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Neues über Pataphysik : Nutzlose Bücher, die wirklich zählen

Bild: MIT Press

Schon einige Zeit ist es her, dass das letzte deutsche Buch über das „Collège de Pataphysique“ erschien. Nun hat der Amerikaner Andrew Hugill eine exzellente Darstellung vorgelegt.

          Mit der Pataphysik ist es wie mit jeder Wissenschaft. Man kann sich zwar mit provisorischen Bestimmungen ihrer Gegenstände und Verfahren behelfen, lernt sie aber doch erst bei näherem Umgang kennen. Obwohl es an knappen Bestimmungen gar nicht mangelt. Jene, die man wohl am öftesten zitiert findet, lautet: Sie ist die Wissenschaft der imaginären Lösungen imaginärer Probleme. Eine andere verfährt implizit: Pataphysik verhält sich zur Metaphysik wie die Letztere zur Physik. Aber da kann man sich auch gleich an die knappe Feststellung halten, die der erste Vize-Kurator des Collège de Pataphysique, Seine Magnifizenz Irénée-Louis Sandomir 1948 in seiner Gründungsansprache vor dieser pataphysischen Körperschaft traf: „Pataphysik ist die Wissenschaft.“

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          Das gibt den richtigen Vorgeschmack von der durch keine Definition zu bändigenden Fülle, die in der Pataphysik steckt. Mehr oder minder klar folgt daraus, dass jede Tätigkeit, also auch jede der bekannten Wissenschaften, im Grunde pataphysisch ist. Mit anderen Worten: Wir alle sind unbewusste Pataphysiker - bis auf jene, die sich ganz bewusst dem Lob der Pataphysik verschreiben und zu Mitgliedern der internationalen pataphyischen Körperschaft werden, die ihren Ausgang vom Pariser Collège nahm.

          Keine halben Sachen

          Obwohl es auf das Collège natürlich nicht ankommen konnte, um der Pataphysik zur Existenz zu verhelfen. In den erhellenden Worten des ersten Vize-Kurators: „Ontologisch, wenn denn ein derart vulgäres Adverb gebraucht werden soll, geht Pataphysik der Existenz voraus. Das ist a priori evident, denn die Existenz hat keine besseren Räson zu existieren als die Räson selbst. Aber auch a posteriori, denn es ist gleichermaßen offensichtlich, dass die Manifestationen der Existenz irregulär und ihre Notwendigkeit zufällig sind. Im unendlichen Glitzern des pataphysischen Lichts ist Existenz ein bloßer Lichtstrahl und keinesfalls der am hellsten leuchtende . . . „

          Woraus schon hervorgeht, dass die Physiker mit ihren neuerdings sehr in Mode gekommenen vielen Welten bloß halbe Sachen machen. Angesichts ihrer mit verbohrtem Ernst betriebenen Zerlegung des einen pataphysischen Lichts kann das auch gar nicht Wunder nehmen. Ernsthaftigkeit aber, das ist eine andere pataphysische Einsicht, lohnt nur bei der Verfolgung des Nichternsthaften. Weshalb die Pataphysik nicht ernst zu nehmen, das aber auf halbwegs ernsthafte Weise zu tun ein guter Beginn ist.

          Und warum wir überhaupt an die Pataphysik erinnern, obwohl sie das doch gar nicht nötig hat? Weil das letzte deutsche Buch über sie, verfasst von Klaus Ferentschik, seines Zeichens Regent des Collége, nun doch schon einige Jahre zurückliegt. Jetzt aber hat ein anderes Mitglied der pataphysischen Körperschaft im Ehrenrang eines Commandeur Requis de l’Ordre de la Grande Gidouillle eine ganz wunderbare Hinführung zur Pataphysik vorgelegt, die hoffentlich bald übersetzt wird und den einzig wirklich erlaubten Untertitel eines solchen modernen Führers für die Unschlüssigen trägt: Andrew Hugills „Pataphysics. A Useless Guide“.  Was gäben wir darum, bei der Präsentation vor dem Pariser Collège dabei zu sein!

          Andrew Hugill: „Pataphysics“. A Useless Guide. The MIT Press, Cambridge, Mass./London 2012. 275 S., geb., 19,90 €.

          Quelle: F.A.Z.

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