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: Nicas Wunschkonzert

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Auch die simpelste Idee kann, beharrlich wiederholt, zu etwas Großartigem führen. Wenn das Empire State Building in New York schlicht fotografiert wird, kommt dabei in der Regel nichts weiter als ein Schnappschuss heraus. Wer aber wie Andy Warhol die Ausdauer besitzt, mit einer Kamera acht Stunden ...

          Auch die simpelste Idee kann, beharrlich wiederholt, zu etwas Großartigem führen. Wenn das Empire State Building in New York schlicht fotografiert wird, kommt dabei in der Regel nichts weiter als ein Schnappschuss heraus. Wer aber wie Andy Warhol die Ausdauer besitzt, mit einer Kamera acht Stunden lang ununterbrochen auf das Gebäude zu starren, bringt damit möglicherweise ein Monument der Cinematographie zustande. Der Komponist La Monte Young schuf aus der manischen Repetition einfacher musikalischer Gedanken einen neuen Stil. Als er 1964 begann, einen rein gestimmten, gebrochenen Akkord mehrere Stunden lang variierend zu wiederholen, wurde daraus bei der Aufführung zehn Jahre später das größte Kunstwerk der Minimal Music: "The Well-Tuned Piano".

          Baronesse Pannonica de Koenigswarter, die schillernde Eminenz im grauen Alltag amerikanischer Jazzmusiker, hatte einen ähnlich banalen Gedanken, der ins Monströse wuchs und schließlich zu einem überraschenden Dokument musikalischer Sozialgeschichte wurde. In den Jahren 1961 bis 1966 stellte sie dreihundert Jazzmusikern die einfache Frage, was ihnen einfiele, hätten sie drei Wünsche frei. Die Antworten sollten mit Fotos, aufgenommen mit einer einfachen Polaroid-Kamera von Madame de Koenigswarter selbst, in einem Buch veröffentlicht werden. Die Idee fand damals keinen Verleger, die Baronesse starb 1988 im Alter von fünfundsiebzig Jahren, und das Manuskript samt Fotos verschwand unbeachtet im Nachlass der alten Dame.

          Offenbar sind die Zeiten für spleenige Ideen heute besser geworden. Vor einem guten Jahr hat der Verlag Buchet/Chastel in Paris das Buch der Baronesse postum veröffentlicht, und Reclam brachte es jetzt in Deutsch heraus. Es wirft schon in der überaus lesenswerten Einführung ein Schlaglicht auf eine bizarre Persönlichkeit hinter den Kulissen der Musikszene, ohne die vieles in der Geschichte des modernen Jazz anders verlaufen wäre.

          Denn Pannonica de Koenigswarter, aus dem englischen Zweig der Familie Rothschild stammend, hat sich - nach einem bewegten Leben in Europa und Afrika an der Seite eines Diplomaten - in den fünfziger Jahren in New York niedergelassen und wurde nicht nur die Freundin vieler Jazzmusiker. Mit ihren Beziehungen, ihrem Einfluss und nicht zuletzt auch ihren Wohnsitzen wurde sie für viele, vor allem schwarze Musiker in künstlerischen Krisen und sozialen Extremsituationen zum Refugium und letzten Halt vor dem Ruin.

          Ihre Wohnung wurde Zufluchtsstätte Charlie Parkers kurz vor seinem Tod. Thelonious Monk verdankt Pannonica de Koenigswarter, dass er nicht wegen Drogenbesitzes ins Gefängnis kam. Durch sie erhielt er seine für Auftritte unentbehrliche Cabaret Card zurück, und in ihrer Wohnung, dem legendären "Cathouse", Heimat auch für hundertzweiundzwanzig Katzen, hat er bis zu seinem Tod neun Jahre lang an einem eigens für ihn erworbenen Steinway unbehelligt von der Öffentlichkeit arbeiten und komponieren können. Wer weiß, was aus all den wegen ihrer Rasse diskriminierten, stets am ökonomischen Abgrund existierenden Musikern, aus dem Junkie Bud Powell und dem Epileptiker Coleman Hawkins, dem lungenkranken Barry Harris, dem ungehobelten, von Selbstzweifeln geplagten Art Blakey und einer ganzen Phalanx kompromisslos avantgardistischer Jazzmusiker geworden wäre ohne Pannonica de Koenigswarter, die man in Jazzkreisen nur Nica nannte und der nicht weniger als zwei Dutzend Kompositionen gewidmet wurden.

          Es versteht sich, dass viele der wie beiläufig geschossenen Fotos keinen künstlerischen und wenig dokumentarischen Wert besitzen; es sei denn, man verbucht als überraschende Erkenntnis, dass auch Jazzmusiker Tischtennis spielen, Geburtstag feiern und in Zeitschriften blättern. Manche der Fotos geben aber auch Einblick in die brodelnde Atmosphäre intimer Jamsessions und in die Privatsphäre von Musikern, die der Öffentlichkeit sonst verborgen bleibt. Auch die Antworten auf die immergleiche Frage nach den drei Wünschen bieten vielfach nicht wirkliche Überraschungen: "Nicht für Geld spielen zu müssen, das Instrument besser beherrschen zu können, keine gesundheitlichen Probleme zu haben, dass der Jazz breitere Anerkennung erfährt . . ."

          Dann aber kommen Antworten wie die von Hank Mobley, die die Misere von Aufführungsbedingungen im Mutterland des Jazz beschreiben: "Einen Ort, an dem man spielen kann, keinen Keller! Ein Lokal mit Umkleidekabinen und keine alten Klimperkasten von Klavier, auf dem man kein vernünftiges Solo spielen kann! Und auch nicht einen Raum mit einer Akustik, dass es noch eine halbe Stunde lang nachhallt, wenn der Schlagzeuger einmal auf die Trommel schlägt." Oder wie jene von Joe Williams: "Ich wünschte, dass über Jazzmusiker, die ihre Familie ernähren, genauso viel geschrieben würde wie über jene, die entgleisen. Und es sind 95 Prozent, die ihre Familie ernähren!" Oder von Paul Bley: "Nie wieder einen Akkord hören zu müssen!" Miles Davis aber hat das Dilemma vieler Jazzmusiker in seinem zynischen Wunsch mit drei Worten auf den Punkt gebracht: "Weiß zu sein."

          WOLFGANG SANDNER

          Pannonica de Koenigswarter: "Die Jazzmusiker und ihre drei Wünsche". Fotografiert und notiert von Baronesse Pannonica de Koenigswarter. Aus dem Französischen von Michael Müller. Reclam Verlag, Stuttgart 2007. 320 S., 200 Abb., geb., 34,90 [Euro].

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