15.02.2012 · Man spricht hier Eurolatein: Peter Eisenberg geht unserem Umgang mit Fremdwörtern auf den Grund. Deutsch ist eine Nehmersprache.
Von Horst Haider Munske„Fremdwörter sind Wörter der deutschen Sprache“ - so beginnt dieses Buch des bekannten Potsdamer Linguisten Peter Eisenberg. Ein trivialer Satz - scheinbar. Denn die Zugehörigkeit von Fremdwörtern zur deutschen Sprache wird immer wieder in Frage gestellt. Selbst Jacob Grimm, der Begründer der Germanistik, verbannte sie aus seinem Deutschen Wörterbuch, der Allgemeine deutsche Sprachverein erblühte während der Gründerzeit in der Verdeutschung fremder Wörter und bescherte uns das „Kraftfahrzeug“ (statt des internationalen „Automobils“) und den „Fernsprecher“ fürs „Telefon“.
In der Nazizeit empfahl die Zeitschrift „Muttersprache“ die Ausmerzung jiddischer Entlehnungen. Dies ist das Umfeld, in dem Generationen von Lehrern ihren Schülern gepredigt haben, Fremdwörter hätten sie zu vermeiden. In der Gegenwart wiederum kämpft eine wachsende Zahl von Sprachfreunden gegen den übermäßigen Gebrauch von Anglizismen.
Auf ideologische Debatten aber lässt sich Eisenberg nicht ein. Er wählt einen sprachgeschichtlichen Einstieg und beschreibt die „Gebersprachen“ Latein und Griechisch, Französisch, Italienisch, Englisch und viele andere, denen wir Lehn- und Fremdwörter verdanken. Dann ist ausführlich von der „Nehmersprache Deutsch“ die Rede, von unserem Umgang mit Entlehnungen, vor allem der langen Purismusdebatte und ihren Folgen vom Barock bis heute. Kenner von Eisenbergs wissenschaftlichem OEuvre mögen sich wundern: Der dezidierte Chronist synchroner Gegebenheiten im Laut- und Schreibsystem, in Flexion, Wortbildung und Syntax, der Autor der erfolgreichsten neueren Grammatik (“Grundriss der deutschen Grammatik“) entdeckt die Diachronie.
Er tut dies sorgfältig rezipierend, vor allem aus den bewährten Standardwerken von Peter von Polenz, Werner Besch und Norbert Richard Wolf sowie aus jüngster Literatur zu Sprachkontakt und Sprachpragmatik. Von Seite 162 an schwenkt Eisenberg ein in eine systematische Darstellung aller Phänomene, die die Fremdheit von Fremdwörtern ausmachen, in Aussprache, Flexion, Wortbildung und Orthographie. Das hat es bisher noch nicht gegeben, außer in verschiedenen Aufsätzen und ansatzweise in seiner eigener Grammatik. Zum Schluss bietet das Buch fünfundsiebzig Seiten Literatur-, Sach-, Wort- und Affixregister, Letzteres auch rückläufig. Also ein Fachbuch der Germanistik? Ja, aber zugleich weitaus mehr.
Denn Eisenberg schreibt auch für Leser ohne linguistisches Vorwissen, erklärt alle unentbehrlichen Termini und leitet Schritt für Schritt durch die Welt der Fremdwörter. Exemplarisch wird dies in mehr als zwanzig eingestreuten kleinen Wortgeschichten - über „Handy“ und „Tolpatsch“, „Heroin“ und „Intershop“ - illustriert. Wie grenzt man Fremdheit gegen das Eigene, Einheimische, Ererbte ab? Eisenberg meidet diese Bezeichnungen, denn wo etwa beginnt, wo endet eigentlich das Erbe? Bei den Germanen, deren Sprache wir nur erschließen können? Oder den Texten frühmittelalterlicher Mönche?
Der Autor definiert die Abgrenzung synchron und spricht vom Kernwortschatz, der weitgehend auf ein- oder zweisilbigen Stämmen wie „Haus“, „krank“, „Gabel“, „teuer“ basiert, die eine bestimmte Lautstruktur und Orthographie besitzen und die nach bestimmten Regeln der Wortbildung erweitert werden können. Zu ihnen gehören auch integrierte Entlehnungen wie „Mönch“ (mittellat. monachus), „Kur“ (lat. cura), „Marsch“ (franz. marche) „Koffer“ (franz. coffre), „Split“ (engl. split).
Dies Vorgehen entspricht dem Sprachgefühl deutscher Muttersprachler und öffnet den Weg zur Detailbeschreibung. Besonders auffällig sind die ph, th, rh, ch in Graezismen, die übers Lateinische transferiert wurden wie „Philosophie“, „Theater“, „Rhythmus“, „Christ“, deren Integration in der Rechtschreibreform entschieden abgelehnt wurde. Strukturell auffällig sind die mehrsilbigen Stämme (wie in Univers-ität, Anarch-ist, Sakrist-ei, amüs-ant), die nicht mehr stammbetont sind wie der Kernwortschatz, sondern einem eigenen Fremdwortakzent folgen: oft mit endbetontem Affix und mit wechselnder Betonung in der Fremdwortfamilie (sympáthisch, Sympathíe, Sympathisánt).
Ein Randphänomen sind entlehnte Pluralformen wie bei Genus/Genera, Tempo/Tempi. Wie produktiv die Deutschen damit umgehen, zeigt das Beispiel „Visum“, dessen ursprüngliche Pluralform „Visa“ in Analogie zu den Feminina „Firma“, „Liga“, „Villa“ als Singular gedeutet (“reanalysiert“) und mit dem neuen Plural „Visas“ versehen wird. Mehr als ein Drittel aller Fremdwörter des Deutschen wurden nicht entlehnt, sondern im Deutschen selbst gebildet. Dazu zählen so gängige Ableitungen wie „riskant“ und „regulär“, „Friseur“ und „Optimist“, aber natürlich auch jüngst das „Handy“. Die meisten solcher Fremdwortbildungen knüpfen mit entlehnten Affixen (wie -ant, -är, -ist, -eur, -ismus) an entlehnte Stämme an, quasi nach ererbten Regeln ursprünglicher Gebersprachen, andere überspringen solches Heiratsverbot und bilden hybride Bildungen wie „unmoralisch“, „anti-bürgerlich“, „super-geil“.
Dabei ist der entlehnte graeco-lateinische Wortschatz die eigentliche Basis der Fremdwortbildung. Diese ersetzt seit dem neunzehnten Jahrhundert weitgehend die Entlehnung aus dem ungebräuchlich gewordenen Neulatein. Damit wird zugleich eine Basis geschaffen für die Integration entsprechender Bildungen aus dem Französischen und Englischen wie zum Beispiel „Fanatiker“ (frz. fanatique), und „Demonstration“ (engl. demonstration). So gewinnt das Deutsche auch einen leichten Zugang zu den sich rapide vermehrenden internationalen Fachwortschätzen. Dieses produktive lexikalische Erbe der europäischen Sprachen wird auch „Eurolatein“ genannt.
Der Knackpunkt, der erst 1988 bei der Auswertung des mehrbändigen Deutschen Fremdwörterbuchs in einem Herkunftsregister zutage trat, ist der produktive Charakter der Fremdwortbildung, die also eine dauerhafte untilgbare Eigenschaft des Deutschen ist. Sie verleiht unserer Sprache ein zusätzliches potentes Instrument der Wortschatzvermehrung. Hier stellt sich aber auch die Frage, wie lange es noch sinnvoll ist, von „Fremdwortbildung“ einerseits und der Wortbildung des Kernwortschatzes andererseits zu sprechen.
Zwei Punkte begründen den Zweifel: die außerordentliche Menge der selbstgebildeten Fremdwörter wie die mehr als tausend Ableitungen auf -ieren, die zwar Fremdmerkmale aufweisen, aber zugleich zum kommunikativen Kern des Deutschen gehören. Zum anderen der Umstand, dass die beiden Gruppen deutscher Wortbildung sich zunehmend miteinander verflechten. So entstehen hybride Bildungen aus Stämmen und Affixen des Kern- und des Fremdwortschatzes wie die zahllosen Ableitungen auf -isch (“alkoholisch“, „patriotisch“) und Weiterbildungen wie „,abkassieren“, oder „überregional“.
Keinerlei Heiratsbeschränkungen gibt es bei dem häufigsten Typ deutscher Wortbildung, der Komposition (“Halbpension“, „kaputtsparen“, „beratungsresistent“). Auch diese Phänomene der Mischung werden von Eisenberg registriert. Sie gehören zum Fremdwort, aber ebenso ins Reich des Kernwortschatzes. Ihre Trennung muss in künftigen Darstellungen überwunden werden. Dazu hat Eisenberg den Weg geöffnet, indem er die Fremdwörter aus dem Getto germanistischer Missachtung erlöst hat.
Das Buch schließt mit einem Vorstoß zur Neuinterpretation des Fremdwortschatzes unter dem Aspekt von Nah- und Distanzkommunikation, seiner Rolle in prototypisch mündlicher und schriftlicher Verwendung. Damit erhalten lateinische, französische und englische Fremdwörter (und Fremdwortbildungen) ein eigenes Profil: Während die Latinismen der Römerzeit und des Mittelalters weitgehend in den Kernwortschatz integriert sind, wird mit dem humanistischen Rückgriff auf das klassische Latein und der europaweiten Verwendung dieses Neulateins eine medial distanzierte Bildungssprache entwickelt, die alsbald in massenhafter Entlehnung in die Volkssprachen ausstrahlt.
Diese Distanz der Schriftlichkeit (Neulatein wurde nicht gesprochen) ist bis heute charakteristisch für einen großen Teil des Fremdwortschatzes. Anders die französischen Entlehnungen: Sie besetzen eine Nische elitärer Lebenskunst, die dem Nachbarland zugeschrieben wird. Handfester ist der Lehnwortschatz, den wir dem Vorsprung Englands und Amerikas in Technik, Verkehr, Wirtschaft, Politik und Popkultur verdanken. Evident ist der Gegensatz zu Latein und Französisch im Jargon der Musikszene und der Alltagskultur, die primär zum mündlichen Gebrauch gehören. Dies mag ein Grund sein, warum diese Anglizismen weitestgehend einer Integration in Aussprache, Schreibung und Flexion entzogen werden.