02.09.2009 · Norbert Hoersters Moraltraktat bietet acht Sternstunden des philosophischen Fragens. Der große Reiz seiner kurzweiligen Einlassungen liegt vor allem in ihrer impliziten Herausforderung zum Widerspruch, ihrem Hang zur unvernünftigen Vernunft.
Von Christian GeyerKönnte man derart gut lesbare und gleichzeitig substantielle Einlassungen zur Philosophie doch öfter lesen! Norbert Hoerster, dieser rhetorisch geschliffene Altgediente unter den Rechts- und Sozialphilosophen, zeigt auch in seiner neuen Publikation „Was ist Moral?“, dass philosophischer Esprit nicht schwer verständlich ist, sondern das, womit alle zu tun haben, in Worte fasst, so dass es einem als Leser wie Schuppen von den Augen fällt.
Hoerster verspricht in der Einleitung, „leicht verständlich und unbefrachtet von Bildungswissen“ zu schreiben. Ein Versprechen, das er hält. Tatsächlich kann nur jemand derart frei von Kauderwelsch, so frisch und klar über das schwierige Parkett der Moralphilosophie führen, der mit dieser Thematik ähnlich gut vertraut ist wie Hoerster. Er hat alles im Hinterkopf - die Spezialdiskurse, Kasuistiken und innerfachlichen Schlachtlinien - und kann es sich deshalb leisten, entlastet von methodologischem Schutt eigene Linien zu ziehen, hier einen Kaiser nackt zu zeigen (Robert Spaemann lässt Federn), dort ein Klischee zu meucheln. Es gibt kein einziges langweiliges Hoerster-Buch, und auch sein jüngstes Moraltraktat stellt manches alte Problem in ein neues Licht, rüttelt an scheinbar Selbstverständlichem.
Vom Nutzen der unvernünftigen Vernunft
Wo andere das Ergebnis schon in die Frage hineinlegen, bleibt Hoerster beim Geschäft der philosophischen Frage, die sich nicht ideologisch vereinnahmen lassen möchte. Die acht vorliegenden Kapitel sind acht Sternstunden dieses philosophischen Fragens: Was bedeutet das Wort Moral? Ist die Moral den Menschen vorgegeben? Kann Religion die Moral begründen? Was leistet die goldene Regel? Kann die Moral unseren Interessen dienen? Muss die Moral alle gleich behandeln? Warum soll man nicht Trittbrett fahren? Setzt die Moral Willensfreiheit voraus?
Man wird mit vielem, was man hier liest, nicht einverstanden sein. So trägt Hoerster eine Betonrationalität vor sich her, mit der sich jedes Glas Rotwein als irrational abtun lässt. Aber Hoersters unvernünftige Vernunft, seine Angreifbarkeit bringen die Philosophie weiter als all die besorgten Warnungen, die ihm entgegengehalten werden.