http://www.faz.net/-gr3-8mp87

Judith Butlers neues Buch : Hier ist theoretischer Jargon Programm

Was passiert, wenn Menschen sich versammeln? Hier zu sehen auf dem Tahrir-Platz in Kairo. Bild: Reuters

Judith Butler zerbricht sich den Kopf über öffentliche Versammlungen und entdeckt eine „Verkörpertheit des Volkes“. Gibt es irgendjemanden, der das versteht?

          Wer den Titel liest, wird sich hinsichtlich des zu erwartenden Inhalts keinen Illusionen hingeben: „Anmerkungen zu einer performativen Theorie der Versammlung“ verspricht das neue Buch von Judith Butler. Dass sich über das politische Phänomen der Versammlung auch Theoretisches sagen lässt, mag einleuchten, warum diese Theorie aber „performativ“ ist, bleibt den theoretisch nicht Eingeweihten erst einmal unverständlich. Wer das Buch trotzdem öffnet, tut es wahrscheinlich, weil Judith Butler keine Unbekannte ist: Seit ihrer Analyse über „Das Unbehagen der Geschlechter“ gehört sie zu den renommiertesten Autorinnen einer feministischen Theorie des Poststrukturalismus. Und das bedeutet zunächst vor allem: Die komplizierte Sprache ist Programm. „Performativ“ ist Butlers Theorie durch die Verknüpfung von Sprache, Handlung und Ereignis. „Eine Äußerung bringt das, was sie beinhaltet, hervor“, erklärt Butler: „Es ist kein Zufall, dass die erste performative Äußerung im Allgemeinen Gott zugeschrieben wird. Er sagt: ,Es werde Licht‘, und schon ist Licht da.“

          Sprache beschreibt aus dieser Perspektive also nicht nur die Welt, sondern sie bringt sie hervor. Unsere Benennungen sind wiederum mit Normen verknüpft, die uns laut Butler von Kindesbeinen eingeimpft werden und uns geradezu produzieren. Die Normen formten „die gelebten Arten der Verkörperung, die wir uns im Laufe der Zeit aneignen“, sprich: Wir nennen jemanden „weiblich“ oder „männlich“, und schon ist er oder sie es auch – zumindest in der Welt, die wir auf Grundlage dieser Benennungen geschaffen haben. Geschlechtszuweisungen solcher Art nennt Butler „Gender-Performativität“. Der performative Akt ist folglich immer auch mit Identität verknüpft – und das alles, so ist in dieser Theorieschule nicht erst seit Butler zu lernen, resultiert aus unserer Konstruktion der Wirklichkeit, weshalb es zu unserer wichtigsten Aufgabe gehört, die Welt mit all ihren Erscheinungen zu dekonstruieren.

          Kritik an vorhandenen Machtstrukturen

          So weit in Andeutungen der theoretische Vorbau des Buches. Für jeden, der weder zu den Mitstreitern Butlers gehört noch die theoretischen Überhöhungen des Poststrukturalismus liebt, ist die Lektüre eine Zumutung. Doch das allein ist noch kein Argument gegen das Buch. Die Frage lautet: Was lernen wir aus ihm über das Wesen von Versammlungen?

          Seit dem Arabischen Frühling und „dem Auftauchen großer Menschenmengen auf dem Tahrir-Platz“, erklärt Butler, sei „das Interesse an der Form und Wirkung öffentlicher Versammlungen wiedererwacht“. Sie konstatiert ein „Missverhältnis zwischen der politischen Form der Demokratie und dem Prinzip der Volkssouveränität“ und erkennt in unvorhersehbaren Versammlungen ein politisches Potential. Ihrem gesellschaftskritischen Anspruch bleibt Butler dabei treu: „Es kann keinen Eintritt in die Erscheinungssphäre ohne eine Kritik an den differenziellen Machtstrukturen geben, die diese Sphäre konstituieren, und ohne eine kritische Allianz, in der sich die Unberücksichtigten, die Untauglichen – die Gefährdeten – verbünden, um neue Erscheinungsformen zu etablieren, die jene Machtstrukturen zu überwinden versuchen.“ Die tägliche Erfahrung „des Neoliberalismus“ hinterlasse bei riesigen Bevölkerungsgruppen, die im Zustand der „Prekarität“ verharrten, „das Gefühl eines beschädigten Lebens“.

          Weitere Themen

          Eine Bühne, 5 Präsidenten Video-Seite öffnen

          Vereinigte Staaten : Eine Bühne, 5 Präsidenten

          Barack Obama, George W. Bush, dessen Vater George, Bill Clinton und Jimmy Carter waren in College Station in Texas zusammengekommen, um gemeinsam mit Künstlern Geld zu sammeln. Damit soll den Opfern geholfen werden, die durch die verheerenden Stürme der letzten Monate geschädigt wurden, 31 Millionen US-Dollar kamen zusammen.

          Motiv von Messerangreifer bleibt unklar Video-Seite öffnen

          München : Motiv von Messerangreifer bleibt unklar

          Was den 33-jährigen Messerangreifer dazu bewogen hat, in München wahllos Passanten zu attackieren, ist derzeit nicht bekannt. Der mutmaßliche Einzeltäter sei bereits früher polizeilich in Erscheinung getreten. Die Polizei teilte mit, es bestehe keine Gefahr mehr für die Bevölkerung.

          Topmeldungen

          Martin Schulz (rechts) mit dem designierten SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil

          Martin Schulz unter Druck : Vorsitzender auf Abruf

          Die SPD akzeptiert die Personalpolitik ihres Vorsitzenden nur mit Zähneknirschen. Für Martin Schulz wird der Weg bis zum Bundesparteitag im Dezember steinig.

          Bundestagsvizepräsident : Der Problem-Kandidat

          Wenn der Bundestag an diesem Dienstag seine Vizepräsidenten wählt, könnte es zum Eklat kommen. Dass der AfD-Kandidat Albrecht Glaser scheitert, gilt als sicher – aber was geschieht dann?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.