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Paul Veyne: Als unsere Welt christlich wurde (312-394) : Aufstieg einer Sekte

  • -Aktualisiert am

Bild: C. H. Beck

Das Buch des französischen Historikers Paul Veyne über den Aufstieg des Christentums von der Sekte zur Staatsreligion setzt ganz auf die Bekehrung Konstantins des Großen. Das ist zwar eine heikle Annahme, doch die Einzigartigkeit des Christentums in der antiken Welt wird vom Autor detailreich dargelegt.

          Zuerst muss man bei der Lektüre von Paul Veynes Buch die Augenbrauen hochziehen: Die Bekehrung Konstantins des Großen zum Christentum und seine tiefe Gläubigkeit als Christ werden bei Veyne von Anfang an als selbstverständliches Faktum behauptet und über mehrere Kapitel hinweg immer weiter variiert. Sie waren und sind aber alles andere als unbestritten, sondern mit ihren Voraussetzungen, Implikationen und Folgerungen zu Recht immer noch in der Diskussion - in einer fruchtbaren Diskussion, weil die verschiedenen quellenkritischen und historischen Überlegungen diesem Gegenstand immer neue Einsichten abgewinnen.

          Wollte man das jedoch an Veynes Buch aussetzen, würde man seinen Charakter in doppelter Weise verkennen. Zum einen scheint es eher der Selbstverständigung des Autors über die behandelten Vorgänge zu dienen, einer Selbstverständigung, die auch durch die gelegentlich ausführlichen Anmerkungen eine äußerst gewinnbringende Lektüre darstellt, einschließlich der sehr persönlichen Reminiszenzen an seine kommunistische Vergangenheit.

          Die Schlüsselfigur Konstantin

          Die Betonung des persönlichen Charakters von Konstantins gläubigem Christentum hat Folgen für die Beurteilung der Christenpolitik des Kaisers. Vor allem wendet sich Veyne zu Recht und in detaillierter Beweisführung dagegen, dass Konstantin mit seinem Übertritt noch etwas anderes als ebendieses, das Bekenntnis zum Christentum, gemeint und beabsichtigt habe. So wird die angebliche Absicht, die Kirche als Stabilisierungsfaktor für das Reich zu benutzen, zu Recht als „soziologistisches Vorurteil“ bezeichnet. Fraglicher ist die Behauptung, ausgerechnet der zu Gewalttätigkeit neigende Kaiser habe das Christentum nur auf dem Wege der Überzeugung verbreiten wollen. Sehr einleuchtend und detailreich wird dagegen die Einzigartigkeit des Christentums innerhalb der antiken Welt dargelegt, wenn man auch die an sich richtige Feststellung, es habe „einen Nerv getroffen“, gern genauer vorgeführt bekommen hätte.

          Veyne verfolgt jedoch noch eine andere Absicht. Konstantin tritt nämlich im Verlauf des Buches immer mehr zurück, und das Christentum selbst ist der Gegenstand der Betrachtung. Konstantins Verhältnis zu Religion und Gesellschaft hat da nur noch Beispielcharakter. Veyne wendet sich nämlich gegen eine sozusagen kausale Verknüpfung des Christentums, anderer Religionen und dann gleich auch solcher Ideologien wie des Marxismus und Nationalsozialismus mit der jeweiligen Gesellschaft.

          Christliches im europäischen Erinnerungshorizont

          Weder seien solche Vorstellungen simples Produkt gesellschaftlicher Verhältnisse, noch prägten sie ihrerseits in dem meistens behaupteten Ausmaß die Gesellschaften. Natürlich bestreitet er nicht Wirkungen und Gegenwirkungen, aber es sei, beispielsweise, einfach nicht - mehr - der Fall, dass das heutige Europa maßgeblich vom Christentum geprägt sei; was Europa heute charakterisiere, das sei die Aufklärung. Gewiss haben in getragenem Ton vorgebrachte Hinweise auf christliche „Wurzeln“ Europas - abgesehen von der unglücklichen Metapher - mit der Gegenwart kaum noch etwas zu tun. Christliches ist großenteils nur noch kulturelle Erinnerung - doch sind das Gedankengänge, die eingehender durchdacht werden müssen.

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