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Lektüre für den Valentinstag : Hat der Evangelist Matthäus etwa Ovid gelesen?

Wandmalerei aus der Casa del Centenario in Pompeji. Bild: Prisma Bildagentur

Ist das die rechte Lektüre für den Valentinstag? Die neue Ausgabe der berühmten „Liebeskunst“ des römischen Dichters erfreut das Auge – bis man sie aufschlägt.

          „Wer, der gescheit ist, mischt zu schmeichelnden Worten nicht Küsse? / Gibt sie dir keine, so nimm, was sie dir selber nicht gibt./Möglich, sie wehrt sich zuerst und wird dich unverschämt nennen./Während sie abwehrt, wünscht sie selber, sie werde besiegt.“ Der zeitgenössische Leser, erst recht die Leserin, hat den Schock noch nicht verdaut, da kommt es ein paar Zeilen weiter noch schlimmer: „Nenn es Gewalt, wenn du willst. Solche ist Mädchen willkommen./Was sie ergötzt, dazu wollen gezwungen sie sein./Sie, die durch plötzlichen Raub gewaltsam zur Liebe genötigt,/Freut sich doch, ein Geschenk ist die verwegene Tat.“

          Ulf von Rauchhaupt

          verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wer über den Autor sonst nichts weiß, wird ihn – das ist das mindeste – für einen üblen Macho halten, wenn nicht für einen Vergewaltiger. Doch stammen diese Verse aus dem ersten Buch der „Ars amatoria“, zu Deutsch „Liebeskunst“, des Römers Publius Ovidius Naso (43 vor Christus bis etwa 18 nach Christus), eines der am meisten gelesenen und gefeierten Dichter des Abendlandes. Seine Werke, auch die drei Bücher der „Ars“, sind bis heute Schullektüre, denn die Sprache Ovids ist einmalig: klar, oft heiter und gerade im Falle der „Ars“ voller lebendiger Details aus dem Alltag im Rom zur Zeit des Kaiser Augustus.

          Nur: Etliches versteht man heute nicht mehr. Viele der mythologischen Anspielungen etwa oder was der Autor eigentlich bezweckte, als er im Versmaß elegischer Liebesdichtung Männer und Frauen darin berät, wie man das jeweils andere Geschlecht herumkriegt. Und man versteht nicht, wie Ovid Sätze wie die eben zitierten in die Welt setzen, an vielen anderen Stellen der „Ars“ aber die Gleichberechtigung in allem Erotischen propagieren konnte – bis hin zum Lob des gleichzeitigen Orgasmus. Kein Zweifel: Ovids „Liebeskunst“ bedarf eines auch für Zeitgenossen ohne Altphilologiestudium verständlichen, ausführlichen Kommentars.

          Nun, ausführlich ist es, was die beiden Lyriker Tobias Roth und Asmus Trautsch sowie die Berliner Latinistin Melanie Möller kürzlich vorgelegt haben. Dazu in einer Gestaltung, in welcher die Erklärungen den farblich abgesetzten Ovidtext umfließen. Doch die Freude an dem schönen Layout währt nur so lange, bis man sich ans Lesen macht.

          Keine erkennbaren Sinnabschnitte

          Die Probleme fangen mit dem Ovidtext an. Zwar gibt es hervorragende moderne Übersetzungen der „Ars“ ins Deutsche, etwa die präzise Prosaversion des Heidelberger Altphilologen Michael von Albrecht bei Reclam oder die in der Sammlung Tusculum erschienene, kaum weniger genaue Versübertragung des ausgewiesenen Ovid-Experten Niklas Holzberg aus München. Doch im vorliegenden Band wird dem Leser die Übersetzung Wilhelm Hertzbergs aus dem Jahr 1854 vorgesetzt, in der ergänzenden Fassung Franz Burgers aus den frühen zwanziger Jahren, denn Hertzberg hatte die besonders expliziten Passagen am Schluss des zweiten und dritten Buches schamhaft weggelassen. Auch wenn die Kommentatoren nun die Burgersche Fassung noch einmal nachbearbeitet haben, bleibt das Ergebnis für heutige deutsche Leser hinter dem zurück, was man erwarten dürfte.

          Dann die Textaufteilung: Aus vielleicht gestalterischen, ansonsten aber unerfindlichen Gründen bilden die Ovid-Abschnitte auf jeder Seite trotz variabler Länge meist keine erkennbaren Sinnabschnitte. Schlimmer noch: Sehr oft zerreißt das Layout das antike Versmaß, indem es die beiden zusammengehörenden Teile des elegischen Distichons, Hexameter und Pentameter, auf verschiedenen, nicht notwendig gegenüberliegenden Seiten plaziert. Das wäre alles nicht so schlimm, wenn wenigstens der Kommentartext einer Seite auch immer mit dem Ovidtext auf derselben Seite korrespondieren würde, aber auch das ist längst nicht immer der Fall.

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