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Papst Benedikt-Biographie : Hat Rom denn immer recht?

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Ein Theologenpapst als Mann des Übergangs: Benedikt XVI. auf einer Aufnahme von 2010, dem fünften Jahr seines Pontifikats. Bild: dpa

Elio Guerriero legt eine fast offizielle Biographie Papst Benedikts XVI. vor - von einer glänzenden Laufbahn bis zur Einsamkeit der letzten Jahre. Sein Fazit: Schuld hatten immer nur die anderen.

          Joseph Ratzinger, von 2005–2013 als Benedikt XVI. Oberhaupt der katholischen Kirche, ist ohne Zweifel eine der prägenden Gestalten der zeitgenössischen Theologie und Kirche. Umso mehr muss es überraschen, dass es bislang keine umfassende deutschsprachige Biographie gab. Nun liegt die ursprünglich 2016 erschienene Darstellung des italienischen Theologen und Schriftstellers Elio Guerriero in deutscher Übersetzung vor. Auch wenn seine Biographie nicht offiziell autorisiert ist, hat sie doch etwas Offiziöses: Papst Franziskus hat ein Vorwort beigesteuert und sein Vorgänger hat dem Autor ein Interview gewährt. Die Erwartungen sind also hoch gesteckt.

          Bis zum Jahr 1977 kann sich der Autor auf Ratzingers Autobiographie „Aus meinem Leben“ stützen. Der spätere Papst wurde 1927 als Sohn eines Gendarmen im bayerischen Ort Marktl geboren. Der Leser erfährt, dass der schon 43-jährige Vater seine Frau durch eine Annonce im „Altöttinger Liebfrauenboten“ fand, mit der er ein „gutes katholisches Mädchen, das gut kochen kann und auch im Nähen etwas bewandert ist“, suchte. Die Familie blieb stets ein wichtiger Bezugspunkt für Ratzinger. Noch heute hat er ein enges Verhältnis zu seinem Bruder Georg, der lange Jahre die Regensburger Domspatzen leitete.

          Die akademische Karriere schien gefährdet

          Auf das Theologiestudium folgt bei Joseph Ratzinger die Promotion in München und ein Einsatz als Dozent in Freising. Wichtige Autoren werden ihm Augustinus und Bonaventura. Eine neue, bestechend prägnante Sprache jenseits der neuscholastischen Schultheologie sichert ihm schon früh die Aufmerksamkeit des Publikums. Viel Beachtung wird sein Werk „Einführung in das Christentum“ (1968) finden. Hier lässt er sich von dem Gedanken leiten, dass Vernunft und Glaube einander nicht widersprechen und es daher auch dem modernen Menschen möglich sei, die Schönheit und Wahrheit des Glaubens zu erfassen. „Der Gott des Glaubens und der Gott der Philosophen“ (so der Titel seiner Antrittsvorlesung) wird ihm zum zentralen Thema. Europa sei von den Fixpunkten Athen, Jerusalem und Rom her zu verstehen, als Synthese zwischen jüdisch-christlicher und antiker Kultur.

          Die weitere akademische Karriere schien gefährdet, als die erste Fassung seiner Habilitationsschrift zurückgewiesen wurde. Doch schon bald begann eine glänzende Laufbahn, die den jungen Mann an die Universitäten in Bonn, Münster und Tübingen führte. Seine Reputation wurde noch dadurch gemehrt, dass er als Berater des Kölner Kardinals Frings am Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) teilnehmen durfte. Auf der Reformsynode, die eine umfassende Erneuerung der Kirche in Gang setzen sollte, leistete er einen anerkannten Beitrag zur Neubestimmung des Offenbarungsbegriffs.

          Zurück in die Heimat Bayern

          Guerriero zeigt, dass der Weggang an die neugegründete Universität Regensburg im Jahr 1969 keine „Flucht“ aus dem von den Studentenunruhen geprägten Tübingen war, sondern eher eine Heimkehr nach Bayern. In jenen Jahren entstand das Klischee, er sei „vom Progressiven zum Konservativen geworden“ und habe sich gegen die Reformen des Zweiten Vaticanums gestellt – in Wahrheit blieb ihm dieses ständiger Bezugspunkt. Mit fünfzig Jahren wurde Ratzinger Erzbischof von München und Kardinal. Johannes Paul II. übertrug ihm 1982 die Leitung der vatikanischen Glaubenskongregation, der ehemaligen „Inquisition“. Aus der Arbeitsbeziehung der beiden Männer scheint am Ende so etwas wie persönliche Vertrautheit und Freundschaft entstanden zu sein.

          Gut informiert zeigt sich Guerriero über die Amtszeit Benedikts XVI., der nach der langen Zeit des polnischen Papstes eher als Mann des Übergangs galt. Dabei ist es durchaus aufschlussreich, sich dem Pontifikat aus einer nicht-deutschen Sicht zu nähern und gewohnte Befindlichkeiten zurückzustellen. Nach schnell verflogener anfänglicher Euphorie beklagte Benedikt XVI. gerade in seinem Heimatland eine „sprungbereite Feindseligkeit“. In Erinnerung bleibt die missverstandene Regensburger Rede, die an sich als Aufruf zur Toleranz und zu einem vernunftgeleiteten Dialog der Religionen gedacht war. Wir erfahren, dass es Benedikt XVI. in der Missbrauchsaffäre nicht an Konsequenz hat fehlen lassen.

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