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Oliver Hilmes: Ludwig II. : Er hat den Charakter seines Landes veredelt

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Bild: Siedler Verlag

Geriet der bayerische Märchenkönig mit dem Bau von Luftschlössern in die Katastrophe? Oliver Hilmes stellt in seiner Biographie die Lebensleistung Ludwig II. auf den Kopf.

          Was einen an der neuen Ludwig-II.-Biographie von Oliver Hilmes sogleich anspringt, ist das bunte Porträt auf dem Umschlag. Es sieht aus wie von Andy Warhol und ist doch eine kolorierte Lithographie aus dem Jahre 1870 des Kaulbach-Schülers Cajetan Schweitzer. Mit seinem neuen Buch will uns der Autor nach seinen eigenen Worten das Bild eines großzügigen, aber gescheiterten Mannes vorstellen „der in erster Linie eines war - ein unzeitgemäßer König“. Man fragt sich natürlich, ob das ein Negativum sein muss: Unzeitgemäß-sein. Ludwigs Gegenspieler, die preußischen Kaiser, waren alle sehr „zeitgemäß“, und der Krieg mit Frankreich war es auch und der Bau der neuen Flotte gegen die Engländer sowieso. Oliver Hilmes und wir alle wissen, was daraus geworden ist.

          Und dass diese neudeutschen Zeitgemäßheiten uns ein bisschen mehr kosteten als Ludwigs Plan, „Bayern zum Mittelpunkt der Schönheit zu machen“. Hilmes würdigt Ludwig durchaus als „Aktionskünstler“, der in seinen Gegenwelten Werke „mit visionärer Kraft schuf, die dem damaligen Zeitgeist voraus waren“. Er nennt ihn einen „wichtigen Förderer“, rühmt, dass der König für seine Objekte „Pläne bis ins Detail kannte“. Erwähnt wird auch Ludwigs einmalige Sozialfürsorge für die Arbeiter - „13 Jahre bevor der Reichstag Otto von Bismarcks ,Gesetz betreffend der Krankenversicherung der Arbeiter‘ verabschiedete“. Hilmes sieht es „geradezu als ein kleines Wunder, in welch kurzer Zeit das alles geschaffen wurde“. Zwischen der Grundsteinlegung für Neuschwanstein im September 1869 und der Fertigstellung des Torbaus lagen gerade einmal vier Jahre. Was aus heutiger Sicht nicht nur im Blick auf endlos unvollendete Kulturbauwerke unserer Tage wiederum völlig unzeitgemäß ist.

          Ganz Bayern, ein Kunstwerk

          Des Autors großes „Aber“: „Alle Objekte (. . .). haben eines gemeinsam: Sie waren zu Ludwigs Zeiten politisch und gesellschaftlich völlig funktionslos. Ihre einzige Aufgabe war auf die Person ihres Erbauers bezogen.“ Mag sein. Nur: Das kann man von den Pyramiden von Gizeh auch sagen. Sie sind aber das einzige Weltwunder in viertausend Jahren, das geblieben ist. Unser Autor jedenfalls handelt die Weltwunder Ludwigs unter der eher ungnädigen Überschrift „Luftschlösser“ ab, unmittelbar vor dem Schlusskapitel „Wege in die Katastrophe“.

          Wobei Hilmes die „Rentierlichkeit“ dieser Projekte im Einzelnen sogar ausführlich darstellt. Diese Einordung macht Neuschwanstein, Herrenchiemsee, Linderhof, später die Festspiele in Bayreuth und eigentlich auch schon ganz am Anfang die Rettung Richard Wagners zu Wegmarken des Scheiterns eines späteren Suizidenten. Eine solche Darstellung wird der Lebensleistung Ludwig II. nicht gerecht.

          Bei allem Verständnis für die hochnotpeinliche Betrachtung eines Ausnahme-Menschen - was er getrunken und welche Medikamente er einnahm, welchen Sex er hatte und ob überhaupt und wie es um seine Verdauung stand -, für die Annäherung an eine historische Person darf man die zentrale Frage eines jeden Lebens nicht auf den Kopf stellen: was einer taugt, was er getan hat und was davon im Schlechten oder im Guten bleibt. König Ludwig von Bayern hat sein Königtum in ein Gesamtkunstwerk verwandelt, mit sich selbst als Repräsentant und unsichtbarem Hauptdarsteller.

          Intimes aus dem Hause Wagner

          Es gibt keinen anderen deutschen Fürsten, von dem man sagen könnte, er habe den Charakter seines Landes so veredelt, dass es bis ins einundzwanzigste Jahrhundert hinein hielt. Ludwig verwirklichte gebaute und vertonte Träume, weltweit bewundert bis heute. Er ist die vorzeigbare Alternative zur fürchterlich missglückten „großen“ Politik seiner kaiserlichen Kollegen in Berlin. Das kommt bei Oliver Hilmes nicht wirklich herüber. Sein Fazit lautet: „Ein König, der die formalen Regierungsgeschäfte pünktlich erledigte, sich seinen Bediensteten gegenüber immer häufiger gehen ließ, der im realen Leben unhaltbare Zustände provozierte und sich zugleich eine kostspielige Parallelwelt erschuf.“ So hätten es die bayerischen Entmündigungsminister des Jahres 1886 auch ausdrücken können.

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