Home
http://www.faz.net/-gr6-x00q
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Optimierung des Körpers Wie fit hätten Sie mich denn gern?

28.04.2008 ·  Der Zwang zur Optimierung ist allgegenwärtig. Die Hirnforschung warnt vor „brachliegenden Arealen“, Doping und Schönheitschirurgie lassen den im Abseits, der die technischen Potentiale ungenutzt lässt. Der Harvard-Philosoph Michael Sandel plädiert angesichts des Perfektionierungswahn für den Tunichtgut.

Von Christian Geyer
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Was ist passiert, dass ein Buch wie dieses erscheint? Hat man es zu Ende gelesen, bleibt man noch eine gute Weile verdattert in der Dachstube sitzen (es ist erkennbar ein Buch für Dachstubenbewohner, nicht für Eigenheimbesitzer), bevor man wieder unten auf die Straße tritt, ins blütenstaubduftende sonnige Leben. Ja, was ist passiert, dass dieses „Plädoyer gegen die Perfektion“ des Philosophen Michael Sandel erscheint - und uns aus dem großen Optimierungswahn reißt, in dem wir auf die ein oder andere Art gefangen sind?

Passiert ist laut Sandel das Folgende: ein schleichender Zwang zur Optimierung der menschlichen Natur, zur Steigerung körperlicher und geistiger Fähigkeiten, zur Ausschöpfung von - horribile dictu - ungenutzten Potentialen. Die Hirnforschung warnt vor „brachliegenden Arealen“, die pränatale Diagnostik mahnt zur „Verantwortung“, wir sind im Bann von Doping und Schönheitschirurgie, der medikamentösen Manipulation von Körpergröße, Muskelkraft, Stimmung und Gedächtnis. Es ist ein Zwang, der schon vor der Geburt einsetzt und uns bis ins Altersheim verfolgt. Ein Zwang, der allgegenwärtig zu werden droht, so dass sich ihm kein Tunichtgut folgenlos entziehen kann. Sandel jedoch hält den Optimierern entgegen: Der Tunichtgut ist gut genug!

Fitness als moralische Kategorie

„Wir stecken in der verzwickten Lage, dass uns das neue genetische Wissen ermöglicht, unsere eigene Natur zu manipulieren. Obwohl die meisten Menschen das beunruhigend finden, lässt sich nicht so leicht sagen, warum.“ Sandels Schrift schürt eine Beunruhigung über Fitness als moralischer Kategorie. Mentale Fitness, physische Fitness - wie fit ist fit genug? Auch Sandel hat darauf keine eindeutige Antwort parat. Das ist das gute Recht des Philosophen. Philosophen, die nur Fragen stellen, auf die sie die Antworten in der Tasche haben, können sicher sein, dass sie die falschen Fragen stellen. Natürlich sind Sandels Fragen einseitig; aber richtige Fragen sind immer einseitig, nur deshalb können sie etwas sichtbar machen. Und natürlich hat Sandel ein Plädoyer geschrieben, das polarisiert. Es gibt existentielle Fragen, denen kann man nicht als wandelnder Vermittlungsausschuss begegnen. Sondern nur, indem man eine Haltung einnimmt. Eine Haltung einzunehmen ist aber etwas anderes, als sich an die Spitze der Züge zu setzen, die ohnehin abfahren.

Weil Michael Sandel auf solche Unterscheidungen Wert legt, lohnt es die Mühe, sich mit seinen Sachen zu beschäftigen. Ludger Honnefelder machte einen guten Griff, als er Sandels Schrift in das Programm des noch jungen Verlags Berlin University Press nahm - gleichsam als eine der Gründungsschriften. Damit ist eine Duftmarke gesetzt.

Die Nacktheit des Technologieverweigerers

Viel zu oft, so Sandel, lasse man sich „ins vergrößerte Spiel moralischer Verantwortung“ hineinziehen, als sei es ein Naturereignis. Besser sei es, die Grenzen der Verantwortung und damit auch der „Vorsorge“ für sich persönlich zu ziehen, statt sie sich gesamtgesellschaftlich vorgeben zu lassen. Beispiel pränatale Diagnostik. Sandel macht auf die sich verändernden Normen pränataler genetischer Untersuchungen aufmerksam. Zwar bleiben Eltern nach wie vor „frei in ihrer Möglichkeit zu entscheiden, ob sie Pränataluntersuchungen wollen und ob sie aufgrund ihrer Ergebnisse handeln wollen. Aber sie haben keine Möglichkeit, sich der Last der Entscheidung, die die neue Technologie schafft, zu entziehen.“

Auch wer diese Technologie nicht nutzt, hat eine Entscheidung getroffen und kann die Geburt eines Kindes mit Down-Syndrom nicht länger als Sache des Zufalls betrachten: „Der prometheische Drang ist ansteckend. In der Elternschaft wie im Sport verdrängt und untergräbt er die geschenkte Dimension der menschlichen Erfahrung. Wenn leistungsfördernde Medikamente der Normalfall werden, stehen nichtoptimierte Spieler plötzlich als ,nackt' da. Wenn genetische Untersuchungen routinemäßig zu einer Schwangerschaft dazugehören, gelten Eltern, die sie meiden, als ,Blindflieger' und werden für jedweden genetischen Fehler ihres Kindes verantwortlich gemacht.“ Vor derart überdehnter Verantwortung warnt Sandel.

Vom guten Leben

Natürlich ist hier kein Weiterkommen ohne einen gehaltvollen Begriff dessen, was man philosophisch als „gutes Leben“ bezeichnet. Nicht umsonst ist Sandel, der an der Harvard University lehrt, Schüler von Charles Taylor, einem Ahnherrn der sogenannten „Kommunitaristen“, die die Fragen des guten Lebens nicht auf Gerechtigkeitsfragen beschränken, sondern mit aristotelisch inspirierten Inhalten beantworten. Was Sandel etwa den „sense of giftedness“ nennt, den er durch eugenische Praktiken untergraben sieht, spielt - wie Jürgen Habermas im Vorwort darlegt - mit dem Doppelsinn von „giftedness“: also von „Begabungen“, die wir dankbar annehmen, und von „Gegebenheiten“, die wir als unvermeidlich hinnehmen. Hier leuchtet ein Begriff von Lebensqualität auf, der die Kriterien der Weltgesundheitsbehörde erkennbar transzendiert.

Freilich kann keiner im Vorhinein wissen, ob er, wenn es darauf ankommt, selbst stark genug wäre, Sandels anspruchsvolle Sicht des „guten Lebens“ zu teilen. Dazu müsste man aus eigener Erfahrung wissen, wie es etwa ist, ein behindertes oder unheilbar krankes Kind zu haben. Aber dass Sandel uns solche Stärke zutraut, ja sie geradezu von uns fordert, statt uns redselig auf die Straße der Optimierer zu schicken - das rechnet man dem Autor hoch an.

Das krumme Holz der Menschheit

Und man klappt das Buch nicht zu, nur weil man es mit Argumenten zu tun bekommt, die „nichts Zwingendes“ haben (wie man zu sagen pflegt, wenn man nicht als „unterkomplex“ gelten will). Was aber heißt schon „zwingend“ in Fragen des guten Lebens? Zwingend ist hier gar nichts, und wer so lange warten wollte, bis ihm kein Gegenargument mehr einfällt, käme nie zu einem Urteil, nie zu einer Haltung. Wo Urteil und Haltung gefordert sind, hätte er nur tausend gute Gründe und Gegengründe anzubieten.

Diese Sorte von Lebensuntauglichkeit, die sich klug wähnt und doch nur klügelt, ist Sandels Sache nicht: „Es ist verlockend zu glauben, dass es eine Übung in Sachen Freiheit sei, unsere Kinder und uns selbst biotechnisch auf Erfolg in einer auf Wettbewerb orientierten Gesellschaft zu trimmen. Aber unsere Natur zu verändern, damit sie in die Welt passt, und nicht umgekehrt, ist in der Tat die tiefste Form der Entmachtung. Es lenkt uns davon ab, kritisch über die Welt nachzudenken, und betäubt den Drang nach sozialer und politischer Reform. Statt unsere neuen genetischen Fähigkeiten dafür einzusetzen, das krumme Holz der Menschheit zu begradigen, sollten wir tun, was wir können, um soziale und politische Verhältnisse zu schaffen, die für die Gaben und Beschränkungen unvollkommener menschlicher Wesen möglichst günstig sind.“

Unverdientes Glück der Begabung

Damit ist eine Perspektive eröffnet, die dann doch etwas Zwingendes hat: Soziale Entwürfe sind für den Aristoteliker nie unabhängig von den individuellen Entwürfen des Guten. Sandel hält den Gedanken der gesellschaftlichen Solidarität nur dann für durchsetzungsfähig, wenn er sich mit der Idee verbindet, dass Begabungen unverdiente Geschenke sind. „Warum denn schulden die Erfolgreichen den am stärksten benachteiligten Mitgliedern der Gesellschaft irgendetwas? Die natürlichen Talente, die es den Erfolgreichen gestatten, zu florieren, sind nicht ihr eigenes Werk, sondern vielmehr Glück - ein Ergebnis der genetischen Lotterie. Wenn unsere genetische Ausstattung eine Gabe ist statt eines Erfolgs, für den wir Anerkennung beanspruchen können, ist es ein Fehler und eine Einbildung zu glauben, wir hätten ein Anrecht auf das volle Maß des Gewinns, den sie in einer Marktwirtschaft erzielt. Wir haben daher eine Verpflichtung, diesen Gewinn mit denen zu teilen, denen ohne eigenes Verschulden vergleichbare Begabungen fehlen.“

Man mag solche Ansichten unter Utopieverdacht stellen. Man mag sie einäugig oder sektiererisch nennen. Muss da nicht beispielsweise zuerst der Begabungsbegriff näher geklärt werden, bevor man sagt: Alles nur Glück? Mag sein. Und doch würde ich Tunichtgute wie Michael Sandel jederzeit in meine Dachstube bitten, um etwas vom guten Leben zu erfahren. Was ich von den Besserwissern, die er angreift, nicht sagen kann.

Michael J. Sandel: „Plädoyer gegen die Perfektion“. Ethik im Zeitalter der genetischen Technik. Aus dem Amerikanischen von Rudolf Teuwsen. Mit einem Vorwort von Jürgen Habermas. Berlin University Press, Berlin 2008. 175 S., geb., 24,90 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1960, Redakteur im Feuilleton.

Jüngste Beiträge