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Ottfried Dascher: „Es ist was Wahnsinniges mit der Kunst“ Mittendrin im Leben und in der Kunst

Die jüngst abgeurteilten Kunstfälscher benutzten für ihre Bilder die fiktive Provenienz „Sammlung Alfred Flechtheim“. Jetzt liegt zum ersten Mal eine Biographie des großen Kunsthändlers vor.

© Verlag Vergrößern

Der realistische Zeichner Otto Pankok war ein erbitterter Feind des Kunsthändlers Alfred Flechtheim. Dennoch sagte er zwei Jahrzehnte nach dessen Tod, er sei "der einzige Händler, über den es sich verlohne, ein Buch zu verfassen". Geboren am 1. April 1878 in Münster als Sohn des Getreidehändlers Emil Flechtheim und seiner Frau Emma, gestorben im Londoner Exil am 9. März 1937, bekannte Alfred Flechtheim schon früh seine Leidenschaft: "Mir ist die Kunst alles, ich bin der Kunst nichts." Seine Vorliebe war und blieb die aktuelle Kunst aus Paris, die er in seiner Düsseldorfer Galerie seit 1913 ausstellte. Seine Lieblingskünstler waren André Derain, Auguste Maillol, Maurice de Vlaminck, Picasso, Braque, Gris, Léger, Beckmann, Grosz, Max Ernst und Paul Klee. Zur jüngeren Garde gehörten: Marie Laurencin, Renée Sintenis, Frieda Rieß.

Flechtheim setzte sich für die neue Richtung der Kubisten ein, und er hatte ein Gespür für Spitzenwerke. Zu ihm hatten Sammler, Kunsthändler und Museumsdirektoren Vertrauen. Die von ihm 1912 mitorganisierte Kölner "Sonderbund"-Ausstellung wurde unmittelbares Vorbild für die im Jahr darauf in New York gezeigte "Armory Show", später für die Documenta. Seine Kunst vermittelte er in Mappen, Büchern, Ausstellungskatalogen und legendären Zeitschriften wie "Querschnitt" und "Omnibus". Durch den jüngsten spektakulären Kunstfälscherskandal kam sein Name erneut in die Schlagzeilen: Aufkleber mit der erlogenen Provenienzangabe "Sammlung Alfred Flechtheim" auf den Keilrahmen fungierten als eine Art Gütesiegel, das genaues Hinsehen und Vergleichen mit gesicherten Werken, wie es für Kunstexperten eigentlich selbstverständlich sein sollte, überflüssig machte.

Er wurde Händler, um Kunst zu sammeln

Die Biographie des Dortmunder Wirtschaftshistorikers Ottfried Dascher möchte diese Lücke schließen: Der Darstellung des Lebens folgt im Anhang eine Auflistung "Die private Sammlung Alfred Flechtheim". Ergänzt wird das Buch durch eine CD-ROM mit der von Curt Valentin zum fünfzigsten Geburtstag herausgegebenen Festschrift "Der Querschnitt durch Alfred Flechtheim am 1. April 1928" und einer Auflistung der Katalogpublikationen der Galerie Flechtheim von 1913 bis 1933.

Flechtheim hatte eine Abneigung gegen ein rein merkantiles Interesse an der Kunst. Er gehörte zu einer Kunsthändlerspezies, die Händler werden, um Kunst zu sammeln. "Wenn ich reich wäre, wenn ich so viel Geld hätte", so Flechtheim, "dass ich so leben könnte, wie ich möchte, ich würde in Paris leben, wie Uhde, wie Goetz. Mittendrin im Leben, in der Kunst. Als großer Marchand-Amateur", schreibt er im Juni 1913. Die Vernachlässigung der finanziellen Seite führte dazu, dass Flechtheim immer wieder auf Fremdkapital angewiesen war, um seine Galerie am Leben zu halten. Flechtheims Generosität hat George Grosz in seiner Autobiographie gewürdigt. Else Lasker-Schüler hingegen streute in ihrer Schmähschrift von 1925 das Bild vom Spekulanten.

Flucht vor den Nazis

Die Propaganda der Nazis zeichnete dann das Feindbild vom "Kunstbolschewisten". 1910 war es Flechtheim durch Heirat mit der vermögenden Betti Goldschmidt aus Dortmund gelungen, die verhasste Existenz als Getreidehändler aufzugeben und das Leben eines Kunsthändlers zu führen. Ende 1913 eröffnet er seine Galerie in Düsseldorf. Mit Kriegsbeginn musste Flechtheim, der bei den Ulanen diente, die Galerie schließen, konnte sie jedoch 1919 in Düsseldorf wiedereröffnen. 1921 verlegte er den Hauptsitz nach Berlin.

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