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Peter Eisenberg: „Das Fremdwort im Deutschen“ : Wundersame Wortvermehrung

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Bild: verlag

Man spricht hier Eurolatein: Peter Eisenberg geht unserem Umgang mit Fremdwörtern auf den Grund. Deutsch ist eine Nehmersprache.

          „Fremdwörter sind Wörter der deutschen Sprache“ - so beginnt dieses Buch des bekannten Potsdamer Linguisten Peter Eisenberg. Ein trivialer Satz - scheinbar. Denn die Zugehörigkeit von Fremdwörtern zur deutschen Sprache wird immer wieder in Frage gestellt. Selbst Jacob Grimm, der Begründer der Germanistik, verbannte sie aus seinem Deutschen Wörterbuch, der Allgemeine deutsche Sprachverein erblühte während der Gründerzeit in der Verdeutschung fremder Wörter und bescherte uns das „Kraftfahrzeug“ (statt des internationalen „Automobils“) und den „Fernsprecher“ fürs „Telefon“.

          In der Nazizeit empfahl die Zeitschrift „Muttersprache“ die Ausmerzung jiddischer Entlehnungen. Dies ist das Umfeld, in dem Generationen von Lehrern ihren Schülern gepredigt haben, Fremdwörter hätten sie zu vermeiden. In der Gegenwart wiederum kämpft eine wachsende Zahl von Sprachfreunden gegen den übermäßigen Gebrauch von Anglizismen.

          „Nehmersprache Deutsch“

          Auf ideologische Debatten aber lässt sich Eisenberg nicht ein. Er wählt einen sprachgeschichtlichen Einstieg und beschreibt die „Gebersprachen“ Latein und Griechisch, Französisch, Italienisch, Englisch und viele andere, denen wir Lehn- und Fremdwörter verdanken. Dann ist ausführlich von der „Nehmersprache Deutsch“ die Rede, von unserem Umgang mit Entlehnungen, vor allem der langen Purismusdebatte und ihren Folgen vom Barock bis heute. Kenner von Eisenbergs wissenschaftlichem OEuvre mögen sich wundern: Der dezidierte Chronist synchroner Gegebenheiten im Laut- und Schreibsystem, in Flexion, Wortbildung und Syntax, der Autor der erfolgreichsten neueren Grammatik (“Grundriss der deutschen Grammatik“) entdeckt die Diachronie.

          Er tut dies sorgfältig rezipierend, vor allem aus den bewährten Standardwerken von Peter von Polenz, Werner Besch und Norbert Richard Wolf sowie aus jüngster Literatur zu Sprachkontakt und Sprachpragmatik. Von Seite 162 an schwenkt Eisenberg ein in eine systematische Darstellung aller Phänomene, die die Fremdheit von Fremdwörtern ausmachen, in Aussprache, Flexion, Wortbildung und Orthographie. Das hat es bisher noch nicht gegeben, außer in verschiedenen Aufsätzen und ansatzweise in seiner eigener Grammatik. Zum Schluss bietet das Buch fünfundsiebzig Seiten Literatur-, Sach-, Wort- und Affixregister, Letzteres auch rückläufig. Also ein Fachbuch der Germanistik? Ja, aber zugleich weitaus mehr.

          Wie grenzt man Fremdheit gegen das Eigene ab?

          Denn Eisenberg schreibt auch für Leser ohne linguistisches Vorwissen, erklärt alle unentbehrlichen Termini und leitet Schritt für Schritt durch die Welt der Fremdwörter. Exemplarisch wird dies in mehr als zwanzig eingestreuten kleinen Wortgeschichten - über „Handy“ und „Tolpatsch“, „Heroin“ und „Intershop“ - illustriert. Wie grenzt man Fremdheit gegen das Eigene, Einheimische, Ererbte ab? Eisenberg meidet diese Bezeichnungen, denn wo etwa beginnt, wo endet eigentlich das Erbe? Bei den Germanen, deren Sprache wir nur erschließen können? Oder den Texten frühmittelalterlicher Mönche?

          Der Autor definiert die Abgrenzung synchron und spricht vom Kernwortschatz, der weitgehend auf ein- oder zweisilbigen Stämmen wie „Haus“, „krank“, „Gabel“, „teuer“ basiert, die eine bestimmte Lautstruktur und Orthographie besitzen und die nach bestimmten Regeln der Wortbildung erweitert werden können. Zu ihnen gehören auch integrierte Entlehnungen wie „Mönch“ (mittellat. monachus), „Kur“ (lat. cura), „Marsch“ (franz. marche) „Koffer“ (franz. coffre), „Split“ (engl. split).

          Viele Fremdwörter des Deutschen wurden selbst gebildet

          Dies Vorgehen entspricht dem Sprachgefühl deutscher Muttersprachler und öffnet den Weg zur Detailbeschreibung. Besonders auffällig sind die ph, th, rh, ch in Graezismen, die übers Lateinische transferiert wurden wie „Philosophie“, „Theater“, „Rhythmus“, „Christ“, deren Integration in der Rechtschreibreform entschieden abgelehnt wurde. Strukturell auffällig sind die mehrsilbigen Stämme (wie in Univers-ität, Anarch-ist, Sakrist-ei, amüs-ant), die nicht mehr stammbetont sind wie der Kernwortschatz, sondern einem eigenen Fremdwortakzent folgen: oft mit endbetontem Affix und mit wechselnder Betonung in der Fremdwortfamilie (sympáthisch, Sympathíe, Sympathisánt).

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