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: Neue Reisebücher

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Für den Tisch Es könnten Baumodelle für ein Paradies sein. Mitten in der Sinai-Wüste und gleich am Strand ragen Skelette aus Stahl und Beton in den wolkenlosen Himmel. Ein wenig schutzlos sehen die Gehülse auf den Fotos aus, gerade so, als hätten sie heute aus Versehen vergessen, ihre bunten Gewänder anzuziehen.

          Für den Tisch Es könnten Baumodelle für ein Paradies sein. Mitten in der Sinai-Wüste und gleich am Strand ragen Skelette aus Stahl und Beton in den wolkenlosen Himmel. Ein wenig schutzlos sehen die Gehülse auf den Fotos aus, gerade so, als hätten sie heute aus Versehen vergessen, ihre bunten Gewänder anzuziehen. Ein bißchen Putz, ein paar Palmen, Bewässerungsanlagen - und sonnenhungrige Menschen würden daraus schnell eine Massentourismus-Oase schaffen.

          Das war ursprünglich gedacht, doch als Investitionen und Touristen nicht wie geplant in die Region strömten, stoppten viele Hotelprojekte im Sinai. Ein Gewinn ist das vor allem, weil die beiden Fotografinnen Sabine Haubitz und Stefanie Zoche sonst nie ihren melancholischen Nachruf auf die Moderne hätten fotografieren können: In ihren Bildern sehen die Betongerippe schon jetzt aus, als seien sie gebaut worden, damit die Menschen in der Zukunft architektonische Überreste unserer Zeit bestaunen können. Dabei erzählen sie gleichzeitig die Geschichten von den Traumwelten, die der Tourismus hier massenhaft konstruieren wollte.

          Natürlich sind die Skelette Zweckbauten, und ihr Charakter ist entsprechend geradlinig. Und doch haben die Bettenburgenbauherren versucht, ihnen ein paar Schnörkel zu geben. Einen lokalen Architekturstil gibt es in der Region nicht, da dort lange Zeit nur Beduinen lebten. Also bedienten sich die Planer großzügig aus sämtlichen Sehnsuchtsregistern, die das gesamte Weltall zu bieten hat.

          Lebensgroße Modelle für Raumschiffe, Pagoden und Festungen sind so auf der ägyptischen Halbinsel angekommen. Die aneinandergereihten touristischen Traumwelten verkümmerten dort allerdings, noch ehe sie lebendig waren. Nur ein paar Straßenlaternen und die klangvollen Namen - wie "Sultan's Palace", "Sindbad" oder "Magical Life Imperial" - berichten von dem Glanz, den die Investoren hier ursprünglich werfen wollten.

          Wo von Menschenhand kein Zauber entstand, inszeniert nun die Wüste eine um so stärkere Ästhetik. Die beiden Fotografinnen haben festgehalten, wie die Achsen der Betonbauten das ockerfarbene Nichts ihrer Umgebung brechen. Nur die Fahrspuren im Sand und einsame Laternen zeugen davon, daß dies nicht nur eine moderne Kunstinstallation oder ein Architekturlabor ist.

          Jenseits der kunstvollen Bauruinen gibt es auf der Sinai-Halbinsel natürlich solche Hotelwelten, wie sie die gescheiterten Bauherren geplant hatten. Doch wie der Text zu den Fotos analysiert, braucht es vielleicht gerade an solchen Orten die "Melancholie der verlorenen Moderne". Die vom Paradies übersättigten Touristen können dann wenigstens Beweisfotos machen, daß sie nicht nur in einem künstlichen Paradies verweilt haben.

          kaka.

          Haubitz und Zoche: "Sinai Hotels". Fotohof edition, 96 Seiten, 29 Euro

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