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Perry Andersons „Hegemonie“ : Kommen Sie uns bitte nicht mit der Moral des Stärkeren

Der Präsident, der zu Beginn seiner Amtszeit bereits einen Friedensnobelpreis erhielt – und sich bei militärischen Operationen dennoch nicht zurückhielt: Für Perry Andersons Verständnis eine scheinheilige Handlung im Lichte der Hegemonie. Bild: AP

Ambition, Selbstherrlichkeit und falsches Pathos: Perry Andersons kurze Geschichte des Hegemoniegedankens analysiert, wie politische Eliten die Nebenfolgen ihres Handelns sich und anderen schönreden.

          Dass man auf Bajonetten nicht sitzen kann, ist eine alter Spruch. Jede Macht bedarf, will sie sich nicht in ständiger Überwachung – und Überwachung der Überwacher – aufreiben und durch ständiges gewaltbereites Drohen erschöpfen, einer gewissen Zustimmung durch die Befehlsempfänger. Würde außerdem bei jeder Entscheidung erst ausgiebig gerechnet, wem sie wie sehr nützt, käme gar keine politische Ordnung zustande.

          Der irische Historiker Perry Anderson legt eine Geschichte des Begriffs „Hegemonie“ vor, der diesen Tatbestand erfassen soll. Als hegemonial wird nämlich seit langem eine Staatsmacht bezeichnet, die andere nicht zuletzt mit dem Argument dominiert, eine gemeinsame Sache am kräftigsten durchsetzen zu können: Athen unter den griechischen Stadtstaaten, Preußen im Kleindeutschen Bund, die Bolschewiken bei der Abschaffung der russischen Monarchie, die Vereinigten Staaten lange in Bezug auf die westliche Demokratie und ihren Ressourcenbedarf. Ohne Armeen ging es nie, aber ohne die Produktion von wahrgenommenen Vorteilen für viele eben auch nicht. Das Zulassen von Importüberschüssen seitens des Hegemonen etwa, das Ausräumen wichtiger Gegner, Friedenserhaltung in ausgewählten Regionen, die Ergänzung von militärischen Bündnissen durch ökonomische Verträge oder die Verbreitung eines Lebensstils, gegen dessen Sicherung die Dominierten politische Freiheiten abgeben.

          Wenn Verelendung nicht ausreicht, um Hegemonie zu brechen

          Anderson scheint so gut wie jedes Buch gelesen zu haben, das seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts den Hegemoniebegriff diskutiert. Die indische Gramsci-Rezeption wird ebenso referiert wie die Weltmachttheorie Giovanni Arrighis, der konfuse akademische Populismus von links, der Politik nur als Wille und Diskurs kennt, genauso wie die außenpolitischen Debatten in den Beratungsabteilungen amerikanischer Universitäten. Dem Autor steht dabei dieselbe Kenntnis politischer Lagen aller möglichen Länder zu allen möglichen Zeitpunkten zu Gebote, die auch seine großen Essays über die Türkei und Europa, die Ideologie Ghandis, die deutsch-französische Konstellation, den Palästina-Konflikt oder die italienische Malaise auszeichnet.

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          Um mit Anderson zu diskutieren, gibt es darum eigentlich nur zwei Wege. Entweder es kommt ein ganzes Departement an Länderexperten, oder man konzentriert sich auf die Prämissen des Hegemoniebegriffs. Prominent ist hier die Theorie des italienischen Kommunisten Antonio Gramsci. Er entwickelte sie als politischer Gefangener Mussolinis, um zu erklären, weshalb die prognostizierte Verelendung der Arbeiterschaft offenbar nicht ausreichte, um die Hegemonie des Kapitalismus zu brechen. Dass Gramsci dazu „das“ Kapital als einen handlungsfähigen politischen Akteur behandeln musste, scheint für Anderson unproblematischer zu sein als die Verlegung des revolutionären Kampfplatzes in den Bereich der Ideologie. Es seien, so Gramsci, die Demokratie und die Öffentlichkeit, die Kirchen und die Schulen, durch die zur Macht des Kapitals auch noch das Einverständnis der Unterdrückten mit ihr hinzukomme. Heute müsste man von einer Verschwörung sprechen, die noch dazu die Eigenschaft hat, dass die an ihr Beteiligten (Bischöfe, Lehrer, Bankiers, Fernsehleute, Einzelhändler) gar nichts davon wissen, eine unbewussten Verschwörung also.

          Die Nebenprodukte des politischen Handelns

          Eine ganz andere Ausdehnung des Begriff der Hegemonie liegt vor, wenn Deutschland als hegemoniale Macht „wider Willen“ in Europa bezeichnet wird. Anderson, den man sich nicht als Humoristen vorstellen darf, hält kaum mit Spott zurück, wenn er aus Selbstbeschreibungen der Zahl- und Zuchtmeister Europas zitiert: „Im Dienste ihrer Selbstverherrlichung bedient sich die Macht stets des ihr gemäßen – selbstmitleidigen oder selbstbeweihräuchernden – Pathos.“ Er vermisst gewissermaßen die Trockenheit Machiavellis, wenn in Deutschland jemand – und das geschieht ständig – die Übernahme von „Verantwortung“ für Europa anmahnt, ohne den Exportüberschuss mitzuerwähnen. Das ist für Anderson genau so scheinheilig wie die Tatsache, dass dem ersten Präsidenten der Vereinigten Staaten, der zwei volle Amtszeiten lang ununterbrochen Feldzüge im Ausland führte, vorab der Friedensnobelpreis verliehen worden war.

          Hegemonie, so könnte man darum resümieren, liegt vor, wenn Macht erfolgreich und mit überregionaler Wirkung so überhöht wird, dass die Nebenfolgen ihres Gebrauchs vielen hinnehmbar erscheinen. Perry Anderson, der in dieser Woche achtzig Jahre alt wurde, analysiert seit mehr als fünfzig Jahren insistent, wie politische Eliten die Nebenfolgen ihres Handelns sich und anderen schönreden. Rat hat er keinen, außer den trostlosen, sich und sie wenigstens in Kenntnis davon zu setzen.

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