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: Ohne einen Finger zu krümmen, sind wir erlöst

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In den aufgeregten Debatten über eine Wiederkehr der Religion, die ja häufig nichts anderes darstellen als einen Wandel in den Aufmerksamkeitsstrukturen von Intellektuellen und Medien, hat sich der St. Galler Soziologe Peter Gross mit einem originellen Beitrag zu Wort gemeldet. Bekannt geworden ...

          In den aufgeregten Debatten über eine Wiederkehr der Religion, die ja häufig nichts anderes darstellen als einen Wandel in den Aufmerksamkeitsstrukturen von Intellektuellen und Medien, hat sich der St. Galler Soziologe Peter Gross mit einem originellen Beitrag zu Wort gemeldet. Bekannt geworden durch zeitdiagnostische Bücher wie "Die Multioptionsgesellschaft", geht er den wichtigen Schritt, zwischen der Frage nach der Zukunft der Religionen insgesamt und der nach der Zukunft des Christentums als einer "Erlösungsreligion" zu unterscheiden.

          Nach zweitausend Jahren Christentum kann es in der Tat nicht einfach darum gehen, ob es weiterhin auch in unserem stark säkularisierten Erdteil irgendwelche religiösen Phänomene gibt, sondern ob die sehr spezifische und anspruchsvolle Erlösungsbotschaft des Christentums noch eine Zukunft hat. Mit Recht setzt er sich von Strömungen und Denkern (wie Thomas Luckmann) ab, bei denen Religiosität als ein anthropologisches Apriori und Transzendenzerfahrungen ohne Bezug zur "Erlösung" gedacht werden.

          Für Gross hat sich allerdings bei aller historischen Bedeutung des Christentums für die Kultur des Westens "die Glaubenswelt des Christentums, die Welt von Diesseits und Jenseits, von Schuld und Gnade, von Tod und Auferstehung, von ewiger Seligkeit und ewiger Verdammnis, von einem Messias und dem von ihm gebrachten Seelenheil, die christliche Heilsbotschaft also weit von der Wirklichkeits- und Selbsterfahrung des heutigen Menschen entfernt". Das Bild des Autors vom heutigen Christentum ist äußerst pessimistisch. Schlaff und stumm erscheinen ihm seine Vertreter, oberflächlich sich an den Zeitgeist anpassend, unfähig, die wirkliche Botschaft in ihren leeren Kirchen zu verkünden. Das ist natürlich eine Karikatur, die sich erst gar nicht um eine faire, empirisch begründete Analyse heutigen christlichen Gemeinde- und Verbandslebens bemüht. Aber es steckt in dieser Karikatur auch eine Herausforderung. Peter Gross hat eine quasireligiöse Botschaft, die allerdings nicht in der Wiedergewinnung der Erlösungsbotschaft des Christentums besteht.

          Vielmehr liegt seinen wort- und leider auch wiederholungsreichen Ausführungen eine einfache gedankliche Struktur zugrunde. Nachdem das Christentum jahrtausendelang den Menschen eine außerweltliche, jenseitige Befreiung vom Stachel des Leidens versprochen habe, sei es - vor allem im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert - von innerweltlichen Erlösungsversprechen abgelöst oder zur Seite gedrängt worden. Heute dagegen, da die politischen Utopien keine motivierende Kraft mehr besäßen, sei ein drittes Stadium "jenseits der Erlösung" erreicht, nämlich ein Verzicht auf die Vorstellung von der Erlösung oder "Erlösung als erlösendes Anerkennen eines Nicht-erlöst-sein-Könnens".

          Diese Botschaft wird in vielen Variationen vorgetragen. Das (angeblich beobachtete) Erlöschen des Erlösungswillens lässt sich dann als günstige Voraussetzung für eine neue "gelassene Religiosität" deuten, die weder relativistischen Skeptizismus noch transzendentalistischen Dogmatismus darstelle. In dieser Gelassenheit werde auch das alte, etwa Max Webersche Pathos heroischer Resignation überwunden zugunsten einer Bereitschaft, die Grenzen des Menschen und die Kontingenz des Lebens bereitwillig hinzunehmen.

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