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Judith Butlers neues Buch : Hier ist theoretischer Jargon Programm

Was passiert, wenn Menschen sich versammeln? Hier zu sehen auf dem Tahrir-Platz in Kairo. Bild: Reuters

Judith Butler zerbricht sich den Kopf über öffentliche Versammlungen und entdeckt eine „Verkörpertheit des Volkes“. Gibt es irgendjemanden, der das versteht?

          Wer den Titel liest, wird sich hinsichtlich des zu erwartenden Inhalts keinen Illusionen hingeben: „Anmerkungen zu einer performativen Theorie der Versammlung“ verspricht das neue Buch von Judith Butler. Dass sich über das politische Phänomen der Versammlung auch Theoretisches sagen lässt, mag einleuchten, warum diese Theorie aber „performativ“ ist, bleibt den theoretisch nicht Eingeweihten erst einmal unverständlich. Wer das Buch trotzdem öffnet, tut es wahrscheinlich, weil Judith Butler keine Unbekannte ist: Seit ihrer Analyse über „Das Unbehagen der Geschlechter“ gehört sie zu den renommiertesten Autorinnen einer feministischen Theorie des Poststrukturalismus. Und das bedeutet zunächst vor allem: Die komplizierte Sprache ist Programm. „Performativ“ ist Butlers Theorie durch die Verknüpfung von Sprache, Handlung und Ereignis. „Eine Äußerung bringt das, was sie beinhaltet, hervor“, erklärt Butler: „Es ist kein Zufall, dass die erste performative Äußerung im Allgemeinen Gott zugeschrieben wird. Er sagt: ,Es werde Licht‘, und schon ist Licht da.“

          Sprache beschreibt aus dieser Perspektive also nicht nur die Welt, sondern sie bringt sie hervor. Unsere Benennungen sind wiederum mit Normen verknüpft, die uns laut Butler von Kindesbeinen eingeimpft werden und uns geradezu produzieren. Die Normen formten „die gelebten Arten der Verkörperung, die wir uns im Laufe der Zeit aneignen“, sprich: Wir nennen jemanden „weiblich“ oder „männlich“, und schon ist er oder sie es auch – zumindest in der Welt, die wir auf Grundlage dieser Benennungen geschaffen haben. Geschlechtszuweisungen solcher Art nennt Butler „Gender-Performativität“. Der performative Akt ist folglich immer auch mit Identität verknüpft – und das alles, so ist in dieser Theorieschule nicht erst seit Butler zu lernen, resultiert aus unserer Konstruktion der Wirklichkeit, weshalb es zu unserer wichtigsten Aufgabe gehört, die Welt mit all ihren Erscheinungen zu dekonstruieren.

          Kritik an vorhandenen Machtstrukturen

          So weit in Andeutungen der theoretische Vorbau des Buches. Für jeden, der weder zu den Mitstreitern Butlers gehört noch die theoretischen Überhöhungen des Poststrukturalismus liebt, ist die Lektüre eine Zumutung. Doch das allein ist noch kein Argument gegen das Buch. Die Frage lautet: Was lernen wir aus ihm über das Wesen von Versammlungen?

          Seit dem Arabischen Frühling und „dem Auftauchen großer Menschenmengen auf dem Tahrir-Platz“, erklärt Butler, sei „das Interesse an der Form und Wirkung öffentlicher Versammlungen wiedererwacht“. Sie konstatiert ein „Missverhältnis zwischen der politischen Form der Demokratie und dem Prinzip der Volkssouveränität“ und erkennt in unvorhersehbaren Versammlungen ein politisches Potential. Ihrem gesellschaftskritischen Anspruch bleibt Butler dabei treu: „Es kann keinen Eintritt in die Erscheinungssphäre ohne eine Kritik an den differenziellen Machtstrukturen geben, die diese Sphäre konstituieren, und ohne eine kritische Allianz, in der sich die Unberücksichtigten, die Untauglichen – die Gefährdeten – verbünden, um neue Erscheinungsformen zu etablieren, die jene Machtstrukturen zu überwinden versuchen.“ Die tägliche Erfahrung „des Neoliberalismus“ hinterlasse bei riesigen Bevölkerungsgruppen, die im Zustand der „Prekarität“ verharrten, „das Gefühl eines beschädigten Lebens“.

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