22.10.2009 · Im Labyrinth von Tics und Ritualen: Pelle Sandstrak berichtet über sein Leben mit dem Tourette-Syndrom, dem er im entscheidenden Moment eine positive Wendung geben konnte.
Von Oliver TolmeinFür einen Schüler, der es nicht erträgt, einen der Buchstaben x, y oder z zu schreiben, ist es kaum möglich, dem Unterricht zu folgen. Auch das Leben als Plattenverkäufer ist schwierig, wenn man keine Musik von Gruppen verkaufen kann, die ein x, y oder z im Namen tragen. Pelle Sandstrak erscheinen die drei letzten Buchstaben des Alphabets aber so hochgefährlich, dass er zu ihrer Vermeidung komplexe Umgehungsstrategien entwickelt.
Zwanghaft gefährliche Buchstaben zu vermeiden ist aber nicht das einzige Problem, das Sandstrak in seinem Leben lösen muss: Wenn er eine Boeing 747 über seinem Dorf hört, muss er seine Stiefel ausziehen und sie mit Hilfe der Schnürsenkel, die dann als Tragflächen dienen, zu einem Flugzeug umformen; Türschwellen dürfen nur überschritten werden, wenn irgendwo ein blauer Punkt in Sicht ist; die Zahl Sechs muss von ihm um jeden Preis gemieden werden, auch sechs Schritte ohne Unterbrechung hintereinander zu gehen ist für Sandstrak ausgeschlossen.
Die Türschwelle zwischen Wohnzimmer und Küche
Je älter er wird, desto mehr bestimmen die Tics und die Rituale, die er zu deren Vermeidung entwickelt, sein Leben. Während es ihm, wie er im ersten Teil seines Buches schreibt, als Kind noch oft gelang, seine Eigenheiten vor den anderen zu verbergen und so zwar als Klassenclown Profil zu gewinnen, aber trotz einiger erheblicher Verstöße gegen die Regeln nicht zum einsamen Außenseiter zu werden, führt ihn seine Krankheit als Erwachsener an den Abgrund - diese Zuspitzung ist Gegenstand des zweiten Teils des Buches: „Ich verlege mich immer mehr darauf, nur die Zeigefinger zu waschen, denn das ist der Körperteil, den ich am meisten benutze. Der Toilettenbesuch nimmt so viel Zeit in Anspruch, dass ich mich auch hier für die Verteidigung als beste Waffe entscheide. Ich gehe nicht mehr auf die Toilette und erspare mir so drei Stunden Rituale.“ Sandstrak wäscht sich kaum noch, er wandert stundenlang ziellos durch die Welt, um seinen Ritualen zu entgehen, er isst nur noch selten und verliert jede Arbeit innerhalb kürzester Zeit.
Erst als er einer Frau, in die er sich verliebt hat, sagen kann: „Ich habe etwas, das heißt Tourette“, hat er aus dem Wissen über seine Krankheit das Maß an Gelassenheit gewonnen, das ihm ermöglicht zu schreiben: „Ich habe schließlich gelernt, dass es keine normalen Menschen gibt. Wenn ich morgens aufwachen würde und nicht die Tourette-Energie im Körper hätte, dann würde mir etwas fehlen, ich würde mich also krank fühlen. Die Tourette-Energie ist meine beste und hoffnungslos unerklärliche Freundin geworden.“
Der Weg dorthin ist weit. Nicht nur, weil Sandstrak in der Gesellschaft auf wenig Verständnis und Toleranz stößt, die zwanghaften Ritualisierungen rauben ihm zunächst auch die Lebensenergie. Erst als er, was er im dritten Teil des Buches abhandelt, mit Hilfe des ihn fordernden und geschickt provozierenden Therapeuten erkennt, dass sich auch Rituale variieren lassen, dass die verschiedenen Versionen alle zum gleichen Ziel führen und er sie sich deswegen gleichermaßen erlauben kann, gewinnt er seine eigene Freiheit zurück. Wie er im Rahmen eines 64 Tage währenden Programms lernt, die Türschwelle zwischen Wohnzimmer und Küche ohne jedes Ritual zu überqueren, liest sich aufregender als viele Krimis und ist überdies ein lehrreiches Beispiel dafür, wie selbst extreme Ängste angegangen und überwunden werden können.
Kurz vor dem Scheitern
Mit „Herr Tourette und ich“ erzählt Pelle Sandstrak seine Geschichte. Es ist die Geschichte eines Menschen, der aus dem herausfällt, was als Normalität verstanden wird, der schließlich kurz vor dem Scheitern nach harter Arbeit an sich selbst wieder zur Teilhabe an der Gesellschaft findet. Sandstrak gibt in seinem Buch keine enzyklopädischen Informationen über das Tourette-Syndrom, an dem allein in Deutschland wohl an die vierzigtausend Menschen leiden und das mit den Tics, unwillkürlichen Bewegungen und unkontrollierbaren Lauten eine der sonderbarsten und auffälligsten neuropsychiatrischen Krankheiten darstellt. Der Autor beschreibt aber anschaulich, wie schwierig es ist, mit auffallenden Eigenarten in unserer auf Normalvarianten und Routinen setzenden Welt zu leben.
Im Alltag werden wir nicht umhinkommen, auch etwas dafür zu tun, dass Menschen mit Tourette-Syndrom besser in unserer Gesellschaft leben können. Die Lektüre von Sandstraks Buch schafft dafür eine Voraussetzung: Sie ermöglicht uns Nicht-Tourettern, eine Vorstellung davon zu gewinnen, wie sich dieses Syndrom anfühlt.