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„Naturkunden“: John Muir, Cord Riechelmann, Jürgen Goldstein : Seht nur, wie die alte Zuckerkiefer sich hält!

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Bild: Matthes & Seitz

Wiederbelebung der Naturgeschichte: Die ersten Bände der Reihe „Naturkunden“ bieten überzeugende Beispiele des genauen Blicks auf eine Natur, die von Kultur nicht zu scheiden ist.

          Im englischen Sprachraum gibt es eine Tradition des „nature writing“. Dabei wird Natur nicht nur für Spezialisten, sondern auch ein allgemeines Publikum dargestellt. Im neunzehnten Jahrhundert entstanden in Deutschland ebenfalls Bücher dieser Art von Naturgeschichte, aber später wurde dieses Gebiet vernachlässigt. Viele meinen, es reiche aus, wenn es Bestimmungsbücher und (populär-)wissenschaftliche Werke gibt. Doch muss man sich mit Natur aus zahlreichen Blickwinkeln auseinandersetzen: Judith Schalansky gibt eine neue Buchreihe mit dem Titel „Naturkunden“ heraus, um genau dies zu demonstrieren.

          Unter den ersten drei Bänden der Serie ist ein Klassiker des „nature writing“ aus den Vereinigten Staaten, John Muirs grandiose Beschreibung der Berge Kaliforniens aus dem Jahr 1894. Muir stammte aus Schottland und kam als Kind in die Neue Welt. Er war kein Wissenschaftler, eher ein Abenteurer, aber mit damals neuen wissenschaftlichen Resultaten sehr gut vertraut: Er wusste, dass viele hohe Gebirge in den Eiszeiten von Gletschern bedeckt gewesen waren, und auch, dass sich die Vegetation in der Nacheiszeit von Grund auf verändert hatte. Kaliforniens Berge waren einst vergletschert und baumlos gewesen; später bildeten sich Bergseen und Wälder, die zu den eindrucksvollsten der Welt gehören.

          Der Wandel im Blick

          Muir stellte diese Landschaft nicht nur so dar, wie sie ihm entgegentrat, sondern bedachte den tiefgreifenden Wandel, der von einer Kältesteppe zu Wäldern mit Mammutbäumen und Borstenkiefern geführt hatte. Beide Pflanzen erreichen ein sehr hohes Alter; ihre Stämme können mehrere tausend Jahresringe aufweisen. Das Bild der Landschaft, das vor den Augen der Leser entsteht, ist nicht nur schön, sondern auch von erheblicher Dynamik geprägt. Nichts ist nur einfach „da“: Berge kommen und gehen, Schnee fällt und schmilzt, das Wetter ändert sich, Seen entstehen und verschwinden, Bäume breiten sich aus und werden von anderen verdrängt. Der Wind „reißt ein Blatt oder einen Ast ab, falls dies erforderlich ist, oder schafft einen ganzen Baum oder Hain beiseite, mal durch die Zweige flüsternd und krähend wie ein schläfriges Kind, mal brüllend wie der Ozean; der Wind segnet den Wald, der Wald den Wind, mit unbeschreiblicher Schönheit und Harmonie als unfehlbarem Resultat.“

          Muir setzte sich für die Bewahrung der kalifornischen Bergwelt ein; er gehörte zu den ersten Naturschützern. Die zu schützende Natur ist für ihn genauso wenig starr wie die beschriebene Natur. Eine Bewahrung der Kräfte von Natur, eine Bewahrung der Dynamik, ist viel wichtiger als der Schutz einzelner Seen, Pflanzen- oder Tierarten. Es geht vor allem darum, Entwicklungen zu erkennen und sie zu ermöglichen. Solche Gedanken sind etlichen Naturschützern nicht fremd, aber es ist wichtig, dass ein Schutz von Naturkräften, wie er John Muir vorschwebte, in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Denn es muss immer wieder von neuem entschieden werden: Welche Natur wollen wir schützen, und welchen Naturschutz wollen wir? Und „wir“, das sind wirklich wir alle, nicht nur „die Experten“.

          Von Krähen und Insekten

          Natur als etwas Lebendiges und daher Dynamisches stellt auch Cord Riechelmann im ersten Band der „Naturkunden“ dar, und zwar am Beispiel der Krähen. Diese Singvögel, die nach allgemeiner Meinung nicht singen können, lassen sich Tag für Tag neu erkennen. Dazu regt das Buch an: Riechelmann geht es darum, durch Beobachten ein kulturelles Verständnis für eine Tierart zu entwickeln. Wer das Buch gelesen hat, ist von den Tieren fasziniert. Man möchte die Beobachtungen sofort überprüfen, ergänzen, ausbauen.

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