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Otto Friedrich Bollnow: Lebensphilosophie und Existenzphilosophie : Warum der Aufruf, sein Leben zu ändern, so ziemlich ohne Belang ist

Bild: Verlag

Der Mensch an sich ist ein Nichts, ein Traum der Intellektuellen: In der Studienausgabe der Werke Otto Friedrich Bollnows liegt nun seine Lebens- und Existenzphilosophie vor.

          Wann kann man sagen, ein Mensch habe sich verändert? Erweist sich nicht jede Zäsur als künstlich? Bleibt nicht, Heraklit zum Trotz, im Grunde alles gleich? Was soll das also heißen: Du musst dein Leben ändern (Peter Sloterdijk)?

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Derartige Fragen der Identitäts- und Ichforschung hat die Lebensphilosophie in ihrem Programm - ein gern als pausbäckig oder irrational diffamierter Zweig der Philosophie, für die Namen wie Henri Bergson oder Wilhelm Dilthey stehen und unter Vorbehalt auch Otto Friedrich Bollnow, für dessen Studienausgabe nun der Band über "Lebensphilosophie und Existenzphilosophie" vorliegt. Die Herausgeber dieses Bandes erklären, was mit dem Vorbehalt gemeint ist: "Es wäre für ihn (Bollnow) undenkbar gewesen, in der Art von Max Scheler die Philosophie von Nietzsche, Dilthey und Bergson als Vorbereitung eines Schrittes der Menschheit in einen ,blühenden Garten' zu feiern. Die objektivierende Distanz in der hier abgedruckten Darstellung der Lebensphilosophie aus dem Jahre 1958 ist unverkennbar." Hier ist in der Tat ein Kliniker am Lebenswerk, erkennbar ist Bollnows Ehrgeiz, noch den widerspenstigsten Exaltationen "des Lebens" eine aus dem Leben selbst geschöpfte Rationalität zu unterlegen. Dass ein derartiges Prozessdenken auch entgleisen kann, zeigte sich bei Bollnow in seiner Blindheit für die Nazis: der Philosophie- und Pädagogikprofessor, der in Physik promoviert wurde, war 1933 ein Anhänger von Hitlers Machtergreifung und trat 1937 in die NSDAP ein.

          Wie jemand ein anderer wird und doch derselbe bleibt, faszinierte Bollnow in immer neuen Anläufen. Nietzsches Diktum von der "Unschuld des Werdens" aufgreifend, mahnte er "die Befreiung des Lebens von jedem Zweckgesichtspunkt überhaupt" an. Das Fließen müsse als etwas Letztes genommen werden und könne nicht hinterher als Veränderung an etwas anderem verstanden werden, das selbst dem Werden entzogen sei. Bollnow besteht darauf, dass es ein "hinter" den menschlichen Äußerungen gelegenes "Wesen" gar nicht gebe, dass der Mensch vielmehr ganz in seine Äußerungen eingehe. "Der Mensch an sich", so zitiert er André Malraux, "ist ein Nichts, ein Traum der Intellektuellen", und mit Malraux fährt er fort: "Es gibt keinen Menschen an sich, zu dem, je nach der Epoche, hinzukommt, was er denkt und glaubt: es gibt den Menschen, der denkt und glaubt, oder nichts."

          Eine Apotheose der Freiheit

          Dass wir sind, was wir aus uns machen, verbindet die Lebensphilosophie mit der Existenzphilosophie und ist jedenfalls bei Bollnow Ausdruck menschlichen Reichtums, eine Apotheose der Freiheit, nicht des Defätismus: "Das Leben ist im positiven Sinn unerschöpflich: nicht deswegen, weil wir es mit unseren Verstandesbegriffen nicht auszuschöpfen vermöchten, sondern weil schon die Vorstellung eines (wenn auch sehr großen Quantums) prinzipiell falsch ist. Das Leben ist Quelle, die immer Neues aus sich hervorströmen lässt, es ist Wurzel, die immer neue Triebe aus sich hervorbringt, es ist, allgemein gesprochen, offen in seine Möglichkeiten hinein. Und dieser positiv schöpferische Charakter des Lebens drückt sich im Begriff der Unergründlichkeit aus."

          Man kann die Quelle auch versiegen, die Wurzel verdorren lassen, kann starr in einem bestimmten Ausdruck verharren. Dagegen plädiert Bollnow dafür, mit der Zeit zu gehen, und steht insoweit unter ständigem Tautologieverdacht. Doch muss man Bollnows Zeittheorie metaphysisch lesen. Die physikalische Zeit, so Bollnow, ist kein angemessenes Bild der Lebenswirklichkeit, sie ist ein künstliches System, das lediglich die Endpunkte von Intervallen setzt, aber nicht deren Erstreckung erfasst. Sich an Henri Bergson anlehnend, schreibt Bollnow über die Unzulänglichkeit der physikalischen Zeit: "Sie wirft nur ein Netz von diskontinuierlichen Zeitpunkten über das Leben, aber sie ist damit außerstande, das Leben in seiner Kontinuität zu erfassen. Es ist vielmehr nur unsere Aufmerksamkeit, die sich dem als solchem kontinuierlichen Lebensgrund in einer Reihe diskontinuierlicher Akte zuwendet."

          Kontinuität außerhalb der Uhrzeit

          Anders gesagt: Der physikalisch messbare Wandel eines Lebens ist permanent, fällt aber nicht ins Gewicht. Der Aufruf, sein Leben zu ändern, ist, so gesehen, ohne Belang. Denn das Bestimmende ist die biographische Kontinuität. Sie ist mit den (künstlichen) Zeitindices nicht messbar, sondern stellt sich ausserhalb der Uhrzeit her. So die Pointe einer Philosophie, die Wert darauf legt, ihre Maßstäbe dem Leben selbst zu entnehmen.

          Dass sich die Lebensphilosophie historisch immer wieder verrannt hat, ändert nichts an der Fruchtbarkeit ihrer Fragestellungen. Man lese parallel zu Bollnows sperrigen Thesen übers Werden einmal das auf verengter Problembasis verrutschte "Buch des Wandels" von Matthias Horx. Man wird sich über die Flachheit dieser Trendforscher-Literatur zutiefst erschrecken.

          Otto Friedrich Bollnow: „Lebensphilosophie und Existenzphilosophie“. Schriften, Band IV. Königshausen & Neumann Verlag, Würzburg 2009. 305 S., br., 25,- €.

          Quelle: F.A.Z.

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