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 ·  Amit Chaudhuri rückt den west-östlichen Diwan in die Wartelounge

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Die Ferne im Osten hat eine feste Beziehung in unseren geistigen Wahlverwandtschaften, vom west-östlichen Diwan, dem Exotismus des neunzehnten Jahrhunderts, Poona, dem Wallfahrtsort westlicher Zivilisationsflüchtlinge bis hin zum Indipopsong "Mundian Tho Bac Ke", der es vor kurzem noch auf Platz zwei der deutschen Hitparade brachte. Außerdem: haben entwickelte Kulturen nicht inzwischen so viel Fremdes in sich aufgenommen, daß es bereits zu ihrer Normalität gehört? Doch der Blick in diesen naheliegenden Spiegel vermittelt eher soziale Probleme als schöne Bildung und verursacht zwischen Fremd- und Eigenbildern leicht Sehstörungen.

Dem kulturwissenschaftlich auf den Grund zu gehen haben sich namentlich postkoloniale Studien vorgenommen. Auch dabei spielt Indien eine - neue - Rolle fürs Abendland. Dies gilt allerdings, und das ist nicht minder neu, auch umgekehrt: Indische Literatur bereitet dem Westen einen eigenen ost-westlichen Diwan. Welche Vorstellungen darauf Platz finden, illustriert der Roman "Ein Sommer in Kalkutta" von Amit Chaudhuri (geboren 1964).

Der Titel scheint allerdings auf den Text hereinzufallen. Er trifft zwar die Sache, vergibt aber gerade das Thema. Im englischen Original heißt er: "A New World". Der Autor mußte wissen, worauf er sich damit einließ: Er hat in Oxford Literatur studiert. Utopisches Erzählen von Francis Bacons "Neuem Atlantis" zu Aldous Huxleys "Schöner neuer Welt" bis zu George Orwell (in Indien geboren) dürfte das Problem sein, auf das er seinen Roman projiziert. Wenn überhaupt, so könnte dieser erst dadurch interessant werden. Denn die Geschichte selbst scheint alle Ansprüche des englischen Titels zu leugnen.

So gut wie nichts geschieht. Joy, Wirtschaftswissenschaftler an einer amerikanischen Universität im mittleren Westen, verbringt mit seinem siebenjährigen Sohn Bonny die Sommerferien bei seinen Eltern in Kalkutta. Zahlreiche Nahaufnahmen führen ein Leben im Kleinformat vor: halbe Gespräche, schnell unterbrochen, wiederaufgenommen; Fragen nach Befindlichkeiten, aber nur flüchtig ausgetauscht; keine Diskussionen, als ob die lähmende Schwüle Kalkuttas über alles einen Schleier der Unerheblichkeit gebreitet hätte; Austausch von Höflichkeiten auf dem Flur des Wohnblocks; Begegnungen am Aufzug; kleine Spaziergänge im Schatten; Blicke auf Kolonialvillen; gelegentlich eine Taxifahrt; Warten beim Geldumtausch; ein Tischtennisspiel mit dem Sohn; Notizen über häusliche Versorgung, vor allem über bengalische Küche. Ein weithin ruhender Text, in die Breite erzählt, der Boden mit undramatischen Alltäglichkeiten bedeckt, im übrigen nur mäßig lokal koloriert. Einzig eine Fülle von Ausdrücken in der Landessprache sorgt für - eher beschwerliche - Exotik.

Dieses Kammerspiel eines Familienbesuchs wirkt vor allem durch seine Enthaltsamkeit. Kein hartes Wort, keine schroffe Geste wird zugelassen. Im gleichmäßig hinfließenden Text scheint der Orient Stil geworden zu sein. Darin liegt, für westliche Augen, sein Risiko: daß man das Geduldige und Verhaltene wie beim vorigen Roman Chaudhuris, "Melodie der Freiheit" (2001), geschehen, meditativ, esoterisch verrechnet oder ihm vage jene "unterirdisch zeitlose Welt der Werte und des Geistes" zugute hält, womit Hesses "Siddhartha" bis heute fasziniert.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.03.2003, Nr. 68 / Seite 36
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