http://www.faz.net/-gr3-6laph

Patricia Plough: Emin Pascha : Auf Expedition nach Äquatoria

  • -Aktualisiert am

Bild: DVA

Ein exzentrischer deutscher Arzt erobert Afrika: Patricia Clough folgt den Spuren von Emin Pascha und führt in die Welt des deutschen Kolonialismus.

          Die Frage, warum in den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts zwischen den europäischen Großmächten ein hektischer Wettlauf um die Eroberung Afrikas einsetzte, bewegt bis heute die historische Forschung. Die Antriebskräfte für die koloniale Expansion waren vielfältig, unterschieden sich mithin von Land zu Land und von Ort zu Ort. In einigen Fällen gingen strategische Motive mit finanziellen Zielen Hand in Hand, in anderen Fällen verknüpften sich ökonomische Gelegenheiten mit politischer Megalomanie. Nie aber lässt sich ein spezifisches Interesse als treibende Kraft, aus der alle anderen Motive resultieren, ausmachen. Entstehung und Ausgestaltung der Kolonien in Afrika waren überdies durch Zufälle und Eventualitäten geprägt.

          Auffallend war zudem die Kluft zwischen Absicht und Ergebnis. Die Mehrheit jener, die sich am „Scramble for Africa“ beteiligten, hatten zunächst nicht viel mehr im Sinn, als territoriale Ansprüche anzumelden. Sie gaben zwar nicht eher Ruhe, bis auch das weltabgeschiedenste Wüstengebiet zumindest formal unter europäische Herrschaft gestellt war. Ansonsten waren sie aber mit rein performativen Akten zufrieden, wie etwa der Unterzeichnung so genannter Schutzverträge und dem Hissen der nationalen Flagge in den von ihnen begehrten Territorien. Was ihnen am meisten Sorge bereitete, war die Frage, ob die anderen europäischen Mächte die jeweiligen Ansprüche auch akzeptieren würden. Die Ansichten der lokalen Bevölkerungen hingegen spielten für die Erwägungen keine Rolle. Die Aufteilung Afrikas war zum Zeitpunkt der Berliner Afrika-Konferenz 1884/85 nicht wesentlich mehr als eine Wette auf die Zukunft. Die wenigsten hatten zu diesem Zeitpunkt genaue Vorstellungen davon, wie europäische Herrschaft in Afrika gestaltet werden sollte.

          Vom schlesischen Eduard Schnitzler zu Emin Pascha

          Vor diesem Hintergrund schildert die Journalistin Patricia Clough routiniert und mit Sinn für spannende Geschichten das Leben des aus Schlesien stammenden Arztes Eduard Schnitzler, der sich später Emin Pascha nannte. Die Autorin, langjährige Korrespondentin englischer Zeitungen in Deutschland, ist durchaus bemüht, die brutale Gewalt und den Rassismus der kolonialen Eroberer anzusprechen, tendiert jedoch zu recht simplen psychologischen Erklärungen für deren Verhalten. Die Widersprüchlichkeit einer Figur wie Emin Pascha, ihr kulturelles Grenzgängertum, ihr Changieren zwischen Größenwahn und der Furcht, von Afrika verschlungen zu werden, dies alles wird bestenfalls angedeutet. Auch wimmelt es im Buch von Essentialismen über afrikanische Gesellschaften, so bemüht die Autorin etwa mehrfach eine kollektive „afrikanische Mentalität“.

          Gleichwohl gelingt es Clough, auf der Grundlage der Biographie Emin Paschas ein Narrativ zu weben, das recht gut in die Komplexitäten des „Scramble for Africa“ einführt. Ihr Hauptprotagonist, 1840 geboren, schloss trotz guter Noten sein Medizinstudium nicht ab, was ihn nicht daran hinderte, zunächst im Osmanischen Reich als Arzt zu arbeiten. Später verschlug es ihn unter dem türkischen Namen Mehmet Emin ins sudanische Khartum. Dort machte ihn Charles Gordon, der berühmte britische Gouverneur von Äquatoria, zunächst zum Sanitätsoffizier der Provinz und 1878 zu seinem Nachfolger.

          Verschollen, fast vergessen und dann verstritten

          Als diese riesige und in weiten Teilen fruchtbare Region, im heutigen Sudan und Uganda gelegen, nach dem sogenannten Mahdi-Aufstand von der Außenwelt abgeschnitten wurde, galt Emin Pascha, wie er nun hieß, als verschollen und drohte vergessen zu werden. Einige Freunde suchten dann mit Erfolg die Öffentlichkeiten in Westeuropa aufzurütteln: 1887 machten sich gleich zwei Expeditionen auf den Weg, Emin zu retten, jeweils angeführt von notorischen, für ihre Brutalität und Gewaltexzesse bekannten Figuren der Kolonialgeschichte: Henry Morton Stanley und Carl Peters.

          Für diese beiden Männer ging es auch darum, die kolonialen Interessen ihrer Regierungen durchzusetzen und nicht zuletzt, insbesondere im Falle Peters, den eigenen, in der Heimat stark angekratzten Ruhm als Abenteurer und Kolonialpionier zu mehren. Stanley erreichte den Eingeschlossenen nach einer an Menschenleben äußerst verlustreichen Suche als erster, doch überwarf er sich schon bald mit Emin. Schließlich brachte er ihn ein wenig gegen dessen Willen an die Küste.

          Ein Telegramm eigens von Kaiser Wilhelm II.

          In Bagamoyo, inzwischen dem deutschen Kolonialreich in Ostafrika zugehörig, wurde „der herausragende Sohn Deutschlands“ mit großem Pomp von seinen Landsleuten empfangen, Kaiser Wilhelm II hatte eigens ein Telegramm geschickt. Nach einigem Zögern entschied sich Emin, zum Entsetzen und zur Wut vieler Engländer, in den Dienst des deutschen Kolonialismus zu treten und für das Reich Regionen im Landesinneren in Besitz zu nehmen. Während dieser Mission wurde er von arabischen Sklavenhändlern 1892 ermordet - und geriet ein zweites Mal in Vergessenheit.

          Clough bewegt sich auf historiographisch bereits gut durchgepflügtem Terrain. Die Literaturhinweise am Ende des Buches sind allerdings eher lapidar. Die Autorin scheint ihr Buch in weiten Teilen ohnehin auf zeitgenössischen Berichten und Memoiren zu basieren. Lesen konnte man die im Buch ausgebreiteten Aspekte also schon anderswo, wenngleich nicht immer so spannend erzählt. Die Verheißung des Verlages auf dem Umschlagstext, die Autorin eröffne der Leserschaft einen neuen Zugang zur deutschen Kolonialgeschichte, bleibt dennoch eine ziemlich dreiste Behauptung.

          Weitere Themen

          „24 Frames“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „24 Frames“

          Am Montag, dem 19. November, läuft um 23:35 Uhr „24 Frames“ auf Arte.

          Topmeldungen

          Kommentar zu Europa : Ein neues Kapitel – aber wie?

          Frankreichs Staatspräsident Macron blickt in Berlin zurück und nach vorn. Er will eine „europäische Souveränität“. Aber die nationalen Interessen sind keineswegs stets deckungsgleich. Der Volkstrauertag erinnert daran, wie man mit Unterschieden umgeht – und wie nicht.
          Bekam Gegenwind: Chinas Staats- und Regierungschef Xi Jinping.

          FAZ Plus Artikel: Apec-Gipfel : Chinas Heimspiel endet im Debakel

          Auf dem Pazifik-Wirtschaftsforum kommt es zu einer offenen Konfrontation der Systeme. Koordinierte Zusagen von Amerikas Partnern schieben China einen Riegel vor – doch auch Amerika hat eigene Motive.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.