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Peter Becker: Aufstieg und Krise der deutschen Stromkonzerne : Der Schleier der Geheimpolitik ist zerrissen

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Bild: Verlag

Peter Becker leuchtet Wege und Seitenwege der hiesigen Atomlobby aus: Sein Buch entwirrt ebenso nüchtern wie faktenreich das Geflecht der deutschen Stromkonzerne.

          Sich in die Debatte über die Zukunft der deutschen Atomenergie einzumischen heißt, sich herbe Kritik einzufangen. Dabei fällt ins Auge, dass die Vorwürfe, egal wie man sich positioniert, bei Befürwortern und Gegnern ähnlich eingeschnappt und kindisch klingen: Argumente dafür/dagegen die Atomkraft würden lächerlich gemacht, kritische Positionen für/gegen würden abgekanzelt und die Meinungshegemonie sei ohnehin auf der anderen Seite - auf der Seite der Gegner/Befürworter natürlich (Zutreffendes bitte anstreichen). Kurzum: Jeder stilisiert sich zum Opfer. Was dabei zutage tritt, ist die unsichere und intransparente Faktenlage: Das Nichtwissen - das zeigt sich nach der Katastrophe von Fukushima - ist im letzten Jahrhundert in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Atomenergie unterschlagen worden, und so kommt die heftige Polarisierung zustande. Die Atomkraft war bis zuletzt eine Glaubenssache, schlicht, weil wir nicht genügend über sie wussten.

          In dieser Situation kommt Peter Beckers Buch „Aufstieg und Krise der deutschen Stromkonzerne“ gerade recht, weil der Autor in einer nüchternen, unaufgeregten, mit juristischem Fachwissen aufwartenden Sprache die Geschichte der Stromkonzerne rekapituliert, ohne in einen belehrenden oder ideologischen Ton zuverfallen. Nachdem man die dreihundert dicht bedruckten Seiten gelesen hat, ergibt sich ein ausgewogenes, wenn auch eindeutiges Bild: Es spricht überhaupt nichts dagegen, für Atomstrom zu sein, wenn man a) bereit ist, die nächsten Generationen einem unwahrscheinlichen, aber eben doch nicht ausgeschlossenen Super-GAU auszusetzen, und b) zynisch genug ist, die durch Windräder und Solaranlagen befleckten Landschaften aus ästhetischen Gründen abzulehnen. Alle anderen Einsprüche wiegelt der Autor mit plausiblen Argumenten ab.

          Konservierte Vernichtungsprodukte

          Neben der eindrücklichen Beschreibung, wie sich Stromkonzerne etabliert haben, nämlich durch eine enge Allianz zwischen Politik und Wirtschaft seit Ausbruch der elektrischen Revolution (Emil Rathenau war Gründer der AEG, schmiedete mit Werner von Siemens beim Siegeszug der Glühlampe die ersten internationalen und teils bis heute wirksamen Kartelle und war zufälligerweise Vater des Politikers und späteren Reichsaußenministers Walther Rathenau), ist die gegenwärtige Situation der Stromkonzerne erhellend. Peter Becker stellt fest, dass das Ende des Atomstroms im Grunde nicht mehr aufzuhalten ist. Die Frage ist nur: Wie lange können die mächtigen Unternehmensführer der Energiekonzerne ihren Einfluss auf die Politik noch aufrecht erhalten und den beschlossenen Ausstieg aus der Kernenergie hinauszögern? Analytisch klar und faktenreich entwirrt dieses Buch das Geflecht der deutschen Stromwirtschaft. Wege und Seitenwege der hiesigen Atomlobby werden ausgeleuchtet, die bisherige Energiepolitik sieht sich als Geheimpolitik desavouiert.

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