http://www.faz.net/-gr3-7nwyg

Neues Buch „Der NSA Komplex“ : So kann es nicht weitergehen

  • -Aktualisiert am

Die Wahrnehmung des NSA-Skandals verläuft zyklisch - zwischen massiver Erregung und Latenzphasen. Bild: dpa

Was kommt noch heraus? Holger Starks und Marcel Rosenbachs Buch „Der NSA Komplex“ enthüllt die ganze Dimension des Skandals.

          Im April vergangenen Jahres war der Generalsekretär der Vereinten Nationen zu Gast im Weißen Haus. Ban Ki Moon gilt ja als ein moderater bis langweiliger Chefdiplomat, von dem bislang wenig im Gedächtnis geblieben ist. Auf der Tagesordnung stand eine allgemeine Tour d’Horizon der Fragen, die damals täglich in der Zeitung standen, vom Krieg in Syrien bis zum Klimawandel, der ganze Termin atmete den Geist harmloser Routine. Für Barack Obama muss die Begegnung dennoch bemerkenswert gewesen sein, bemerkenswert langweilig. Denn seine Dienste hatten ihm, wie sie später in einer hochgeheimen, internen Auswertung jubilierten, den Sprechzettel des Generalsekretärs schon vorab besorgt.

          Der NSA war es gelungen, auch die geheimsten Kommunikationswege der Vereinten Nationen zu entschlüsseln. Der Spion, der diesen Vollzug in einem Bericht meldete, fügte auch die modische Gefühlsbezeugung „Yay!“ ein, als gelte, es, Punkte zu machen in einem globalen Brettspiel. Während der Arbeit an der Ausforschung der Vereinten Nationen bemerkten die NSA-Teams allerdings auch die Präsenz des chinesischen Geheimdienstes. Die Kollegen versuchten ebenfalls, die verschlüsselten Kommunikationswege der Vereinten Nationen auszuspionieren, und das kam der NSA ganz gelegen. Sie zapften einfach die chinesischen Agenten an, so bekamen sie alle gewünschten Daten und noch einige mehr.

          Die Erkenntnisse, die Edward Snowden während seiner Tätigkeit für eine Zuarbeiterfirma der NSA gewonnen hat, halten uns seit über einem Jahr in Atem. Doch das Verfahren der portionsweisen Veröffentlichung über den „Guardian“, die ihr Echo dann in fast allen anderen Medien der Welt fand, führt zu einer serialisierten Wahrnehmung mit kurzen dramatischen Spitzen der Erregung, denen dann wieder Latenzphasen folgten. In diese fielen dann mehr oder weniger symbolische Beschwichtigungsversuche der politisch Handelnden, bis zur nächsten Enthüllung.

          Heldenhafter Verrat

          Darum ist dieses Buch so wichtig: Die Lektüre der Erkenntnisse im geballten Zusammenhang überwindet die alltägliche Abwehr, mit der wir die Nachrichten filtern, und eröffnet dem Leser unabweisbar die ganze Dimension des widerrechtlichen und fortschreitenden Machtmissbrauchs durch amerikanische Institutionen. Und weil die Programme immer in Anwendungen und Fallgeschichten dargestellt werden – zum Teil handelt es sich ja um stolze Darstellungen der Leistungskraft der NSA für den internen Gebrauch –, liest sich das Buch wie der Roman zum Kriminalfall des Jahrhunderts.

          Edward Snowden war, dies machen die Autoren deutlich, kein x-beliebiger oder gar wegen mangelnder Karrierechancen frustrierter kleiner Angestellter, sondern wurde vielmehr früh aufgrund seiner außergewöhnlichen Fähigkeiten bemerkt und gefördert. Kollegen beschreiben ihn als besonders begabten Mitarbeiter, der in jedem Team als der Beste galt. Er erfasste daher, statt sich an der Bewältigung einzelner Operationen zu erfreuen, nach und nach das gesamte Ausmaß der Programme und kam zu einem unabweisbaren rechtlichen und moralischen Urteil.

          „Der NSA-Komplex“ - erschien am 31.3.14 im Random House-Verlag.

          Und es ist ihm gelungen, ein Set von Dokumenten mitzunehmen, die die internen Auswerter der NSA ganz offen als „die Schlüssel zu unserem Königreich“ bezeichnen. Ohne Snowdens heldenhaften Verrat hätten selbst Profis nicht für möglich gehalten, in welchem Umfang, mit welcher Ruchlosigkeit und welcher kriminellen Energie spioniert wird. Die Autoren machen ohne Sensationslust klar, dass es sich hier um eine planmäßige, mit schier unendlichen Mitteln und großem politischem Willen betriebene Subversion des Rechtsstaats handelt.

          Recht und Gesetz existiert nur in einer begrenzten Sphäre

          Nahezu die gesamte digitale Kommunikation wird früher oder später zu einem Instrument der amerikanischen Dienste, deren Mission keine Grenzen kennt. Die oft zitierte Terrorabwehr, das Trauma des 11.Septembers 2001, sind nur die massentauglichen Verkaufsargumente, die die Öffentlichkeit ruhigstellen sollen, bis endgültig alles verwanzt, verdrahtet und jedes Quentchen Vertrauen und Vertraulichkeit ausgehöhlt ist.

          Wir würden ohne Snowdens Dokumente nicht glauben, dass Recht und Gesetz nur in einer begrenzten Sphäre gelten, die wir bisher für das ganze Universum hielten. Doch darüber und darunter sind ganz andere, ziemlich effektive Kräfte am Werk, und es scheint nicht so, als reichte der Einfluss einer Bundesregierung dorthin. Ohne Furcht und ohne jeden Respekt wurde nicht allein das Telefon der Kanzlerin abgehört.

          Im Buch dargestellte Indizien legen auch den Schluss nahe, dass so ziemlich jede wichtige Figur aus Politik und Wirtschaft hierzulande, bis hin zu Mittelständlern der IT- Branche, zu einer ahnungslosen Quelle sammelwütiger Dienste geworden ist. Dabei werden zunächst einzelne Mitarbeiter ins Visier genommen, etwa über manipulierte Homepages beliebter Anbieter wie LinkedIn, dann deren engste Kollegen, schließlich deren Familien, der Freundes- und Bekanntenkreis, bis man so ziemlich alle Kontakte, Kommunikationen und Bewegungen beieinanderhat.

          Komplex aus Geheimdiensten, Unternehmen und Politik

          Es scheint nicht vorzukommen, dass die NSA und ihre befreundeten Organisationen auch mal ablehnen, irgendetwas auszuforschen. Was gemacht werden kann, wird gemacht. Und das Ziel ist klar: Zugriff auf alle digitalen Endgeräte, jederzeit. In einem wie von Jorge Luis Borges imaginierten allumfassenden Sammelwahn soll eine geheime digitale Parallelwelt errichtet werden, in der alle verfügbaren Informationen im Interesse der jeweiligen Auftraggeber so lange bearbeitet werden können, bis das Gewünschte herauskommt. Das Datensammeln, das wird jedem Leser klar, dient keiner guten Sache, es ist durch kein Gesetz gerechtfertigt, sondern Selbstzweck eines sich selbst autorisierenden, von der eigenen Überlegenheit berauschten Komplexes aus Geheimdiensten, zuarbeitenden Unternehmen und der politischen Führung in den Vereinigten Staaten.

          Snowden hat mit seinem persönlichen Mut in idealistischer Absicht die höchsten Orden verdient – wofür haben wir solche Auszeichnungen denn sonst? Ohne seine Aktion würden wir weiter in jenen Illusionen leben, die die Dienste so sorgsam für uns inszenieren, so wie jene treudoofen Nutzer der auf den großen Gipfeln der Politik errichteten Internetcafés, in denen man kostenlos mailen und surfen konnte, während kleine Programme jede Tasteneingabe unmittelbar an die Sammler von der NSA und ihre britischen Kollegen weitergaben. Dieses Buch zerstört solche Illusionen und lässt einem das Blut in den Adern gefrieren. Und es wird klar, dass es so nicht weitergehen kann.

          Weitere Themen

          „Alexa, hau ab!“

          Gegenwind für Amazon und Co : „Alexa, hau ab!“

          Amazon, Google, Facebook & Co verdienen Milliarden, gehören zu den wertvollsten Konzernen der Welt und ziehen rund um den Globus Toptalente an. Doch etwas hat sich geändert.

          Topmeldungen

          Friedrich Merz, Annegret Kramp-Karrenbauer und Jens Spahn (v.l.n.r.), hier auf einer Veranstaltung in Idar-Oberstein, wollen Angela Merkel an der Parteispitze beerben.

          Zweite CDU-Regionalkonferenz : „Eine unbezahlbare Marketingshow“

          „Wir brauchen euch drei gemeinsam“, meint Julia Klöckner bei der zweiten Regionalkonferenz im Kampf um den CDU-Vorsitz. Doch die Kandidaten versuchen, sich von den Konkurrenten abzusetzen – zum Beispiel beim Migrationspakt. Mit Erfolg?

          Saudi-Arabien : Ein Kronprinz in der Defensive

          Meist geht die Welt nach der Tötung eines Regimekritikers schnell zur Tagesordnung über. Im Fall Khashoggi ist das anders – und das liegt vor allem an Muhammad Bin Salman. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.