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Neun Zähne kostete mich dieses Buch

"Die Offene Gesellschaft und ihre Feinde" Poppers wurde ein Klassiker schon zu Lebzeiten des Verfassers: Das Buch gilt als eine der prägnantesten Abrechungen mit dem Totalitarismus und den politischen Utopien und damit als letztes Wort der Demokratie. Es entstand im Schatten des Zweiten Weltkriegs ...

"Die Offene Gesellschaft und ihre Feinde" Poppers wurde ein Klassiker schon zu Lebzeiten des Verfassers: Das Buch gilt als eine der prägnantesten Abrechungen mit dem Totalitarismus und den politischen Utopien und damit als letztes Wort der Demokratie. Es entstand im Schatten des Zweiten Weltkriegs in Christchurch, Neuseeland, wo der Emigrant Popper seit 1937 eine Dozentur für Philosophie innehatte, und erschien 1945 in London. 1957 folgte die deutsche Ausgabe, angefertigt von Poppers Schüler und späterem Kritiker Paul Feyerabend. Die Temperamentsverwandtschaft des Übersetzers mit seinem früheren Mentor hat wohl dazu beigetragen, dem deutschen Leser eine Vorstellung von der Heftigkeit des Originals zu vermitteln. Die deutsche Ausgabe ist Immanuel Kant gewidmet, dem zu Ehren als Vorspann auch noch eine Gedächtnisrede beigegeben wurde, in welcher Popper Kants aufklärerische Position fast überdeutlich hervorhebt.

Wenn hier auf ein so bekanntes Werk hingewiesen wird, das Bertrand Russell zu seinen Rezensenten und Helmut Schmidt zu seinen bekennenden Lesern zählt, so deshalb, weil die Neuausgabe dieses Klassikers, welche Poppers Hausverlag Mohr Siebeck im Rahmen einer auf fünfzehn Bände projektierten Ausgabe der Gesammelten Werke herausgebracht hat, eine Beigabe enthält, die für alte wie für neue Leser gleichermaßen aufschlußreich ist (Karl R. Popper, "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde". Band I: Der Zauber Platons. Gesammelte Werke, Band 5. Band II: Falsche Propheten: Hegel, Marx und die Folgen. Gesammelte Werke, Band 6. Achte Auflage, hrsg. von Hubert Kiesewetter. Verlag Mohr Siebeck, Tübingen 2003. 450 und 550 S., br., jeder Band 29,- [Euro]).

Die neue Ausgabe, die keine historisch-kritische, jedoch eine bibliographisch einwandfreie und verbesserte sein soll, versehen mit zusätzlichen Registern und Seitenkonkordanzen sowie einem durchdachten Verweisungssystem, bietet als wichtige Ergänzung ein Nachwort des Herausgebers Hubert Kiesewetter. Er glaubt, daß die Entstehungsgeschichte des Buches, wie sie sich aus dem Briefwechsel Poppers zwischen 1937 und 1945 erschließen läßt, manche Überraschungen enthält, von denen nur wenige Menschen Kenntnis hatten. Weder in den bisherigen Biographien Poppers noch in dessen Autobiographie war zu erfahren, unter welchen Entbehrungen und Mühen, mit welchem Rigorismus das später so weit verbreitete Werk zustande kam.

Der Herausgeber zitiert ausführlich aus bislang unveröffentlichten Dokumenten und Briefwechseln - so aus Korrespondenzen des Ehepaars Popper mit Ernst Gombrich und dessen Frau, mit Friedrich August von Hayek und den in Amerika lebenden alten Wiener Freunden. "Den Rest des Jahres", meldete Hennie Popper 1943 an das Ehepaar Gombrich, "leben wir hauptsächlich von einer Karotten- und Reis-Nahrung, da wir es seit langem aufgegeben haben, sogenannten ,Komfort' zu genießen." Popper selbst schrieb im gleichen Jahr an Fritz Hellin: "Ich habe so viel für Telegramme ausgegeben, daß wir unsere Schulden nicht mehr bezahlen können. Ich wage es nicht, in der Universitätskantine zu essen, und wir wagen es nicht, ein Feuer anzumachen." Gesundheitliche Probleme kamen hinzu. "Ich habe", so Popper im März 1944 in einem Brief an Alfred Braunthal, "in Upton Sinclairs Biographie gelesen, daß jedes Buch, das er geschrieben hat, ihn einen Zahn kostete, weil sich wegen Überarbeitung ein Abszeß entwickelte. Dieses Buch hat mich neun Abszesse und neun Zähne gekostet; alle während der letzten Monate." 

Als Popper meldete, wieviel Medikamente er jeden Tag nahm, fragte Gombrich zurück: "Ich bin sicher, Du arbeitest zu viel und schläfst zu wenig (ich mache es gerade umgekehrt). Aber zuerst möchte ich von Dir wissen, ob Deine Methode, Deine Beschwerden zu behandeln, weise ist und einem kritischen Rationalisten angemessen?" Schließlich berichtet Kiesewetter von der mehrjährigen Suche nach einem geeigneten Verlag; zuerst erfolglos in den Vereinigten Staaten und dann mit Erfolg in England. Denn nicht zuletzt Poppers Invektiven gegen anerkannte Größen wie Platon, Hegel und den damals noch umschwärmten Marx hatten eine Reihe von Verlegern von einer Publikation Abstand nehmen lassen.

Tief verstört vom Anschluß seiner österreichischen Heimat an das Reich, ging Popper sofort daran, seinen Kriegsbeitrag zu leisten, indem er seine erkenntnistheoretischen und methodologischen Überlegungen auf das Feld der politischen Theorie und Praxis anzuwenden begann. Die Stärke des politischen Schocks könne, so Kiesewetter, die "unglaubliche Arbeitsintensität Karl Poppers bei der Abfassung des Manuskripts erklären, die ihn an den Rand des körperlichen und psychischen Zusammenbruchs führte". Mußten er und seine Frau Hennie im europafernen Neuseeland - "auf halbem Weg zum Mond" - doch miterleben, wie nun fast alles zerstört wurde, was ihnen lieb und teuer war.

Auch hier also gilt der Satz, daß Bücher ihre Schicksale haben. Um so mehr, wenn man neben der Wirkung des Buches für seinen Verfasser - es begründete dessen weltweites Ansehen - auch die Bedeutung für die westlichen Demokratien in Betracht zieht: es zeichnete einen schneidend deutlichen Gegenentwurf zur Suggestionskraft politischer Heilslehren. Angesichts dieses Umstandes ist es bedauerlich und kaum verständlich, daß am Ende des zweiten Bandes der Neuausgabe das Nachwort abermals abgedruckt wurde, welches man schon aus dem ersten Band kennt. Statt dieser Doublette hätte man etwa die kontroverse und lebhafte Rezeptionsgeschichte des Werkes darstellen und kommentieren können.

THOMAS STÖLZEL

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.10.2003, Nr. 243 / Seite 38

 
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