hatte: den am besten in England und Amerika zu studierenden „Kapitalismus“, erklärt aus einem „asketischen Protestantismus“, den das Geschichtsbewusstsein unter dem Namen des Puritanismus zu kennen meint.
Ghoshs Aufsatz über Webers Idee des Puritanismus bringt die erhellende Kraft seiner Methode am schönsten zur Geltung. Ironisch setzt Ghosh sich ab von der riesigen Literatur, die sich um eine „empirische“ Überprüfung durch Sachforschung im Lichte der gewachsenen Kenntnisse bemüht. Tatsächlich falle die „Protestantische Ethik“ im Verein der kanonischen Texte für Universitätsseminare zur Geschichte des politischen Denken durch ihre Sachhaltigkeit auf, ihre Bezugnahme auf Einzeltatsachen und mögliche Gegenstände historischer Spezialforschung. Der empirische Weg zur Bestimmung des „empirischen“ Anteils des Buches führe den Interpreten aber zu den von Weber benutzten Quellen - in der Begrifflichkeit des historischen Proseminars muss man von Literatur sprechen.
Calvinismus ohne Kirche
Ghosh geht aus von der Feststellung, dass es unter Webers deutschen Zeitgenossen üblich gewesen sei, den Engländern einen puritanischen Nationalcharakter zuzuschreiben. Mit diesem Fremdbild stimmte das Selbstbild keineswegs überein. Im englischen historischen Gedächtnis kam den Puritanern keine herausgehobene Stellung zu, da sich mit ihnen das Trauma des Bürgerkrieges verband. Weber hat, so Ghosh, als Liberaler vom Kontinent die Revolution Mitte des siebzehnten Jahrhunderts, sozusagen ohne nachzudenken, positiv bewertet. In England war (und ist) die Pflege der Erinnerung an die puritanische Revolution die Sache einer radikalen Minderheit, die heute allerdings, wie vor Jahresfrist eine Ausstellung der British Library über die Freiheit in der englischen Geschichte zeigte, ins Establishment vorgedrungen ist. Ghosh macht ein Missverständnis sichtbar, das den deutsch-englischen Systemvergleich in der Sonderwegsdebatte bestimmen sollte: Noch heute hält sich im volkstümlichen deutschen Geschichtsbewusstsein die Meinung, es sei für eine Nation etwas Normales und etwas Gutes, eine Revolution hinter sich zu haben.
Webers Gewährsleute für die puritanische Ethik waren in mehrfacher Hinsicht marginale Autoren: Angehörige oder Sympathisanten der protestantischen Sekten von der keltischen Peripherie. Wenn in ihren Kommentaren zur puritanischen Erbauungsliteratur die psychologische Bedeutung der „reinen“ Lehre für die „Lebensführung“ des einzelnen Gläubigen hervorgehoben wurde, dann reflektierte solcher Individualismus die Randständigkeit radikalprotestantischer Lebensformen in der anglikanischen Umwelt. Bei Weber wird daraus das Kuriosum eines Calvinismus ohne Kirche.
Politischer Wirkungswille
Webers Originalität, die Ghosh in immer neuen Anläufen durch Vergleiche mit Webers Referenzgrößen bestimmt, mit Jacob Burckhardt, William James oder der Grenznutzenlehre, liegt nach Ghosh in einer Kühnheit der begrifflichen Montage, die sich um die Herkunftszusammenhänge ihres Materials nicht kümmerte. Webers Wissenschaft habe im Dienst eines politischen Wirkungswillens gestanden. Eine von Ghoshs Versionen des politischen Kerngedankens der „Protestantischen Ethik“: England, seit jeher als Heimstatt der Freiheit bewundert, erscheint, wenn man das Gehäuse der puritanischen Rationalität mitdenkt, plötzlich als Land jener gesetzlichen Freiheit, die das kontinentale Ideal war - das lutherische Deutschland hingegen als das Land der Anarchie des freien Willens.
Ghosh zielt mit seinen quellenkritischen Studien, die in durchgängiger Auseinandersetzung mit der Weberforschung ausgearbeitet sind, auf die „Kultur der deutschsprachigen Länder West- und Mitteleuropas“. Dort habe es nämlich zu Webers Zeiten, und nur ein Engländer kann das schreiben, „die letzte große Kulturblüte einer Ballung europäischer Stadtstaaten nach dem klassischen Griechenland und dem Italien der Renaissance“ gegeben. Peter Ghosh macht der deutschen Gelehrsamkeit mit diesem Buch ein Kompliment, ein Geschenk und ein Versprechen.