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Veröffentlicht: 29.04.2010, 06:00 Uhr

Nicholas A. Christakis u.a.: „Connected!“ Um sechs Ecken herum kennen wir uns alle

Alles, was wir tun, beeinflusst die Freunde der Freunde unserer Freunde. Und was diese tun, beeinflusst uns. Nicholas Christakis und James Fowler über soziale Ansteckung.

von Manuela Lenzen
© S. Fischer

Nicht nur Lachen und Gähnen sind ansteckend, auch Glück und Unglück, Schwangerschaften, Kopf- und Rückenschmerzen, Müdigkeit, Juckreiz, Übergewicht und sogar Selbstmord. Allerdings verbreiten sich diese Infektionen nicht über Viren und Bakterien, sondern über soziale Netzwerke. Der Mediziner und Soziologe Nicholas Christakis und der Politikwissenschaftler James Fowler analysieren, wie soziale Netzwerke entstehen und funktionieren. Damit sind sie einem ebenso zentralen wie vernachlässigten Faktor für die Erklärung menschlichen Verhaltens auf der Spur. Denn der Mensch ist weder des eigenen Glückes Schmied, so die Autoren, noch ist er bloßes Objekt gesellschaftlicher Kräfte, er ist vor allem Teil sozialer Netzwerke.

Reichweite sozialer Netzwerke beträgt nur drei Ecken

Jeder Mensch kennt etwa 150 Personen, die wiederum 150 Personen kennen und so fort. Um durchschnittlich sechs Ecken sind wir so mit allen Menschen der Welt bekannt. Die Wirkung sozialer Netze verebbt allerdings hinter der dritten Ecke, haben die Autoren herausgefunden. Alles, was wir tun, beeinflusst also unsere Freunde, die Freunde unserer Freunde und die Freunde der Freunde unserer Freunde. Und was diese tun, beeinflusst uns. Das bedeutet, dass unser Verhalten auf Menschen einwirkt und von Menschen beeinflusst wird, die wir gar nicht kennen und denen wir vielleicht niemals begegnen werden. Netzwerkforscher können dies sogar messen: Ist ein Bekannter einsam, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass wir selbst einsam sind, um 52 Prozent, ist der Bekannte eines Bekannten einsam, erhöht sie sich um 25 Prozent, um drei Ecken liegt sie noch bei 15 Prozent.

Mit dem Glück verhält es sich ähnlich. Für ihre „Glücksstudie“ sammelten die Autoren Daten über die familiären und partnerschaftlichen Beziehungen und das Glücksempfinden von mehr als zwölftausend Einwohnern eines amerikanischen Ortes und rekonstruierten damit das „soziale Glücksnetzwerk“ von 1020 Personen. Sie stellten fest, dass glückliche und unglückliche Menschen nicht gleichmäßig verteilt, sondern in Gruppen vorkommen und sich die unglücklichen eher am Rand des Netzwerks befinden. Die Erklärung: Glück überträgt sich durch das soziale Netz. Ist der Freund eines Freundes glücklich, macht uns das immer noch zehn Prozent glücklicher, das Glück des Freundes des Freundes des Freundes hebt unsere Stimmung um sechs Prozent. Das Glück eines vollkommen Fremden kann damit mehr Einfluss auf uns haben als ein zusätzliches Jahreseinkommen von zehntausend Dollar, das den Autoren zufolge nur um zwei Prozent glücklicher macht.

Gefühlsansteckung und Nachahmung

Zu den wichtigsten Verbreitungsmechanismen in sozialen Netzen zählen Gefühlsansteckung und Nachahmung. „Wenn die Menschen tun können, was sie wollen, ahmen sie einander in der Regel gegenseitig nach“, zitieren die Autoren den Sozialkritiker Eric Hoffer. Dies kann extreme Formen annehmen: Am 30. Januar 1962 brachen drei Schülerinnen eines christlichen Mädcheninternats in Bukoba, Tansania, in unkontrollierte Lachanfälle aus. Mitte März musste die Schule geschlossen werden, weil fast drei Viertel der Schülerinnen ähnliche Symptome zeigten. Mit den Schülerinnen verbreiteten sich die Lachanfälle in die umliegenden Dörfer, nach einigen Monaten versickerte die Epidemie, glücklicherweise ohne Todesfälle, wie die staatliche Gesundheitsbehörde feststellte. Eine körperliche Ursache für die Lachkrankheit wurde nie gefunden. Sie gilt, wie die Tanzwut im Europa des Pestzeitalters, als „psychogene Massenerkrankung“.

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